Wenn aus einem Nicht-Getanen im Rückblick eine Entscheidung wird
Nachträgliche Gründe sind untersucht, allerdings für Getanes. Menschen kennen die wahren Ursachen ihrer Urteile und Wahlen oft nicht. Sie nennen dann plausible Gründe und sind von ihnen überzeugt. Ein philosophischer Aufsatz deutet solche Gründe eher als Rechtfertigung denn als Erklärung. Ob das auch für Unterlassenes gilt, ist nicht geprüft.
Es gibt Sätze, die jahrelang halten und nie geprüft werden. „Ich habe mich dann dagegen entschieden“ ist so einer. Er klingt nach Überlegung, nach Abwägen, nach einem Moment, in dem etwas feststand. Ob es diesen Moment gegeben hat, lässt sich hinterher nicht immer sagen.
Für solche Lagen gibt es drei Begriffe aus getrennten Forschungsfeldern. Jeder gilt für einen anderen Zeitraum, und nur einer davon betrifft den Satz selbst.
| Begriff | Was er beschreibt | Zeitraum | Was belegt ist |
|---|---|---|---|
| Erstarrung (tonische Immobilität, „Freeze“) | unwillkürliche Bewegungshemmung bei intensiver Furcht | Sekunden bis Minuten, während einer akuten Bedrohung | Zahlen aus einer einzigen Studie an Frauen nach sexueller Gewalt |
| Experiential avoidance | innere Erfahrungen und ihre Auslöser meiden | keine Zeitgrenze | ein Muster, keine Diagnose; sagt, was geschieht, nicht warum |
| Nachträgliche Gründe | plausible Erklärungen, an die man selbst glaubt | hinterher | Experimente zu Urteilen und Wahlen, keines zu Unterlassungen |
Warum klingt ein Nicht-Tun im Rückblick wie ein Entschluss?
Weil Menschen für ihr Verhalten Gründe finden, auch wenn sie dessen Ursachen nicht kennen. Belegt ist das allerdings nur für Getanes. Richard Nisbett und Timothy Wilson stützten sich 1977 auf eine Reihe von Experimenten. Darin bewerteten Menschen etwa ausgelegte Waren, beurteilten einen Dozenten oder ertrugen eine bestimmte Menge Elektroschock. Was ihr Urteil tatsächlich beeinflusst hatte, konnten sie oft nicht sagen. Stattdessen griffen sie auf Erklärungen zurück, die ohnehin naheliegen, und trugen sie mit Überzeugung vor1.
Ein späterer Versuch zeigte, wie weit das gehen kann. Die Versuchspersonen sollten von zwei Porträtfotos das attraktivere Gesicht wählen. Mit einem Kartentrick bekamen sie danach manchmal das andere Bild in die Hand und sollten ihre Wahl begründen. Die Vertauschung fiel häufig nicht auf, und die Beteiligten lieferten Gründe für eine Wahl, die sie nie getroffen hatten2.
Wozu solche Gründe dienen, fragt ein philosophischer Aufsatz zur Konfabulationsforschung. Er fasst sie als falsche oder schlecht begründete Angaben. Unehrlich ist die sprechende Person dabei nicht, denn sie ist von ihren Angaben überzeugt. Ihr fehlt nur der Zugang zu den Ursachen des eigenen Zustands. Vorgebracht werden solche Angaben vor allem, um Entscheidungen, Überzeugungen und Handlungen zu rechtfertigen. Sie wirken wie Argumente, die das Bild einer vernünftig handelnden Person stützen3.
Folgt man dieser Deutung, wäre ein nachträglicher Grund weniger ein Irrtum über sich selbst. Er wäre eher ein Argument, mit dem jemand vor anderen und vor sich selbst als vernünftig dasteht.
Gilt das auch für etwas, das jemand nicht getan hat?
Das ist nicht belegt. Sämtliche einschlägigen Experimente betreffen Bewertungen, Urteile oder getroffene Wahlen. In keinem soll jemand eine eigene Unterlassung begründen12. Ausführlicher steht das im Grundlagentext zum Funktionieren ohne Spüren.
Auch der philosophische Aufsatz ändert daran nichts. Er behandelt mentale Einstellungen im Allgemeinen (Überzeugungen, Gefühle, Absichten) und enthält in den geprüften Auszügen keine Passage über Unterlassungen3.
Übrig bleibt eine Analogie. Sie liegt nahe, geprüft ist sie nicht.
War es dann vielleicht Erstarrung?
Nur für sehr kurze Zeiträume. Tonische Immobilität, umgangssprachlich Freeze-Reaktion, ist ein unwillkürlicher Zustand motorischer Hemmung bei intensiver Furcht, während einer akuten Bedrohung4. Wer so vor Angst erstarrt, tut das nicht aus einem Entschluss heraus. Für diesen Zustand gibt es belastbare Zahlen, aber mit einer engen Zuständigkeit. Was der Begriff im Einzelnen bezeichnet, erklärt der Text zum Funktionieren ohne Spüren.
Die Zahlen stammen aus einer einzigen prospektiven Studie an einer Stockholmer Notfallambulanz. Befragt wurden 298 Frauen, die dort binnen eines Monats nach einer versuchten oder vollendeten Vergewaltigung Hilfe suchten. 69,8 Prozent berichteten deutliche, 47,7 Prozent extreme Erstarrung während des Übergriffs. Extreme Erstarrung sagte eine posttraumatische Belastungsstörung sechs Monate später vorher. Auch mit einer schweren Depression hing sie zusammen4.
Aus dieser Herkunft ergibt sich die Grenze des Begriffs. Er beschreibt eine Reaktion in einer realen, akuten Gefahr und misst Sekunden bis Minuten. Für ein nicht geführtes Gespräch oder eine nicht abgeschickte Bewerbung trägt er nicht. Als Entlastung für eine ungefährliche Lage eignet er sich ebenso wenig. Die Studie selbst hält die Erstarrung ausdrücklich getrennt von den später einsetzenden Vermeidungssymptomen4.
Welcher Begriff passt dann auf Wochen oder Jahre?
Am ehesten passt ein Begriff aus der Verhaltenstherapie. Er heißt experiential avoidance. Hayes und Kollegen beschreiben damit, dass jemand mit bestimmten inneren Erfahrungen nicht in Kontakt bleiben will. Gemeint sind etwa Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken oder Erinnerungen. Die Person unternimmt Schritte, um diese Erfahrungen und die Situationen, die sie auslösen, zu verändern oder zu meiden5.
Das Meiden konkreter Orte gehört ausdrücklich dazu. Das Beispiel dafür ist die Agoraphobie. Wer eine Panik fürchtet, reist weniger oder betritt bestimmte Umgebungen nur in Begleitung eines vertrauten Menschen5. Eine Zeitgrenze kennt der Begriff nicht. Als krankhaft gilt das Muster erst, wenn es fortbesteht, obwohl es teuer, nutzlos oder lebenseinschränkend geworden ist5.
Zwei Einschränkungen gehören gleich daneben. Eine Diagnose ist experiential avoidance nicht. Und der Begriff sagt, was geschieht, nicht warum es bei einer bestimmten Person geschieht5.
Damit bleibt offen, was hinter dem Satz „ich habe mich dagegen entschieden“ steht. Es kann eine Entscheidung gewesen sein, eine Vermeidung oder beides. Die Begriffe dieser Seite beschreiben Muster, und welches im Einzelfall vorliegt, sagt keiner von ihnen.
Vertiefung: Zahlen, Herkunft und die Grenze der Übertragung
Woher die Erstarrungszahlen kommen. Prospektive Studie, 298 Frauen, erhoben mit einer Skala zur tonischen Immobilität an einer Notfallambulanz für vergewaltigte Frauen in Stockholm. Den Fragebogen füllten die Frauen im Mittel gut neunzehn Tage nach dem Übergriff aus. Sie beschrieben also rückblickend, wie es ihnen während des Übergriffs erging, und keinen Zustand, der danach anhielt4. Für die posttraumatische Belastungsstörung nach sechs Monaten blieb der Zusammenhang auch dann bestehen, als bekannte Risikofaktoren herausgerechnet wurden. Für die schwere Depression ist eine solche Bereinigung in den für diese Seite ausgewerteten Angaben nicht vermerkt. Die Zahlen beruhen auf einer einzigen Stichprobe aus einem sehr spezifischen Kontext, und eine Übertragung auf andere Lagen ist damit nicht mitbelegt.
Woran sich das überhaupt festmachen lässt. Die Grundlagenarbeit von 1977 arbeitet mit einem strengen Maßstab. Ein Bericht über die eigenen Beweggründe gilt darin erst dann als Zugang zu ihnen, wenn er genauer ist als das, was unbeteiligte Beobachterinnen vorhersagen. Diese kennen nur eine allgemeine Beschreibung der Situation und des Verhaltens1. In den berichteten Experimenten war der Selbstbericht nicht genauer. Deshalb schließen die Autoren, dass die Beteiligten nicht nach innen schauten. Sie griffen auf eine plausible Erklärung zurück.
Was der philosophische Aufsatz ist und was nicht. Er stammt aus einer philosophischen Fachzeitschrift und argumentiert, eigene Daten berichtet er nicht3. Die Frage, wozu eine Erklärung dient, ist eine begriffliche Frage. Wer ihn liest, erfährt deshalb, wie sich Konfabulation als Rechtfertigung fassen lässt, aber nicht, wie häufig sie vorkommt. Für diese Seite wurden Volltext-Auszüge der frei lizenzierten Fassung eingesehen.
Rationalisierung, kognitive Dissonanz. Wer mit diesen Begriffen sucht, findet sie hier nicht erklärt. Sie wurden für diese Seite nicht an Quellen geprüft. Ob sie dasselbe meinen wie die nachträglichen Gründe oben, bleibt deshalb offen.
Was dieser Text nicht zeigt. Erstens, dass eine bestimmte Unterlassung im Einzelfall Vermeidung war. Darüber sagt keine der hier verwendeten Arbeiten etwas, sie beschreiben Muster und keine Personen. Zweitens, dass eine nachträgliche Erklärung deshalb falsch sein müsste. Sie kann zutreffen, auch wenn sie nichts nachweist. Drittens, dass sich das Muster durch Nachdenken auflösen ließe. Ob und wie das gelingt, hat keine der hier verwendeten Arbeiten geprüft.
Sich selbst zu befragen ist etwas anderes, als sich zu erklären. Der Selbstauskunftsbogen versucht das Erste: Er spiegelt anhand von 21 Aussagen, welche der drei Linien des Verlangens bei Ihnen am stärksten ausgeprägt ist, stellt keine Diagnose und speichert Ihre Antworten nicht.
- Nisbett, R. E., & Wilson, T. D. (1977). Telling more than we can know: Verbal reports on mental processes. Psychological Review 84(3), S. 231–259. Volltext eingesehen. Eng zu lesen: Sämtliche berichteten Experimente betreffen Bewertungen, Urteile oder getroffene Wahlen; keines betrifft eine Unterlassung.
- Johansson, P., Hall, L., Sikström, S., & Olsson, A. (2005). Failure to detect mismatches between intention and outcome in a simple decision task. Science 310(5745), S. 116–119. Zitation und Versuchsaufbau über eine Zusammenfassung des Erstautors bestätigt. Vorbehalt: Der Original-Volltext war nicht zugänglich; die kursierenden Erkennungsquoten werden deshalb hier nicht wiedergegeben. Auch dieses Paradigma betrifft eine getroffene Wahl.
- Bergamaschi Ganapini, M. (2019). Confabulating Reasons. Topoi 39(1), S. 189–201. Open Access (CC BY 4.0); Volltext-Auszüge über einen Lese-Proxy eingesehen. Philosophischer Aufsatz, keine eigene empirische Erhebung. Die eingesehenen Passagen behandeln mentale Einstellungen allgemein (Überzeugung, Emotion, Absicht); eine Passage zu Unterlassungen enthalten sie nicht.
- Möller, A., Söndergaard, H. P., & Helström, L. (2017). Tonic immobility during sexual assault — a common reaction predicting post-traumatic stress disorder and severe depression. Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica 96(8), S. 932–938. Definition S. 932–933, Ergebnisse S. 935, Methodenangaben S. 933–934. Prospektiv, N = 298. Volltext eingesehen. Vorbehalt und Grenze des Begriffs: peritraumatisch erhoben, also für einen Zustand während der Bedrohung; die Zahlen stammen aus einer einzigen Stichprobe von Frauen nach sexueller Gewalt und sind nicht auf ungefährliche Lagen übertragbar. Die Bereinigung um bekannte Risikofaktoren ist für die posttraumatische Belastungsstörung berichtet.
- Hayes, S. C., Wilson, K. G., Gifford, E. V., Follette, V. M., & Strosahl, K. (1996). Experiential Avoidance and Behavioral Disorders: A Functional Dimensional Approach to Diagnosis and Treatment. Journal of Consulting and Clinical Psychology 64(6), S. 1152–1168. Definition S. 1153, Pathologie-Einschränkung S. 1157, Beispiel Agoraphobie S. 1160. Volltext eingesehen. Eng zu lesen: prozessual-funktionaler Begriff, keine diagnostische Kategorie; er beschreibt das Was, nicht das Warum.