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Schattenarbeit

Schattenarbeit: was C. G. Jung wirklich gemeint hat

Mit Schatten bezeichnet C. G. Jung den Teil der eigenen Persönlichkeit, den ein Mensch nicht als zu sich gehörig anerkennt — nicht das Böse und nicht die dunkle Seite. Der Schatten ist das Abgelehnte, und dazu gehören ebenso Fähigkeiten und Bedürfnisse wie Züge, die jemand an sich missbilligt. Schattenarbeit meint, dieses Abgelehnte als eigenes zu erkennen.

Der Begriff hat eine zweite Karriere gemacht. Wer heute „Schattenarbeit" sucht, findet Arbeitsblätter, 30-Tage-Programme und die Aufforderung, sich seiner dunklen Seite zu stellen. Vieles davon ist gut gemeint, und manches davon hilft Menschen.

Mit dem, was Jung beschrieben hat, hat es nur teilweise zu tun. Der Unterschied ist keine Begriffsklauberei: Er entscheidet darüber, wonach überhaupt gesucht wird.

Was ist der Schatten bei C. G. Jung?

Er ist der persönliche Anteil des Unbewussten — das, was ein Mensch an sich selbst nicht anerkennt und was sich trotzdem bemerkbar macht1. Jung greift für das Wort auf das griechische synopados zurück, den „hinten Nachfolgenden": etwas, das mitgeht, ohne gesehen zu werden2.

Entscheidend ist die Abgrenzung, die Jung selbst zieht. Der Schatten ist nicht das gesamte Unbewusste, sondern nur dessen persönlicher Ausschnitt. Die weiter gefassten Figuren — Anima und Animus — personifizieren bei ihm das kollektive Unbewusste und sind etwas anderes2.

Und er ist nicht moralisch definiert. Was abgelehnt wird, hängt nach dieser Logik vom Selbstbild ab, nicht von einer Skala von Gut und Böse. Man kann sich das an zwei erfundenen Fällen klarmachen: Wessen Selbstbild auf Freundlichkeit gebaut ist, hätte demnach seine Wut im Schatten; wessen Selbstbild auf Härte gebaut ist, seine Bedürftigkeit. Beide Beispiele stehen in keiner Quelle — sie veranschaulichen nur, was die Definition mit sich bringt.

Genau diese Beweglichkeit geht verloren, wo der Schatten mit „dem Bösen im Menschen" gleichgesetzt wird. Dann steht wieder eine feste Liste dessen, was hineingehört.

Woher kommt das Konzept — und wo steht es?

Der Schatten ist einer von mehreren strukturellen Begriffen in Jungs Modell. In Aion (1951) ordnet er sie ausdrücklich: Ich, Schatten, Syzygie — also Anima und Animus — und Selbst3. Die Reihenfolge ist keine Aufzählung, sondern ein Weg: Das Ich ist der Ausgangspunkt, der Schatten die erste Instanz, an der sich etwas entscheidet.

Die Archetypenlehre steht in Die Archetypen und das kollektive Unbewußte (1954). Archetypen sind dort keine Bilder, sondern Formen: vorgängige Muster, die vorhandenes seelisches Material in eine bestimmte Gestalt bringen1.

Was heißt Individuation, und was hat der Schatten damit zu tun?

Individuation ist bei Jung kein Zustand, sondern ein Prozess: zum Einzelwesen werden, zu dem werden, was ein Mensch in seiner Unverwechselbarkeit ist4. Er beschreibt ihn als lebenslang und als Zusammengehen von Bewusstem und Unbewusstem.

Der Schatten steht am Anfang dieses Weges — nach Jungs eigener Darstellung ist er die Figur, die dem Bewusstsein am nächsten liegt und deshalb als erste auftaucht, wenn jemand beginnt, sich mit seinem Unbewussten zu beschäftigen5. Das ist keine Rangfolge der Wichtigkeit, sondern eine der Zugänglichkeit.

Ein Hinweis zur Sprache: Jungs Begriff ist Individuation. Die im Deutschen naheliegende Übersetzung „Selbstverwirklichung" trägt heute eine Bedeutung mit, die er nicht meinte — sie klingt nach Entfaltung eines Potenzials, während es ihm um die Aufnahme dessen geht, was einem Menschen unangenehm ist. Warum Jung selbst trotzdem genau dieses Wort als Übersetzung anbot und wie der Weg über Schatten, Anima/Animus und Selbst bei ihm verläuft, führt die Speiche Individuation bei C. G. Jung aus.

Warum bedeutet „Schattenarbeit" im Netz meist etwas anderes?

Weil dort in aller Regel zwei Dinge verschoben sind.

Das erste ist der Gegenstand. Wo Jung vom Abgelehnten spricht, sprechen populäre Anleitungen von der dunklen Seite — und suchen entsprechend nach Aggression, Neid, Gier. Das ist ein Ausschnitt. Zugehörigkeitswunsch, Ehrgeiz, Zärtlichkeitsbedürfnis oder Begabungen können ebenso abgelehnt sein, und für viele Menschen sind sie es eher.

Das zweite ist die Richtung. Schattenarbeit im populären Sinn ist häufig als Verfahren angelegt: Fragen beantworten, Muster erkennen, Ergebnis erhalten. Jungs Beschreibung setzt anders an — bei ihm drängt sich der Schatten von selbst auf, direkt oder indirekt, gerade weil er nicht anerkannt wird1. Etwas, das sich aufdrängt, findet man nicht durch Nachfragen.

Wie genau es sich aufdrängt, sagt diese Seite nicht. Die verbreitete Auskunft, der Schatten zeige sich an dem, was jemand an anderen schlecht erträgt, ist eine naheliegende Auslegung — belegt ist sie in diesem Projekt nicht.

Beides macht populäre Schattenarbeit nicht wertlos. Es macht sie nur zu etwas anderem als dem, worauf sie sich beruft. Was das für Journaling-Listen, 30-Tage-Programme und die Frage konkret bedeutet, ob solche Anleitungen wirken, führt die Speiche Schattenarbeit im Netz genauer aus.

Ist Schattenarbeit wissenschaftlich belegt?

Hier werden zwei Fragen dauernd verwechselt, und die Antwort fällt für beide verschieden aus.

Die erste Frage lautet: Wirkt eine Psychotherapie, die auf Jungs Theorie aufbaut? Darauf gibt es eine Antwort. Ein Überblick über die seit den 1990er Jahren überwiegend in Deutschland und der Schweiz durchgeführten Studien kommt zu dem Ergebnis, dass sich nicht nur Symptome und zwischenmenschliche Probleme verbessern, sondern auch Persönlichkeitsstruktur und Alltagsbewältigung — und dass diese Verbesserungen über einen Zeitraum von bis zu sechs Jahren nach Therapieende stabil bleiben. Erreicht werden sie im Mittel mit rund neunzig Sitzungen6.

Drei Einschränkungen gehören zu diesem Befund, und sie sind keine Formalie. Es sind keine randomisiert-kontrollierten Studien: Der Überblick stützt sich auf prospektive naturalistische Verlaufsstudien, retrospektive Erhebungen und Krankenkassendaten. Der Autor ist selbst Analytiker im Umfeld des internationalen Fachverbands. Und die Studien stammen überwiegend aus zwei Ländern. Wer daraus „in Studien nachgewiesen" macht, ohne das Design zu nennen, sagt mehr, als die Quelle hergibt.

Die zweite Frage lautet: Ist das Konzept des Schattens belegt — verbessert seine Integration das Wohlbefinden? Darauf gibt es keine Antwort. Für diesen spezifischen Zusammenhang existiert keine große klinische Studie. Was vorliegt, ist theoretische und fallbasierte Literatur aus dem analytisch-psychodynamischen Feld.

Der Unterschied ist wichtiger, als er klingt. Dass ein Behandlungsverfahren wirkt, ist kein Beleg dafür, dass die Theorie stimmt, mit der es sich erklärt — Wirksamkeit und Erklärungsmodell sind zwei getrennte Nachweise. Genau diese Trennung wird von den Angeboten, die den Begriff heute tragen, regelmäßig eingezogen: Die Wirksamkeitsforschung zur Therapie wird zitiert, gemeint ist das Konzept.

Und noch eine Ebene tiefer liegt eine dritte Sache, die gar keine empirische Frage ist. Jungs Modell ist eine Beschreibungssprache für seelische Vorgänge und war nie als überprüfbare Hypothese formuliert. Man kann fragen, ob sie brauchbar ist — ob sie etwas sichtbar macht, das ohne sie unsichtbar bliebe. Das ist eine sinnvolle Frage. Sie wird nur nicht durch eine Studie entschieden.

Was hier steht, ersetzt kein Gespräch mit einer Fachperson. Es zeigt, wo die belegbaren Aussagen aufhören.

Vertiefung — Quellenlage, Datierung und was empirisch fehlt

Warum auf dieser Seite kein einziges Jung-Zitat steht. Das ist eine bewusste Entscheidung und hat zwei Gründe. Der erste ist urheberrechtlich: C. G. Jung ist 1961 gestorben, seine Werke sind bis 2032 geschützt, und die englischen Übersetzungen haben zusätzlich ein eigenes Urheberrecht. Der zweite ist der wichtigere: Für mehrere der bekanntesten Schatten-Formulierungen liegt in diesem Projekt kein deutscher Primärtext vor, sondern nur die englische Princeton-Ausgabe von 1968 in der Übersetzung von R. F. C. Hull. Ein deutscher Satz, der daraus zurückübersetzt und als Jungs Wortlaut ausgegeben würde, wäre keiner. Alle Aussagen dieser Seite sind deshalb Paraphrasen, und die Stellen, an denen die Fundstelle nicht eindeutig geklärt ist, sind unten benannt.

Was an der Quellenlage offen ist. Zwei Punkte, die in populären Darstellungen nie auftauchen. Erstens: Der Aufsatz innerhalb von Die Archetypen und das kollektive Unbewußte, in dem die bekannteste Schatten-Beschreibung steht, ist in diesem Projekt nicht eindeutig bestimmt — zwei Aufsätze desselben Bandes kommen infrage, und ohne den deutschen Primärtext ist die Frage nicht zu entscheiden. Zweitens: Die Aussage, der Schatten sei die zuerst auftauchende Figur, stützt sich ebenfalls auf die englische Ausgabe. Beides ist im Quellenverzeichnis gekennzeichnet.

Zur Datierung von Anima und Animus. Die ausführliche Theorie steht in Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten (1928), nicht in Psychologische Typen (1921)47. Die Verwechslung ist verbreitet, weil Psychologische Typen das bekanntere Buch ist; dort steht der Begriff aber nicht im Zentrum. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Jungs kontrasexuellem Schema — also mit der Annahme, das Unbewusste des Mannes sei weiblich figuriert und das der Frau männlich — findet auf dieser Seite nicht statt. Sie erfordert eine kritische Einordnung, die in diesem Projekt noch aussteht, und eine Darstellung ohne diese Einordnung wäre die schlechtere Lösung.

Wo der Schatten aufhört und die Anima anfängt. Jung trennt beide über die Reichweite: Die inferiore Persönlichkeitshälfte ist größtenteils unbewusst, meint aber nicht das ganze Unbewusste, sondern dessen persönlichen Ausschnitt; die Anima personifiziert demgegenüber das kollektive Unbewusste2. Diese Unterscheidung ist der Grund, warum „Schatten" und „Unbewusstes" nicht austauschbar sind — eine Gleichsetzung, die im populären Gebrauch die Regel ist.

Die zeitgenössischen Anwendungen und ihre Grenze. Jungs Schattenbegriff ist in den vergangenen Jahren auf einvernehmliche Machtaustauschpraktiken übertragen worden. Diese Übertragung stammt von zeitgenössischen Autorinnen und Autoren, nicht von Jung: Er hat das Thema nie behandelt. Und es existiert keine empirische Arbeit, die Jungs Individuationsbegriff messend mit solchen Praktiken in Verbindung bringt. Was vorliegt, sind Deutungen — legitime, aber eben Deutungen. Diese Frage gehört in einen eigenen Zusammenhang und wird hier nicht beantwortet.

Was dieser Artikel offenlässt. Wie Abwehrmechanismen funktionieren und was Sublimierung in Freuds eigener Fassung genau bedeutet, sind zwei eigene Fragen — sie hängen mit dem Schatten zusammen, sind aber nicht dasselbe, und für beide ist die Quellenlage in diesem Projekt noch nicht abschließend geklärt. Was von Freuds Trieblehre insgesamt heute noch trägt, beantwortet die Speiche Freuds Trieblehre heute.


Falls Sie an dieser Stelle wissen wollen, welche Fragen das bei Ihnen selbst aufwirft: Der Selbstauskunftsbogen braucht zwölf Minuten und speichert nichts. Warum Tiefenpsychologie in diesem Buch neben Bindungsforschung und Kulturgeschichte steht, erklärt die Beschreibung des Buches.

  1. Jung, C. G. (1954). Die Archetypen und das kollektive Unbewußte. Rascher, Zürich (Gesammelte Werke 9/1). — Archetypen als vorgängige Formen: Aufsatz „Über die Archetypen des kollektiven Unbewußten", S. 3–41. Vorbehalt: Für die Schatten-Beschreibung ist der tragende Aufsatz innerhalb des Bandes nicht eindeutig bestimmt; der deutsche Primärtext lag nicht vor, die Angabe stützt sich auf die englische Princeton-Ausgabe (1968, Übers. R. F. C. Hull). Deshalb hier nur paraphrasiert.
  2. Jung, C. G. (1948). Symbolik des Geistes. Rascher, Zürich (Psychologische Abhandlungen Bd. VI), Anhang zu „Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen", S. 55 — Schatten als persönlicher Ausschnitt des Unbewussten gegenüber der Anima als Personifikation des kollektiven. Sowie: Jung, C. G. (1934). Wirklichkeit der Seele. Rascher, Zürich (Psychologische Abhandlungen Bd. IV), Aufsatz „Die Bedeutung der Psychologie für die Gegenwart", S. 13 — Herleitung über das griechische synopados. Beide Stellen im deutschen Volltext eingesehen; hier paraphrasiert statt zitiert.
  3. Jung, C. G. (1951). Aion: Beiträge zur Symbolik des Selbst. Rascher, Zürich (Gesammelte Werke 9/2). — Kapitelfolge Ich (§ 1–12), Schatten (§ 13–19), Syzygie: Anima und Animus (§ 20–42), Selbst (§ 43–67).
  4. Jung, C. G. (1928). Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten. Rascher, Zürich (später Gesammelte Werke 7). — Individuationsbegriff sowie die ausführliche Anima/Animus-Theorie. Eingesehen in der E-Book-Ausgabe 2016; Vorbehalt: Die Druckseite ist damit nicht bestimmbar, die Fundstelle bleibt auf Kapitelebene angegeben.
  5. Jung, C. G. (1954), a. a. O. — der Schatten als die dem Bewusstsein nächstliegende und zuerst auftauchende Figur. Vorbehalt: Diese Stelle liegt in diesem Projekt allein in der englischen Princeton-Ausgabe (1968) vor; der deutsche Wortlaut wurde nicht eingesehen.
  6. Roesler, C. (2013). Evidence for the Effectiveness of Jungian Psychotherapy: A Review of Empirical Studies. Behavioral Sciences 3(4), S. 562–575. — Drei Vorbehalte, im Text ausgeschrieben: keine randomisiert-kontrollierten Studien (prospektiv-naturalistisch, retrospektiv, Krankenkassendaten); der Autor ist selbst Analytiker im Umfeld der International Association for Analytical Psychology; die referierten Studien stammen überwiegend aus Deutschland und der Schweiz. Betrifft die Wirksamkeit der Therapieform, nicht die Gültigkeit einzelner Konzepte Jungs. Die im Volltext genannten Effektstärken sind hier bewusst nicht wiedergegeben, weil sie für diese Seite nicht einzeln gegengelesen wurden.
  7. Jung, C. G. (1921). Psychologische Typen. Rascher, Zürich (Gesammelte Werke 6). — hier zur Abgrenzung angeführt: Der Band entwickelt die Einstellungen und Funktionen, nicht die Anima/Animus-Theorie.