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Begehren ohne Genuss

Alexithymie: was sie ist, was ein Test misst und was bei Männern stimmt

Alexithymie bedeutet, dass jemand eigene Gefühle schlecht erkennt und kaum Worte für sie findet. Auch Gefühl und Körperempfindung sind schwer zu trennen. Gemessen wird das mit Fragebögen wie der Toronto Alexithymia Scale. Bei gedrückter Stimmung kann der Wert steigen. Bei jungen Männern, die nicht in Behandlung waren, hing sie vor allem mit bewusstem Zurückhalten zusammen.

Zwischen „ich weiß es nicht“ und „ich rede nicht darüber“ liegt ein Unterschied, den von außen niemand sieht. Für den, der wartet, ist das Ergebnis dasselbe. Es kommt nichts. Für die Frage, woran es liegt, ist es der ganze Unterschied. Der Fachbegriff Alexithymie beschreibt die erste Möglichkeit. Die Forschung zur Alexithymie bei Männern hat im Lauf von rund zwanzig Jahren gelernt, die zweite ernster zu nehmen.

Was ist Alexithymie?

Alexithymie ist die Schwierigkeit, eigene Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen. Auch ein Gefühl von bloßer körperlicher Aufregung zu trennen, fällt dann schwer. Die maßgebliche Definition stammt aus einem Beitrag von Nemiah, Freyberger und Sifneos aus dem Jahr 19761. Sie beschreibt einen erschwerten Zugang zum Gefühl und kein Fehlen von Gefühlen.

Umgangssprachlich heißt Alexithymie auch Gefühlsblindheit. Das Wort führt leicht in die Irre. Blind ist der Blick auf das Gefühl, nicht das Gefühl selbst. Mit Gefühllosigkeit oder Gefühlskälte ist Alexithymie deshalb nicht gleichzusetzen. Wie der Begriff entstand und worüber die Forschung bis heute streitet, steht im Grundlagentext zum Funktionieren ohne Spüren.

Woran merkt man Alexithymie?

Die Definition von 1976 nennt vier Merkmale1:

  • Gefühle erkennen. Es fällt schwer, ein Gefühl als solches wahrzunehmen und von einer bloß körperlichen Erregung zu unterscheiden.
  • Gefühle beschreiben. Auch wer merkt, dass etwas in ihm vorgeht, findet kaum Worte dafür.
  • Fantasie. Die Fantasietätigkeit ist eingeschränkt.
  • Blickrichtung. Das Denken ist nach außen gerichtet, eher auf Abläufe und Tatsachen als auf das eigene Erleben.

Wie das im Alltag aussehen kann, lässt sich nur als Beispiel sagen. Herzklopfen vor einem Gespräch kann Angst sein, Ärger oder Vorfreude. Wem die Zuordnung schwerfällt, der spürt den Körper deutlich und weiß trotzdem nicht, was er fühlt.

Keines dieser Merkmale lässt sich von außen sicher ablesen. Schweigt jemand über ein Gefühl, weil er es nicht erkennt, oder weil er es nicht zeigen will? Dieser Frage ist die Forschung zu Männern nachgegangen, dazu weiter unten.

Gibt es einen Alexithymie-Test?

Ja, als Fragebogen, den man über sich selbst ausfüllt. Die Studien auf dieser Seite arbeiten mit der Toronto-Alexithymie-Skala (Toronto Alexithymia Scale), kurz TAS-20. Bagby, Parker und Taylor haben sie 1994 vorgelegt. Sie besteht aus zwanzig Aussagen und drei Teilskalen2. Eines der vier Merkmale kommt darin nicht vor:

Merkmal nach der Definition von 1976 In der TAS-20
Gefühle erkennen und von körperlicher Erregung unterscheiden Teilskala „Schwierigkeit, Gefühle zu identifizieren“
Gefühle beschreiben Teilskala „Schwierigkeit, Gefühle zu beschreiben“
Nach außen gerichtetes Denken Teilskala „extern orientiertes Denken“
Eingeschränkte Fantasietätigkeit nicht erfasst

Was ein Wert auf diesem Fragebogen bedeutet, ist in der Forschung selbst umstritten. Ein Einwand, der in der Literatur umläuft, betrifft die erste Teilskala. Sie überschneide sich mit allgemeinem seelischem Leidensdruck und messe deshalb nicht allein Alexithymie. Taylor, einer der Urheber, führt diesen Einwand 2024 mit zwei Kollegen als einen von drei Kritikpunkten an3.

Die drei räumen selbst ein, dass die Werte durch negative Stimmung mäßig erhöht sein können. Die absolute Stabilität leide darunter, für die relative Stabilität gebe es dagegen starke Belege3. Wer im Vergleich zu anderen hoch liegt, liegt dort also in der Regel auch später noch. Die Zahl selbst kann schwanken.

Wo ein hoher Wert beginnt, ist eine Frage der Einteilung. Die Testautoren haben 1997 Trennwerte empfohlen. Eine Übersichtsarbeit von 2012 führt sie in einer Tabelle bei einer der ausgewerteten Studien auf. Dort galt 51 und weniger als niedrig und 61 und mehr als hoch. Werte über 51 und unter 61 zählten als mittel. Zugleich hält die Übersicht fest, dass die Studien die Werte trotz dieser Empfehlung nicht einheitlich einteilten4. Solche Grenzen teilen die Teilnehmenden einer Studie in Gruppen. Eine Schwelle, ab der bei einer Person Alexithymie feststeht, sind sie nicht.

Ein Grundeinwand betrifft die Form des Tests. Dieselbe Übersicht fragt, ob ein Fragebogen zur Selbsteinschätzung taugt, wenn gerade das Nachdenken über die eigenen Gefühle schwerfällt4. Die Urheber der TAS-20 sehen die Grenze selbst. Sie empfehlen seit Jahren, Alexithymie mit mehreren Verfahren zu erfassen. Die TAS-20 und andere Selbstauskunftsbögen sollten durch Interviews oder aufgabenbasierte Verfahren ergänzt werden, etwa durch das Toronto Structured Interview for Alexithymia3.

Für den Einzelnen folgt daraus eine Vorsicht. Ein hoher Wert trennt eine dauerhafte Eigenart nicht zuverlässig von einer gerade belasteten Lage. Er ist kein Befund über eine Person, und er ist keine Diagnose. Das gilt für einen Online-Test ebenso wie für einen Fragebogen in einer Studie.

Fehlt bei Männern das Gefühl oder das Wort dafür?

Bei jungen Männern wird das Gefühl eher zurückgehalten, als dass es fehlt. Dafür spricht eine Studie von 2014 mit Männern, die nicht in Behandlung waren. In zwei Teilstudien mit 258 und 85 Männern im College-Alter prüfte sie drei Mechanismen gegeneinander: bewusste Unterdrückung, Verdrängung und Dissoziation5.

Die drei unterscheiden sich darin, wie viel der Betroffene selbst mitbekommt. Unterdrückung ist der bewusste unter ihnen. Das Gefühl ist da, und es wird nicht gezeigt. Sie sagte die Werte auf beiden verwendeten Fragebögen deutlich stärker vorher als Verdrängung oder Dissoziation. Das galt auch, wenn Depression und allgemeine Stimmungslage herausgerechnet wurden5.

Der Schluss der Autoren ist sparsam und deshalb brauchbar. Bei Männern, die nicht aus einer klinischen Stichprobe stammen, sei eher der mildere, bewusstere Mechanismus am Werk. Verdrängung und Dissoziation wären eher dort zu erwarten, wo eine Behandlung stattfindet5. Eine Entwarnung ist das nicht. Aber die Frage heißt danach anders: Was hält jemand zurück, und wovor?

Warum fehlen gerade die Wörter für Verletzlichkeit?

Weil die These dahinter nicht alle Gefühle gleich behandelt. Ronald Levant vermutete, dass viele Männer im Lauf einer gewöhnlichen Erziehung verlernen, ihr Erleben zu benennen. Gelernt hätten sie das an den Regeln dafür, wie ein Mann zu sein hat. Unter Druck stünden dabei bestimmte Gefühle: Angst, Trauer, Zuneigung, Bedürftigkeit. Ärger und Lust seien eher ermutigt worden. Deshalb liege die Lücke genau dort, wo es um Verletzlichkeit und Bindung geht5. Ausgeführt hat Levant die These in einem Buchbeitrag von 19986. Der Fachausdruck dafür lautet „normative männliche Alexithymie“.

Ohne ihre Grenzen gehört diese These nicht weitergegeben. Die deutlichste hat Levant selbst mit seinen Ko-Autoren in der Arbeit von 2014 gezogen. Die Theoretiker der männlichen Sozialisation, ihn eingeschlossen, hätten deren schädigende Wirkung für die meisten Männer womöglich überschätzt5.

Was die enge Fassung der These stützt, ist ein Laborbefund derselben Arbeit. In einem Priming-Versuch machten Männer mit hohen Alexithymie-Werten mehr Fehler, wenn sie Wörter für Verletzlichkeit und Bindung erkennen sollten. Bei Wörtern für Aggression und Lust war das nicht so5. Die Lücke zeigte sich an einer bestimmten Stelle und nicht im Gefühlsleben insgesamt.

Für die These gibt es seit 2006 einen eigenen Fragebogen, die Normative Male Alexithymia Scale. Sie umfasst zwanzig Aussagen und baut Männlichkeitsnormen in die Aussagen selbst ein7. Mit der TAS-20 hängt sie erwartungsgemäß zusammen. Sie setzt also dieselbe Idee um und bestätigt sie nicht unabhängig.

Vertiefung: Stichproben, Messfragen und was hier bewusst keine Zahl bekommt

Woher die Daten kommen. Die Arbeit von 2014 beruht auf zwei Teilstudien mit 258 und 85 Männern im College-Alter, überwiegend weiß und heterosexuell5. Die erste misst Zusammenhänge zwischen Selbstauskünften, die zweite ist ein Reaktionsexperiment. Über ältere Männer, über andere Länder und über Frauen sagen beide nichts.

Warum „nichtklinisch“ in diesem Text so oft vorkommt. Die Einschränkung trägt die Aussage. Die Studie von 2014 rekrutierte Männer im College-Alter, keine Patienten. Für diese Gruppe erwarten ihre Autoren eher bewusste Unterdrückung; Verdrängung oder Dissoziation vermuten sie eher dort, wo behandelt wird5. Eine Aussage über Männer in Behandlung enthält der Befund damit nicht, weder eine beruhigende noch eine beunruhigende.

Wo Zurückhalten aufhört und Dissoziation anfängt. In der Arbeit von 2014 sagte die Dissoziation die Werte schwächer vorher als die Unterdrückung, bei jungen Männern, die nicht wegen einer Behandlung in der Studie waren5. Ab wann aus Zurückhalten ein Abschalten wird, entscheidet keine der hier verwendeten Arbeiten.

Warum der Männer-Fragebogen die These nicht beweist. Die 2006 vorgelegte Skala wurde eigens für die Hypothese gebaut und nimmt Männlichkeitsnormen in ihre Aussagen auf7. Dass sie mit dem allgemeinen Alexithymie-Maß zusammenhängt, ist deshalb die erwartete Folge ihrer Konstruktion und kein unabhängiger Nachweis.

Was hier bewusst keine Zahl bekommt. Zum Geschlechtsunterschied in Alexithymie-Werten kursiert eine Effektstärke. Sie wurde für diese Seite nicht an der Primärquelle geprüft, und deshalb steht sie hier nicht, auch nicht gerundet, auch nicht als Größenordnung. Dasselbe gilt für die Frage, wie häufig Alexithymie in der Bevölkerung vorkommt, auch für Deutschland.

Woher die Trennwerte 51 und 61 stammen. Sie gehen auf eine Empfehlung von Taylor, Bagby und Parker aus dem Jahr 1997 zurück. Dieses Buch wurde für diese Seite nicht eingesehen. Belegt sind die Zahlen hier über die Übersichtsarbeit von 2012, und dort nur als Tabelleneintrag. Mit diesen Werten hat eine der ausgewerteten Studien unter Berufung auf die Empfehlung gearbeitet. Andere Studien teilten anders ein4.

Was in keiner dieser Arbeiten steht. Dass die Sozialisation die Ursache ist, zeigt keine von ihnen. Gemessen wurde, was zusammen auftritt, und in einem Fall, wie schnell und wie fehlerfrei jemand Wörter erkennt. Was woraus entsteht, wurde nicht gemessen. Ebenso wenig gezeigt ist, dass sich der Befund auf Männer außerhalb der untersuchten Gruppen überträgt oder dass ein hoher Testwert eine Behandlung nahelegt. Und über eine bestimmte Person sagt keine dieser Arbeiten etwas. Was hier steht, ersetzt kein Gespräch mit einer Fachperson.


Der Selbstauskunftsbogen misst keine Alexithymie; er ordnet eine andere Frage: Welche der drei Linien des Verlangens am stärksten trägt. Gespeichert wird dabei nichts, und eine Diagnose kommt am Ende nicht heraus.

  1. Nemiah, J. C., Freyberger, H., & Sifneos, P. E. (1976). Alexithymia: A view of the psychosomatic process. In O. W. Hill (Hg.), Modern Trends in Psychosomatic Medicine, Bd. 3, S. 430–439. Butterworths, London. Die kanonische Definition mit vier Merkmalen; sie stammt aus dieser Arbeit, nicht aus dem Sifneos-Artikel von 1973. Vorbehalt: nicht im Volltext eingesehen; Angaben und Inhalt der Definition sind aus einer im Volltext geprüften Primärquelle [5] übernommen.
  2. Bagby, R. M., Parker, J. D. A., & Taylor, G. J. (1994). The twenty-item Toronto Alexithymia Scale, Teil I: Item selection and cross-validation of the factor structure. Journal of Psychosomatic Research 38(1), S. 23–32. DOI 10.1016/0022-3999(94)90005-1. Zwanzig Aussagen, drei Teilskalen; die Fantasietätigkeit aus [1] wird nicht erfasst. Vorbehalt: nicht im Volltext eingesehen; Angaben und Aufbau der Skala sind über die im Volltext geprüfte Arbeit [5] gesichert, die mit der Skala misst.
  3. Taylor, G. J., Porcelli, P., & Bagby, R. M. (2024). Alexithymia: A defense of the original conceptualization of the construct and a critique of the attention-appraisal model. Clinical Neuropsychiatry 21(5), S. 329–357. DOI 10.36131/cnfioritieditore20240501. Volltext eingesehen. Die Autoren nennen drei in der Literatur umlaufende Einwände gegen das Konstrukt, darunter die Überschneidung der Teilskala zum Erkennen von Gefühlen mit allgemeinem Leidensdruck. Das Zugeständnis, dass die Werte der TAS-20 durch negative Stimmung mäßig erhöht sein können und deshalb eher relativ als absolut stabil sind, stammt von den Urhebern der Skala selbst. Die Empfehlung, die TAS-20 und andere Selbstauskunftsbögen durch Interviews oder aufgabenbasierte Verfahren zu ergänzen (genannt u. a. das Toronto Structured Interview for Alexithymia), steht in Abschnitt 3. Vorbehalt: Eine Einzelseite für diese Stellen ist nicht ermittelt.
  4. Grynberg, D., Chang, B., Corneille, O., Maurage, P., Vermeulen, N., Berthoz, S., & Luminet, O. (2012). Alexithymia and the processing of emotional facial expressions (EFEs): Systematic review, unanswered questions and further perspectives. PLOS ONE 7(8), e42429. DOI 10.1371/journal.pone.0042429. Volltext eingesehen (Open Access). Systematische Übersicht; Fundstellen: Tabelle 1 und Abschnitt „Limitations of the studies reviewed“ (Online-Zeitschrift ohne Seitenzahlen). Vorbehalt: Die Trennwerte 51 und 61 stehen nur als Tabelleneintrag, als die Werte, mit denen eine der ausgewerteten Studien nach der Empfehlung von Taylor, Bagby und Parker (1997) arbeitete. Das Buch von 1997 wurde nicht eingesehen. Die Übersicht hält fest, dass die Studien nicht einheitlich einteilten.
  5. Levant, R. F., Allen, P. A., & Lien, M.-C. (2014). Alexithymia in men: How and when do emotional processing deficiencies occur? Psychology of Men & Masculinity 15(3), S. 324–334. Volltext eingesehen (akzeptierte Manuskriptfassung). Zusammenfassung der Hypothese der normativen männlichen Alexithymie; zwei Teilstudien, n = 258 und n = 85, college-alte, überwiegend weiße und heterosexuelle Männer; Unterdrückung sagt sowohl die allgemeinen als auch die themenspezifischen Alexithymie-Werte stärker vorher als Verdrängung oder Dissoziation, unter Kontrolle von Depression und Affekt; Priming-Befund zu Verletzlichkeits- und Bindungswörtern. Die Selbstrelativierung zur schädigenden Wirkung der männlichen Sozialisation steht im Diskussionsteil (S. 25 der Manuskriptfassung; die Seitenzahl der Zeitschriftenfassung ist nicht ermittelt). Vorbehalt: nichtklinische Stichproben, ein Land, eine Altersgruppe.
  6. Levant, R. F. (1998). Desperately seeking language: Understanding, assessing, and treating normative male alexithymia. In W. S. Pollack & R. F. Levant (Hg.), New Psychotherapy for Men, S. 35–56. John Wiley & Sons, New York. Ursprungstext der Hypothese; eine frühere Fassung erschien 1995. Vorbehalt: nicht im Volltext eingesehen, die Angaben stammen aus dem Literaturverzeichnis von [5]; der Inhalt der Hypothese ist hier nach der Zusammenfassung in [5] wiedergegeben.
  7. Levant, R. F., Good, G. E., Cook, S., O'Neil, J., Smalley, K. B., Owen, K. A., & Richmond, K. (2006). The Normative Male Alexithymia Scale: Measurement of a gender-linked syndrome. Psychology of Men and Masculinity 7, S. 212–224. Eigenes Messinstrument für die Hypothese, 20 Aussagen. Vorbehalt: nicht im Volltext eingesehen; bibliografische Angaben und die Existenz des Instruments sind über das Literaturverzeichnis von [5] gesichert, Aufbau (Männlichkeitsnormen in den Aussagen) und Zusammenhang mit der TAS-20 nach der Recherchenotiz; die Gütewerte der Skala werden hier nicht wiedergegeben.