Helfersyndrom: was Schmidbauer meint und was eine Studie dazu zeigt
Das Helfersyndrom ist ein Begriff von Wolfgang Schmidbauer, eingeführt 1977 mit dem Buch Die hilflosen Helfer. Gemeint ist ein Helfen, bei dem die Bedürftigkeit immer bei den anderen liegt. In einer Salzburger Befragung schrieben sich rund 30 Prozent der Befragten auf eine einzelne Frage hin selbst ein Helfersyndrom zu. Pflegekräfte taten das nicht häufiger als andere.
Es gibt Menschen, bei denen niemand auf die Idee kommt zu fragen, wie es ihnen geht. Sie stehen in jeder Konstellation auf der helfenden Seite. Das kann lange unbemerkt bleiben, weil es aussieht wie Stärke und weil es funktioniert.
Für dieses Muster gibt es im Deutschen ein bekanntes Wort, das Helfersyndrom. Es ist fast fünfzig Jahre alt, und sein Urheber hat es selbst eingeschränkt. Eine erste Studie an Pflegekräften hat nachgemessen, und die Bindungsforschung kennt eine verwandte Beschreibung. Warum es manchen Menschen schwerfällt, Hilfe anzunehmen, erklärt der Text zum Funktionieren ohne Spüren.
Was ist das Helfersyndrom?
Ein Helfen, das vor der eigenen Verletzbarkeit schützt. Den Begriff hat Wolfgang Schmidbauer mit seinem Buch Die hilflosen Helfer eingeführt, das 1977 erschien12. Nach seinem eigenen Rückblick stieß er in Selbsterfahrungsgruppen der 1970er Jahre darauf, mit Lehrern, Sozialpädagogen, Psychologen und Ärzten. Dort habe sich eine bestimmte Charakterstruktur gezeigt. Er nannte sie zuerst „soziales Syndrom“ und später Helfersyndrom1.
Woher kommt ein Helfersyndrom?
Nach Schmidbauer aus dem Bedürfnis, sich zu schützen. In einem Text von 2009 versteht er das Muster als Abwehr einer gesteigerten Verletzbarkeit und beschreibt es mit diesen Zügen1:
- Eigene Abhängigkeit und Bedürftigkeit werden an die Schützlinge abgegeben.
- Der Helfer fühlt sich unwohl, wenn er gerade nicht gibt. Geben heißt für ihn auch, der Stärkere zu sein und die Beziehung zu kontrollieren.
- Frühe Kränkungen werden durch hohe Arbeitsziele ausgeglichen.
- Daraus folgen Rechthaberei, starre Ideale und die ängstliche Vermeidung „schwacher“ Positionen.
- Die Welt verengt sich zwanghaft auf das Helfen, oft auf Kosten der Einfühlung.
Die Liste beschreibt eine Haltung in Beziehungen. Als Prüfliste, an der sich Menschen mit Helfersyndrom erkennen ließen, ist sie nicht gedacht. Für ein verwandtes Muster beschreibt auch die Bindungsforschung einen Entstehungsweg, dargestellt im Abschnitt über Bindung weiter unten. Ob beide dasselbe meinen, lassen die Quellen offen.
Ist das Helfersyndrom eine Krankheit?
In den Quellen dieser Seite nicht. Schmidbauer selbst schränkt den Begriff ein. Was er mit dem Helfersyndrom gemeint habe, sei „immer nur ein Motiv unter mehreren verschiedenen“ gewesen1. Wer gern und viel hilft, zeigt mit dieser Hilfsbereitschaft also noch kein Helfersyndrom.
In der englischsprachigen Forschung gibt es einen verwandten Begriff, den pathologischen Altruismus. Barbara Oakley beschreibt damit ein Helfen, das anderen nützen soll, aber nach dem Urteil Außenstehender unvernünftige Folgen hat, für den anderen oder für einen selbst. „Pathologisch“ meint bei ihr übermäßig oder abnorm, ausdrücklich ohne eine klinische Diagnose zu unterstellen3. Das Team der Salzburger Studie hält beide Begriffe für vergleichbar und Schmidbauers Beschreibung für umfassend und überprüfbar4.
Eine Diagnose mit festen Kriterien beschreibt keine dieser Quellen. Eine eigens geprüfte Messskala für das Helfersyndrom kommt in ihnen ebenfalls nicht vor.
Haben Pflegekräfte häufiger ein Helfersyndrom?
In der Salzburger Studie nicht. Nach Angabe ihrer Autor:innen war es die erste empirische Prüfung von Schmidbauers Konzept an Menschen in einem helfenden Beruf4. Online befragt wurden von April 2021 bis Februar 2022 Pflegekräfte, die in der Pandemie mit COVID-19-Kranken zu tun hatten. Zum Vergleich antworteten Menschen aus nicht helfenden Berufen. Alle sollten die Aussage „Ich habe ein Helfersyndrom“ auf einer Skala von 0 bis 5 einschätzen.
| Pflegekräfte | Vergleichsgruppe | |
|---|---|---|
| Befragte | 447 | 295 |
| Selbsteinschätzung 4 oder 5 | 29,5 Prozent | 30,5 Prozent |
Der Unterschied war nicht signifikant. Auch in den Persönlichkeitsmerkmalen, die das Team Schmidbauers Beschreibung zuordnete, unterschieden sich die Gruppen nicht bedeutsam. Einzige Ausnahme war die Aggressivität, die bei den Pflegekräften niedriger lag. Beim Wohlbefinden und beim Alkoholkonsum gab es ebenfalls keinen Unterschied4.
Deutlich war ein anderer Zusammenhang. Wer sich selbst ein Helfersyndrom zuschrieb, berichtete ein niedrigeres Wohlbefinden. Im Fragebogen WHO-5 lagen fast doppelt so viele von ihnen unter dem Grenzwert von 13 Punkten4.
Die rund 30 Prozent sind deshalb keine Häufigkeit des Helfersyndroms. Die Gruppe entstand über eine einzige, selbst entworfene Frage. Die Autor:innen schreiben selbst, dass diese Selbsteinschätzung nicht mit Schmidbauers Definition übereinstimmen muss4. Gemessen wurde, wie viele Menschen das Wort auf sich beziehen.
Was hat das Helfersyndrom mit Bindung zu tun?
Auch die Bindungsforschung kennt Menschen, die in Beziehungen nur geben. Neben der ängstlichen Bindung und der zwanghaften Selbstgenügsamkeit (compulsive self-reliance) beschrieb John Bowlby ein drittes klinisch auffälliges Muster, das in der Fachliteratur compulsive care-giving heißt. Diese Menschen sind aktiv an Beziehungen beteiligt, aber ausschließlich als Gebende, nie als Empfangende. Als Entstehungsweg nennt die Darstellung Eltern, die selbst (durch Krankheit oder Einschränkung) nicht fürsorgefähig waren, Fürsorge vom Kind aber annahmen oder einforderten5. Wie es aussieht, wenn Kinder so früh Verantwortung für ihre Eltern tragen, beschreibt der Text über Parentifizierung.
Den Kern des Musters geben Lapsley und Kollegen mit einem Satz Bowlbys wieder, den sie als Zitat anführen: Wer sich so entwickle, habe schon als Kind die Erfahrung gemacht, dass ihm eine Bindung nur in der Rolle dessen offenstehe, der sorgt: „und dass die einzige Fürsorge, die ihm überhaupt zuteilwerden kann, jene ist, die er sich selbst zukommen lässt“5. Die Übersetzung ist die dieser Seite. Lapsley und Kollegen ordnen den Satz einem Aufsatz Bowlbys von 1978 zu; das Original war für diese Seite nicht zugänglich, deshalb ist die Zitatkette offen ausgewiesen.
Die Nähe zu Schmidbauers Beschreibung fällt auf. In beiden liegt die Bedürftigkeit auf der anderen Seite, und in beiden hat das Muster eine frühe Vorgeschichte. Dass die beiden Autoren dasselbe meinen, zeigen die Quellen nicht. Die Parallele ist eine Deutung dieser Seite.
Wer nur gibt, kann der auch nichts annehmen?
Das liegt nahe, doch die einzige Zahl dazu weist eher in die Gegenrichtung. In einer Stichprobe von 209 Studierenden hingen die beiden Skalen für zwanghafte Selbstgenügsamkeit und zwanghaftes Fürsorgegeben mäßig negativ zusammen, mit einem Korrelationswert von −.365. Wer auf der einen Skala hoch lag, lag auf der anderen tendenziell niedriger.
Das ist ein einzelner Wert aus einer einzigen Erhebung, und er ist als unsicher zu behandeln. Er schließt nicht aus, dass beides in einem Menschen zusammenkommt. Er zeigt nur, dass Geben und Nicht-Annehmen in dieser Gruppe eher bei verschiedenen Leuten hoch lagen.
Was kostet das Helfen die Helfenden?
Ein Helfen, das nie pausiert, kann die Helfenden selbst belasten. Barbara Oakley schreibt, Fürsorge für andere könne für die Fürsorgenden langfristig schädliche Folgen haben, darunter Schuldgefühle, Burnout, Depression und Stresserkrankungen3. Schmidbauer nennt das Helfersyndrom an einer Stelle auch eine Helfer-Sucht. Daraus folge ein Zwang zu rastlosem Einsatz und eine erhöhte Gefahr, auszubrennen1.
Dazu passt der Befund aus Salzburg. Wer sich selbst ein Helfersyndrom zuschrieb, fühlte sich im Mittel schlechter4. Ob das Helfen das Wohlbefinden drückt oder ob Menschen, denen es schlechter geht, sich eher so beschreiben, kann eine einmalige Befragung nicht entscheiden.
Vertiefung: Quellenlage, Zahlen und was offen bleibt
Welcher Text von Schmidbauer hier spricht. Die Beschreibung stammt aus seinem Aufsatz „Helfersyndrom reloaded“ von 2009, gelesen in der Fassung auf seiner Website1. Das Buch von 1977 wurde für diese Seite nicht eingesehen2. Was dort im Einzelnen steht, gibt die Seite deshalb nicht wieder. Eine spätere Zusammenfassung muss nicht wörtlich mit der Erstausgabe übereinstimmen.
Was die Salzburger Zahlen tragen. Die Studie ist eine einmalige Befragung in einer Region, die Teilnahme war freiwillig, und die Vergleichsgruppe war uneinheitlich zusammengesetzt. Die Autor:innen nennen diese Grenzen selbst4. Die Merkmale, die sie Schmidbauer zuordneten, maßen sie mit allgemeinen Persönlichkeitsfragebögen. Dass das Helfersyndrom unabhängig vom Beruf auftritt, gilt deshalb nur für diese Art der Messung.
Ist das Helfersyndrom in der ICD oder im DSM? Ob der Begriff in den großen Klassifikationssystemen vorkommt, wurde für diese Seite nicht nachgeschlagen. Belegt ist nur, wie Schmidbauer und Oakley ihre Begriffe selbst einordnen13.
Und Co-Abhängigkeit? Der Begriff liegt nahe, ist aber nach Oakley kaum mit harten wissenschaftlichen Methoden untersucht3. Diese Seite sagt deshalb nichts über ihn.
Was aus Bowlbys Begriffen geworden ist. Compulsive self-reliance ist heute kein tragendes Vokabular der Bindungsforschung mehr. Das dominante Begriffspaar sind hyperaktivierende und deaktivierende Strategien. In einer Übersichtsarbeit von 2003 taucht der ältere Begriff nur zweimal auf, einmal beiläufig beim vermeidenden Stil und einmal ausdrücklich Bowlby zugeschrieben. Dort bezeichnet er einen von zwei Entwicklungswegen zu deaktivierenden Strategien6. Aus einer klinischen Gesamtkategorie ist so das Etikett für einen Weg geworden. In welchem Werk Bowlby den Begriff selbst verwendet, ist ungeklärt; dazu steht das Nötige im Grundlagentext zum Funktionieren ohne Spüren.
Lässt sich Empfangen lernen? Für diese Seite wurde dazu keine im Volltext geprüfte Studie herangezogen. Was über unauffällige und sichtbare Unterstützung bekannt ist, betrifft Empfangende allgemein und steht im Überblick zum Funktionieren ohne Spüren. Auf Menschen, die sonst nur geben, lässt es sich nicht ohne Weiteres übertragen.
Was dieser Text nicht zeigt. Erstens, dass jemand, der viel hilft, ein Helfersyndrom hat. Zweitens, wie häufig das Muster ist. Die Salzburger Zahl misst Selbstzuschreibung. Drittens, dass Schmidbauers Helfersyndrom und Bowlbys compulsive care-giving dasselbe beschreiben.
Über das Helfen sagt der Selbstauskunftsbogen nichts; er spiegelt, welche der drei Linien des Verlangens bei Ihnen am deutlichsten hervortritt. Dafür genügen 21 Aussagen, eine Diagnose stellt er nicht, und Ihre Antworten bleiben ungespeichert.
- Schmidbauer, W. (2009). Helfersyndrom reloaded. Psychologie Heute, Februar 2009. Webfassung des Autors: wolfgang-schmidbauer.de/540/helfersyndrom-reloaded, vollständig gelesen am 24.09.2026; Stellen S. 1, 3 und 6 von 8. Vorbehalt: Druckfassung nicht eingesehen, Heftseiten unbekannt. Der Text beschreibt den Begriff aus der Sicht von 2009, nicht im Wortlaut der Erstausgabe. Schmidbauer lebt, das Werk ist geschützt; hier nur ein kurzes Belegzitat.
- Schmidbauer, W. (1977). Die hilflosen Helfer: Über die seelische Problematik helfender Berufe. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg. Vorbehalt: nur bibliografisch geprüft, das Buch wurde nicht eingesehen. Das Erscheinungsjahr ist zweifach belegt (Autor und Maringgele u. a. 2023), Verlag und Untertitel sind vorläufig. Keine inhaltliche Aussage dieser Seite stützt sich auf die Erstausgabe.
- Oakley, B. A. (2013). Concepts and implications of altruism bias and pathological altruism. Proceedings of the National Academy of Sciences 110 (Suppl. 2), S. 10408–10415. DOI 10.1073/pnas.1302547110. Volltext eingesehen; Stellen in der Einleitung und im Abschnitt „Implications“, Einzelseiten nicht ermittelt. Vorbehalt: Konzeptpapier ohne eigene Daten; trägt die Begriffsbestimmung, keine Aussage über Häufigkeit oder Wirkung.
- Maringgele, V. E., Scherr, M., Aichhorn, W., & Kaiser, A. K. (2023). Helper Syndrome and Pathological Altruism in nurses – a study in times of the COVID-19 pandemic. Frontiers in Psychology 14, Artikel 1150150. DOI 10.3389/fpsyg.2023.1150150. Volltext eingesehen (Open Access, CC BY); Fundstellen über Abschnittstitel. Vorbehalt: Die Helfersyndrom-Gruppe beruht auf einer einzelnen, selbst entworfenen Selbsteinschätzungsfrage und ist keine Häufigkeitsangabe; einmalige Befragung, eine Region, freiwillige Teilnahme.
- Lapsley, D. K., Varshney, N. M., & Aalsma, M. C. (2000). Pathological attachment and attachment style in late adolescence. Journal of Adolescence 23(2), S. 137–155, hier S. 138–139 (Referat der Bowlby-Muster, einschließlich compulsive care-giving, und das Bowlby-Zitat) und S. 141–142. N = 209, studentische Stichprobe; Zusammenhang der beiden Subskalen r = −.36. Volltext eingesehen. Vorbehalt: Sekundärquelle. Das zitierte Bowlby-Original wurde nicht eingesehen. Lapsley u. a. geben es an als Bowlby, J. (1978). Attachment theory and its therapeutic implications. In S. C. Feinstein & P. L. Giovacchini (Hg.), Adolescent Psychiatry: Developmental and Clinical Studies, Bd. VI, University of Chicago Press, Chicago, hier S. 14. Der zitierte Satz ist ein bei Lapsley u. a. wiedergegebenes Bowlby-Zitat, hier in eigener Übersetzung. Ungeklärt ist davon getrennt, in welchem Werk Bowlby den Begriff compulsive self-reliance verwendet. Der Korrelationswert stammt aus einer einzigen Stichprobe und ist als unsicher zu behandeln; eine unabhängige Replikation wurde nicht gefunden.
- Mikulincer, M., Shaver, P. R., & Pereg, D. (2003). Attachment Theory and Affect Regulation: The Dynamics, Development, and Cognitive Consequences of Attachment-Related Strategies. Motivation and Emotion 27(2), S. 77–102, hier S. 79–80 und S. 96–97. Volltext eingesehen.