Begehren ohne Genuss: Warum manche Menschen funktionieren und dabei wenig spüren
Wenig zu spüren ist nicht zwangsläufig ein Defekt. Jugendliche, die mit anhaltender Gewalt aufwachsen, beschrieben emotionale Betäubung in Interviews als Schutz, der ihr Leiden aber nicht beseitigt. Innere Leere ist in der Forschung schwer zu fassen. Eine Übersicht über 99 Studien aus der Borderline-Forschung beschreibt sie als Gefühl, von sich und anderen abgetrennt zu sein.
Manche Menschen funktionieren zuverlässig und fühlen dabei kaum etwas. Über ein Problem, das sich als Anwesenheit zeigt, lässt sich leichter sprechen als über eines, das sich als Abwesenheit zeigt. Wer wenig spürt, hat nichts vorzuweisen: keine Panik, keinen Schmerz, keinen Streit. Von außen ist alles in Ordnung, und genau das macht die Frage schwer zu stellen.
Soweit die Belege reichen, kann das, was wie ein Ausfall aussieht, als Anpassung an eine bedrohliche Lage begonnen haben. Ob und warum sie danach weiterläuft, zeigt keine der hier versammelten Arbeiten. Der erste Abschnitt klärt, was die Forschung unter innerer Leere versteht. Danach folgen fünf Forschungslinien aus verschiedenen Fächern. Sie sind nicht füreinander entwickelt worden, und keine von ihnen erklärt einen ganzen Menschen. Ihre Zusammenstellung ist die Ordnung dieser Seite, kein Forschungsstand.
Was bedeutet innere Leere?
Innere Leere oder emotionale Leere sind Ausdrücke aus dem Alltag, und auch die Forschung tut sich schwer, sie genau zu fassen. In der Fachliteratur heißt das chronische Leere. Caitlin Miller und Kolleg:innen haben 2020 in einer systematischen Übersicht 99 Studien dazu ausgewertet. Ihr erstes Ergebnis sind erhebliche Schwierigkeiten, chronische Leere zu definieren und zu messen. Nach den ausgewerteten Studien ist sie am ehesten ein Gefühl, von sich selbst und von anderen abgetrennt zu sein1. Mit Einsamkeit ist sie danach nicht gleichzusetzen. Die Autor:innen grenzen sie von Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und der Unfähigkeit zum Alleinsein ab und halten dazu mehr Forschung für nötig1. In der Vorgeschichte des Begriffs erinnern sie an eine Beschreibung der Psychoanalytikerin Helene Deutsch. Sie verglich ein Innenleben ohne inneres Erleben mit einem Schauspieler, der sein Handwerk beherrscht und dem doch der Funke fehlt1.
Die Übersicht gilt der Borderline-Persönlichkeitsstörung, zu deren Kriterien ein chronisches Gefühl der Leere gehört. Dort wird Leere häufig und stark erlebt, bildet sich selten zurück und hängt mit Selbstverletzung, Suizidalität und schlechterem Zurechtkommen in Beziehungen und Beruf zusammen1. Eine Studie, die die Übersicht referiert, verglich Menschen in psychiatrischer Behandlung, die jeweils nur ein einziges Borderline-Kriterium angaben. Wer nur die Leere angab, hatte die meisten Fehltage und das niedrigste soziale Funktionsniveau aller Gruppen1. In drei Studien ging die Leere nach einer Behandlung nachweisbar zurück, unter anderem nach dialektisch-behavioraler Therapie1.
Für das Thema dieser Seite ist das ein wichtiger Unterschied. In der Borderline-Forschung geht Leere mit einem Alltag einher, der schlechter gelingt. Hier geht es um Menschen, bei denen der Alltag läuft und das Spüren fehlt. Ob das dieselbe Leere ist, nur ohne sichtbare Folgen, hat keine der hier verwendeten Arbeiten untersucht. Hält eine Leere lange an oder kommen Gedanken an Selbstverletzung dazu, ist das ein Grund, mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Psychotherapeutin zu sprechen.
Warum spüren manche Menschen wenig, obwohl alles funktioniert?
Wer ständig in Gefahr lebt, den kann wenig Spüren schützen. So sehen es jedenfalls Betroffene und die, die sie behandeln. Eine qualitative Studie aus Chicago hat neun Jugendliche, die mit anhaltender Gewalt in ihrem Viertel aufwachsen, und sechs sie behandelnde Traumakliniker:innen dazu befragt, was sie unter Widerstandsfähigkeit verstehen2. Für die Jugendlichen hieß Widerstandsfähigkeit vor allem durchzukommen, weniger sich wieder zu erholen. Wachsamkeit, Vermeidung und emotionale Betäubung ordneten sie als Schutzreaktionen ein, nicht als Krankheitszeichen.
Eine Klinikerin beschreibt in derselben Arbeit die Doppelnatur des Zustands. Dauerwachsamkeit belaste den Körper und sei zugleich angemessen, solange die Umgebung tatsächlich gefährlich bleibt2. Das ist der belegte Kern, und er ist enger, als er zunächst klingt.
Denn dieselbe Arbeit markiert die Grenze mit. Anpassung ist nicht kostenlos, und Widerstandsfähigkeit unter anhaltender Bedrohung besteht neben fortdauerndem Leiden, statt es auszuschließen2. Sie beschreibt außerdem den Übergang, an dem aus einer akuten Schutzstrategie eine eingegrabene Gewohnheit wird. Dass diese Gewohnheit später weiter schützt, wenn die ursprüngliche Bedrohung längst weg ist, sagt die Arbeit nicht. Dort hört der Beleg auf.
Wann wird aus Mithelfen zu viel Verantwortung?
Nach der Lesart von Sandrine Haxhe dann, wenn ein Kind für die Gefühle eines Erwachsenen zuständig wird. Der Fachbegriff dafür heißt Parentifizierung und stammt aus der Familientherapie. Gemeint ist, dass sich die Rollen in einer Familie so verschieben, dass ein Kind wie ein Elternteil behandelt wird3.
Haxhe hat 2016 die frühen Texte zum Begriff ausgewertet. Den Kern bildet danach die emotionale Last, nicht die praktische Arbeit. Rein instrumentelle Aufgaben ohne emotionale Erwartung führen nach ihr nicht zu Parentifizierung4. Wer als Kind viel mitgearbeitet hat, hat deshalb nicht automatisch erlebt, was der Begriff bezeichnet. Die gängigen Fragebögen trennen beides allerdings nicht sauber4. Was das für die Selbsteinschätzung heißt, zeigt der Text darüber, wie sich Parentifizierung erkennen lässt und was ein Test nicht zeigt.
Strittig ist, ob es auch eine unschädliche Form gibt. Gregory Jurkovic unterscheidet eine adaptive von einer destruktiven Parentifizierung5. Haxhe widerspricht dieser Unterscheidung und schlägt vor, das, was üblicherweise „konstruktiv“ genannt wird, unter einen anderen Begriff zu stellen4. Beide Positionen stehen nebeneinander.
Warum fehlen manchen Menschen die Worte für das, was sie fühlen?
Das Warum ist offen. Beschrieben ist die Lücke aber seit über fünfzig Jahren, unter dem Begriff Alexithymie. Er geht auf Peter Sifneos zurück, der ihn 1973 in einer Arbeit über Patient:innen mit psychosomatischen Erkrankungen verwendete6. Die bis heute maßgebliche Definition stammt aus einem Beitrag von 1976. Sie nennt vier Bestandteile: Gefühle zu erkennen und von körperlicher Erregtheit zu unterscheiden, sie zu beschreiben, eine eingeschränkte Fantasietätigkeit und ein nach außen gerichtetes Denken7.
Die Toronto Alexithymia Scale von 1994, ein Fragebogen mit zwanzig Aussagen, erfasst davon nur drei. Die Fantasietätigkeit kommt in ihr nicht vor8. An dieser Stelle läuft eine Konstruktdebatte. Eine Forschungsgruppe schlägt vor, die vierte Komponente zu streichen, die Urheber der Skala halten dagegen9. Gestritten wird über die Feinstruktur, nicht über die Existenz des Phänomens.
Auf diesen Begriff setzt eine umstrittenere These auf. Ronald Levant vermutete ab Mitte der Neunziger eine „normative männliche Alexithymie“, ein durch traditionelle Männlichkeitsvorstellungen anerzogenes Muster: Jungen entwickelten gerade für Verletzlichkeits- und Bindungsgefühle keine Sprache10. Die deutlichste Grenze hat Levant 2014 mit Ko-Autoren selbst gezogen. Die Theoretiker der männlichen Sozialisation, ihn eingeschlossen, hätten deren schädigende Wirkung für die meisten Männer womöglich überschätzt. Bei Männern außerhalb einer Behandlung sei eher bewusste Unterdrückung am Werk als Verdrängung oder Dissoziation11. Wie der Fragebogen aufgebaut ist und ob schweigenden Männern das Gefühl fehlt oder nur das Wort, behandelt der Text über Alexithymie, ihre Merkmale und die Forschung zu Männern.
Was ist der Unterschied zwischen Freeze und Vermeidung?
Vor allem die Dauer. Freeze meint Sekunden bis Minuten während einer akuten Gefahr, Vermeidung ein Muster ohne Zeitgrenze. Diese Seite ordnet beides deshalb nach der Zeit und stellt eine dritte Achse daneben, das Etikett hinterher. Die Ordnung ist aus drei getrennten Literaturen zusammengesetzt und kein Forschungsstand.
| Tonische Immobilität („Freeze“) | Experiential avoidance | Das Etikett hinterher | |
|---|---|---|---|
| Zeitraum | Sekunden bis Minuten, während einer akuten Bedrohung | ohne Zeitgrenze | im Rückblick |
| Was beschrieben wird | unwillkürliche Bewegungshemmung bei intensiver Furcht | Ausweichen vor inneren Erfahrungen und vor Orten | Gründe, die jemand für sein Urteil oder seine Wahl nennt |
| Grenze | Zahlen aus einer einzigen Stichprobe | keine Diagnose, sagt nichts über das Warum | untersucht nur für Getanes, nicht für Unterlassenes |
Die erste Achse ist kurz. Tonische Immobilität, umgangssprachlich „Freeze“, bezeichnet einen unwillkürlichen, vorübergehenden Zustand motorischer Hemmung bei intensiver Furcht, mit verändertem Muskeltonus, ausbleibender Stimme und verminderter Reaktion auf äußere Reize12. Der Begriff ist peritraumatisch definiert. Er meint einen Zustand während einer akuten Bedrohung, Sekunden bis Minuten. Die belastbaren Zahlen dazu stammen aus einer einzigen Stichprobe in Stockholm mit 298 Frauen nach sexueller Gewalt, und diese Herkunft ist die Grenze des Begriffs. Für Wochen oder Jahre trägt er nicht.
Die zweite Achse ist lang und heißt anders. Mit experiential avoidance ist gemeint, dass jemand bestimmte innere Erfahrungen (Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen) nicht haben will und etwas unternimmt, um ihnen auszuweichen oder sie zu verändern. Das Meiden konkreter Orte zählt ausdrücklich dazu13. Eine zeitliche Grenze kennt der Begriff nicht. Als krankhaft gilt das Muster erst, wenn es fortbesteht, obwohl es teuer, nutzlos oder einschränkend geworden ist. Er beschreibt, was geschieht, und lässt das Warum offen. Eine diagnostische Kategorie ist er nicht.
Die dritte Achse ist die interessanteste und die am dünnsten belegte. Richard Nisbett und Timothy Wilson haben 1977 gezeigt, dass Menschen oft nicht von innen erkennen, warum sie so urteilen und entscheiden, wie sie es tun. Sie greifen dann auf Erklärungen zurück, die in ihrer Kultur ohnehin bereitliegen, und tragen sie mit großer Überzeugung vor, auch wenn diese Erklärungen nachweislich nicht zutreffen14. In einem späteren Versuch bekamen Versuchspersonen nach ihrer Wahl heimlich die Alternative vorgelegt, die sie gerade nicht gewählt hatten. Der Tausch fiel häufig nicht auf, und die Beteiligten lieferten Gründe für eine Wahl, die sie nie getroffen hatten15.
Hier gehört eine Einschränkung hin. Beide Arbeiten untersuchen ausnahmslos Getanes: Urteile, Bewertungen, getroffene Wahlen. In keinem der berichteten Experimente soll jemand begründen, weshalb er etwas unterlassen hat. Wer die Befunde auf eine Unterlassung überträgt, zieht deshalb eine Analogie und keinen Befund. Das ist naheliegend, aber ungeprüft. Was daraus für den Satz „ich habe mich dagegen entschieden“ folgt, verfolgt der Text darüber, wie aus einem Nicht-Getanen im Rückblick eine Entscheidung wird.
Warum fällt es manchen Menschen so schwer, Hilfe anzunehmen?
Ganz geklärt ist das nicht. Zwei Befundlinien setzen an verschiedenen Stellen an, die eine beim Bitten um Hilfe, die andere beim Bemerken der Hilfe.
Die erste geht auf John Bowlby zurück. Ihm wird ein Muster zugeschrieben, das in der Fachliteratur compulsive self-reliance heißt, zwanghafte Selbstgenügsamkeit. Menschen mit diesem Muster bestreiten, nahe Beziehungen zu brauchen, misstrauen ihnen und gehen Situationen aus dem Weg, in denen sie abgewiesen werden könnten oder in denen andere sich auf sie stützen16. Eine Übersicht aus der Bindungsforschung, von Mikulincer, Shaver und Pereg, verwendet den Begriff in ihrer Beschreibung des vermeidenden Stils und führt ihn als einen von zwei Entstehungswegen dorthin16.
Wie sich Bindungsvermeidung beim Bitten zeigt, hat eine Studie mit 93 Paaren beobachtet, deren Gespräch auf Video aufgezeichnet wurde. Bindungsvermeidende Personen baten unter Belastung seltener direkt um Unterstützung und wählten öfter indirekte Wege. Dass sie die empfangene Unterstützung als weniger wertvoll erlebten, sagte die Vermeidung dagegen nicht voraus17. Belegt ist also das Bitten, keine Entwertung des Empfangenen. Was Bindungsangst und Bindungsvermeidung als Dimensionen überhaupt sind, erklärt der Überblick zu den Bindungsstilen.
Die zweite Linie ist nicht an einen Bindungsstil gebunden. In einer Tagebuchstudie über 32 Tage wurden 68 Paare begleitet, in denen jeweils ein Partner für das Anwaltsexamen in New York lernte. Unterstützung, die der Lernende bemerkte, ging am nächsten Tag mit mehr Angst und depressiver Verstimmung einher. Am günstigsten verlief es, wenn der Partner half, ohne dass der andere es wahrnahm18. Gegen Hilfe spricht das nicht. Sichtbare Unterstützung nützt gerade dann, wenn jemand stark belastet ist und handeln muss19. Die Kosten hängen also von der Lage ab. Die umgekehrte Seite, Menschen, die in Beziehungen fast nur geben, beschreibt der Text über das Helfersyndrom und das Muster, nur zu geben.
Vertiefung: Stichproben, Deutungen und was keine dieser Linien zeigt
Woher die Daten kommen. Keine der hier verwendeten Stichproben ist ein Querschnitt der Bevölkerung, und keine wurde erhoben, um die Frage dieser Seite zu beantworten. Die Befunde zur Leere stammen aus der Borderline-Forschung und aus klinischen Stichproben. Die Studie zu Fehltagen und Funktionsniveau kennt diese Seite nur aus der Übersicht, nicht im Original1. Die Anpassungsstudie ist qualitativ, mit neun Jugendlichen und sechs Kliniker:innen aus einer Stadt2. Die Erstarrungszahlen stammen aus einer einzigen Studie mit Frauen nach sexueller Gewalt12. Die Unterstützungsbefunde stammen aus Paaren in einer Liebesbeziehung, die im Labor ein Gespräch führten, beziehungsweise aus einer Prüfungssituation mit hohem Bewertungsdruck1718.
Die Geschlechterfrage ist offen. Ob Jungen häufiger oder auf andere Weise in Verantwortung für die Familie genommen werden als Mädchen (eher Funktion, eher Trost), lässt sich mit den für diese Seite im Volltext geprüften Arbeiten nicht beantworten. Zum Unterschied zwischen Männern und Frauen in Alexithymie-Werten nennt diese Seite keine Zahl, weil keine an der Primärquelle geprüft werden konnte. Und auch die Übersicht zur chronischen Leere hält ein Urteil über den Einfluss des Geschlechts für nicht möglich1.
Wo Bowlby den Begriff verwendet. Das ist offen. Lapsley und Kollegen ordnen die zwanghafte Selbstgenügsamkeit einem Aufsatz von 1978 zu, Mikulincer und Kollegen dem ersten Band von Attachment and Loss. In diesem Band steht der Begriff nach einer Durchsuchung beider Auflagen nicht, und der Aufsatz von 1978 war nicht zugänglich16. Der Begriff wird hier deshalb als referiert geführt.
Eine Deutung mit Datum. Für das Muster, dass jemand immer wieder geht, hält die Literatur eine Figur bereit, Don Juan. Otto Rank hat sie 1922 psychoanalytisch gedeutet. Die vielen Frauen stünden stellvertretend für die eine Mutter, die sich nicht ersetzen lässt, und die Wiederholung bleibe unbefriedigend, „weil sie die infantile Regressionstendenz zur Mutter nur teilweise zu erfüllen vermag“20. Bemerkenswert ist, was Rank nicht schreibt. Das Wort Flucht fällt an den geprüften Stellen nicht, er spricht von Vermeidung und Sich-Entziehen. Die geläufige Verdichtung „er flieht vor der Liebe“ ist Rezeption, nicht Wortlaut. Wie ältere Bearbeitungen die Figur ganz anders lesen und was die Bindungsforschung heute über Rückzug beschreibt, steht im Text über das Don-Juan-Muster.
Was keine dieser Linien zeigt:
- Dass innere Leere und ein Funktionieren bei wenig Spüren dasselbe sind. Die Leere-Befunde stammen aus der Borderline-Forschung und aus klinischen Stichproben, und wie häufig Leere außerhalb klinischer Stichproben vorkommt, ist hier nicht belegt.
- Dass das Nichtspüren im Erwachsenenleben weiterhin schützt. Die Befragten ordneten es als Schutz ein, für die Phase der andauernden Bedrohung selbst2.
- Dass Menschen Gründe für Unterlassungen ebenso bereitwillig erfinden wie für Handlungen. Das ist eine naheliegende, aber ungeprüfte Übertragung.
- Dass sich Empfangen lernen lässt. Für diese Seite wurde keine belastbare Interventionsstudie dazu herangezogen; das ist eine offene Stelle, keine erledigte Frage.
- Dass die Linien überhaupt zusammengehören. Sie stammen aus getrennten Literaturen, und ihre Verbindung ist die Ordnung dieses Textes.
Fünf Fragen aus diesem Text bekommen eine eigene, ausführlichere Antwort:
- Wann aus Mithelfen Parentifizierung wird und warum eine Punktzahl das nicht entscheidet
- Ob Männern, die über Gefühle schweigen, das Gefühl fehlt oder nur das Wort dafür
- Woher die Erklärung stammt, ein Mann wie Don Juan könne nicht bleiben
- Was über nachträgliche Gründe bekannt ist, wenn etwas nicht getan wurde
- Das Helfersyndrom: Menschen, die in Beziehungen fast nur geben
Wenn Sie wissen möchten, welche der drei Linien des Verlangens bei Ihnen die tragende ist, gibt es dafür den Selbstauskunftsbogen: 21 Aussagen, keine Diagnose, und Ihre Antworten werden nicht gespeichert. Worum es im Buch geht, steht auf seiner eigenen Seite.
- Miller, C. E., Townsend, M. L., Day, N. J. S., & Grenyer, B. F. S. (2020). Measuring the shadows: A systematic review of chronic emptiness in borderline personality disorder. PLOS ONE 15(7), e0233970. Systematische Übersicht nach PRISMA, 99 eingeschlossene Studien. Fundstellen ohne Seitenzahlen, über die Abschnitte: Abstract (Definitionsschwierigkeit, Abgetrenntheit), „Impact of chronic emptiness on social and vocational function“ (Studie von Ellison u. a.), „Treatment for chronic emptiness“, „Age and gender“. Volltext eingesehen (Open Access, CC BY 4.0). Vorbehalt: Alle Befunde stammen aus Borderline-Stichproben. Die Studie von Ellison u. a., die Behandlungsstudien und die Beschreibung von Helene Deutsch sind nur über diese Übersicht referiert, die Originale wurden nicht eingesehen.
- Boulware, A., & Bibbs, D. (2026). Resilience in Adverse Contexts: Youth and Clinician Perspectives on Navigating Community Violence. Children 13(1), Art. 122. Phänomenologisches Design, halbstrukturierte Interviews mit neun Jugendlichen und sechs Kliniker:innen, Chicago. Zitatstellen S. 10 (Doppelnatur der Hypervigilanz) und S. 13/14 („resilience under chronic threat may coexist with ongoing distress rather than signal its absence“). Volltext eingesehen (Open Access, CC BY). Vorbehalt: qualitativ, kleine Stichprobe, ein Stadtkontext, keine Prävalenzaussage und keine Vergleichsgruppe; belegt ist, wie Befragte die Strategien einordnen, nicht eine gemessene Schutzwirkung.
- Boszormenyi-Nagy, I., & Spark, G. M. (1973). Invisible Loyalties: Reciprocity in Intergenerational Family Therapy. Harper & Row, New York. Grunddefinition der Parentifizierung. Vorbehalt: nicht am Original eingesehen; die Definition ist hier über die Wiedergabe bei Haxhe (2016, S. 186) referiert, eine Original-Seitenzahl liegt nicht vor.
- Haxhe, S. (2016). Parentification and Related Processes: Distinction and Implications for Clinical Practice. Journal of Family Psychotherapy 27(3), S. 185–199. S. 186: emotionale Last als Kern, Kritik an der Vermischung instrumenteller und emotionaler Items in den gängigen Instrumenten, ausdrücklicher Widerspruch gegen eine „konstruktive“ Parentifizierung. Volltext eingesehen.
- Jurkovic, G. J. (1997). Lost Childhoods: The Plight of the Parentified Child. Brunner/Mazel, New York. Unterscheidung adaptiv/destruktiv. Vorbehalt: nicht am Original geprüft; die Existenz der Unterscheidung ist mehrfach unabhängig bestätigt, die genaue Kriterienliste nicht. Sie wird hier ausdrücklich nicht als Forschungsstand geführt, weil ihr widersprochen wird (siehe [4]).
- Sifneos, P. E. (1973). The prevalence of „alexithymic“ characteristics in psychosomatic patients. Psychotherapy and Psychosomatics 22, S. 255–262. Hier nur für die Herkunft des Begriffs verwendet. Vorbehalt: Der Volltext ist kostenpflichtig und wurde nicht eingesehen; bibliografische Angaben über die Verlagsseite geprüft.
- Nemiah, J. C., Freyberger, H., & Sifneos, P. E. (1976). Alexithymia: A view of the psychosomatic process. In O. W. Hill (Hg.), Modern Trends in Psychosomatic Medicine, Bd. 3, S. 430–439. Butterworths, London. Die kanonische Vier-Komponenten-Definition; sie stammt aus dieser Arbeit, nicht aus dem Sifneos-Artikel von 1973. Vorbehalt: nicht im Volltext eingesehen; Angaben und Zuordnung aus einer im Volltext geprüften Primärquelle [11].
- Bagby, R. M., Parker, J. D. A., & Taylor, G. J. (1994). The twenty-item Toronto Alexithymia Scale — I. Item selection and cross-validation of the factor structure. Journal of Psychosomatic Research 38(1), S. 23–32. Drei Subskalen; die vierte Komponente aus [7] wird nicht erfasst.
- Preece, D., Becerra, R., Allan, A., Robinson, K., & Dandy, J. (2017). Establishing the theoretical components of alexithymia via factor analysis. Personality and Individual Differences 119, S. 341–352. Vorschlag, die vierte Komponente zu streichen. Gegenposition: Taylor, G. J., Porcelli, P., & Bagby, R. M. (2024). Alexithymia: A defense of the original conceptualization of the construct and a critique of the attention-appraisal model. Clinical Neuropsychiatry 21(5), S. 329–357. Vorbehalt: Der Preece-Artikel selbst wurde nicht im Volltext eingesehen, seine Position ist über die im Volltext geprüfte Gegenschrift referiert.
- Levant, R. F. (1998). Desperately seeking language: Understanding, assessing, and treating normative male alexithymia. In W. S. Pollack & R. F. Levant (Hg.), New Psychotherapy for Men, S. 35–56. John Wiley & Sons, New York. Vorbehalt: nicht im Volltext eingesehen; Angaben aus dem Literaturverzeichnis von [11], die Kernbehauptung nach deren Zusammenfassung referiert.
- Levant, R. F., Allen, P. A., & Lien, M.-C. (2014). Alexithymia in men: How and when do emotional processing deficiencies occur? Psychology of Men & Masculinity 15(3), S. 324–334. Volltext eingesehen (akzeptierte Manuskriptfassung). Die Selbstrelativierung steht im Diskussionsteil: Die Theoretiker der männlichen Sozialisation hätten deren schädigende Wirkung für die meisten Männer womöglich überschätzt (S. 25 der Manuskriptfassung; die Seitenzahl der Zeitschriftenfassung ist nicht ermittelt). Zwei Teilstudien, n = 258 und n = 85, college-alte, überwiegend weiße und heterosexuelle Männer.
- Möller, A., Söndergaard, H. P., & Helström, L. (2017). Tonic immobility during sexual assault — a common reaction predicting post-traumatic stress disorder and severe depression. Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica 96(8), S. 932–938. Definition S. 932–933, Ergebnisse S. 935. Prospektiv, N = 298. Volltext eingesehen. Vorbehalt und Grenze des Begriffs: peritraumatisch erhoben, also für einen Zustand während der Bedrohung; die Zahlen stammen aus einer einzigen Stichprobe von Frauen nach sexueller Gewalt und sind nicht auf ungefährliche Lagen übertragbar.
- Hayes, S. C., Wilson, K. G., Gifford, E. V., Follette, V. M., & Strosahl, K. (1996). Experiential Avoidance and Behavioral Disorders: A Functional Dimensional Approach to Diagnosis and Treatment. Journal of Consulting and Clinical Psychology 64(6), S. 1152–1168. Definition S. 1153, Pathologie-Einschränkung S. 1157, Ortsvermeidung S. 1160. Volltext eingesehen. Eng zu lesen: prozessual-funktionaler Begriff, keine diagnostische Kategorie; er beschreibt das Was, nicht das Warum.
- Nisbett, R. E., & Wilson, T. D. (1977). Telling more than we can know: Verbal reports on mental processes. Psychological Review 84(3), S. 231–259. Volltext eingesehen. Eng zu lesen: Sämtliche berichteten Experimente betreffen Bewertungen, Urteile oder getroffene Wahlen; keines betrifft eine Unterlassung.
- Johansson, P., Hall, L., Sikström, S., & Olsson, A. (2005). Failure to detect mismatches between intention and outcome in a simple decision task. Science 310(5745), S. 116–119. Zitation und Versuchsaufbau über eine Zusammenfassung des Erstautors bestätigt. Vorbehalt: Der Original-Volltext war nicht zugänglich; die kursierenden Erkennungsquoten werden deshalb hier nicht wiedergegeben. Auch dieses Paradigma betrifft eine getroffene Wahl.
- Lapsley, D. K., Varshney, N. M., & Aalsma, M. C. (2000). Pathological attachment and attachment style in late adolescence. Journal of Adolescence 23(2), S. 137–155, hier S. 138–139. Referat von Bowlbys Mustern, einschließlich compulsive self-reliance; Volltext eingesehen. Ergänzend: Mikulincer, M., Shaver, P. R., & Pereg, D. (2003). Attachment Theory and Affect Regulation. Motivation and Emotion 27(2), S. 77–102, hier S. 79–80 (Begriff in der Beschreibung des vermeidenden Stils) und S. 96–97 (einer von zwei Entwicklungswegen zu deaktivierenden Strategien); Volltext eingesehen. Vorbehalt: Beide sind Sekundärquellen und schreiben den Begriff verschiedenen Bowlby-Werken zu: Lapsley u. a. dem Aufsatz „Attachment theory and its therapeutic implications“ (1978, in Adolescent Psychiatry Bd. VI), Mikulincer u. a. dem ersten Band von Attachment and Loss (1969/1982). Beide Auflagen dieses Bandes wurden im Volltext durchsucht; der Begriff kommt darin nicht vor. Der Aufsatz von 1978 war nicht zugänglich, die Fundstelle bleibt ungeklärt. Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Subskala des Conformity to Masculine Norms Inventory, die etwas anderes misst.
- Collins, N. L., & Feeney, B. C. (2000). A Safe Haven: An Attachment Theory Perspective on Support Seeking and Caregiving in Intimate Relationships. Journal of Personality and Social Psychology 78(6), S. 1053–1073. Videografierte Interaktion, 93 Paare in einer Liebesbeziehung; Suchverhalten S. 1057, Nullbefund zur Wahrnehmung der Unterstützung S. 1063. Volltext eingesehen.
- Bolger, N., Zuckerman, A., & Kessler, R. C. (2000). Invisible Support and Adjustment to Stress. Journal of Personality and Social Psychology 79(6), S. 953–961. 32-tägige Tagebuchstudie, 68 Paare; Ergebnisse S. 956–958. Volltext eingesehen. Vorbehalt: Die Stichprobe steht unter einem spezifischen Bewertungsdruck (Anwaltsexamen); die Übertragung auf andere Lagen ist nicht mitbelegt.
- Girme, Y. U., Overall, N. C., & Simpson, J. A. (2013). When visibility matters: Short-term versus long-term costs and benefits of visible and invisible support. Personality and Social Psychology Bulletin 39(11), S. 1441–1454. Vorbehalt: nicht im Volltext eingesehen; der Befund ist über das wörtliche Referat in einer im Volltext gelesenen Arbeit belegt.
- Rank, O. (1924). Die Don Juan-Gestalt. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig/Wien, S. 55. Zitat am Volltext-Scan mit gedruckter Originalpaginierung geprüft. Rank † 1939, das deutsche Original ist gemeinfrei. Vermeidungs- und Verleugnungsstellen S. 14 und S. 48.