Parentifizierung erkennen: was der Begriff meint und was ein Test nicht zeigt
Parentifizierung ist ein Begriff aus der Familientherapie. Gemeint ist, dass ein Kind wie ein Elternteil behandelt wird. Nach den Gründungstexten trägt vor allem die emotionale Zuständigkeit den Begriff, nicht die Hausarbeit. Die üblichen Fragebögen mischen beides. Ein hoher Wert allein zeigt deshalb nicht, was überwog: viel getan oder viel gehalten.
Am Anfang kann eine Erinnerung stehen, die sich nicht recht einordnen lässt: früh zuständig gewesen, früh verlässlich, und niemand hat das je einen Verlust genannt. Ob daraus der Fachbegriff wird, den die Familientherapie meint, entscheidet sich an einer einzigen Stelle. Warum das Thema zu Menschen gehört, die funktionieren und dabei wenig spüren, steht im Grundlagentext zum Funktionieren ohne Spüren.
Was ist Parentifizierung?
Parentifizierung heißt, dass sich in einer Familie die Rollen verkehren. Bei dieser Rollenumkehr sorgt ein Kind für einen Erwachsenen wie sonst ein Elternteil. Eine frühe Definition stammt von Boszormenyi-Nagy und Spark aus dem Jahr 1973. Sie beschreiben eine verzerrte Beziehung, in der jemand seinen Partner oder sogar seine Kinder so behandelt, als wären sie seine Eltern1.
Zwei Dinge an dieser frühen Definition gehen im Alltagsgebrauch leicht verloren. Parentifiziert werden kann nach ihr auch ein Partner, nicht nur ein Kind. Und die Verzerrung hat Grade. Sie kann in einer bloßen Wunschvorstellung liegen oder, deutlicher, in abhängigem Verhalten des Erwachsenen. So gibt Sandrine Haxhe die Definition 2016 wieder2.
Haxhe hat die Gründungstexte des Begriffs neu ausgewertet, neben Boszormenyi-Nagy auch Arbeiten von Bowlby, Minuchin und Stierlin. Ihr Ergebnis ist eine Grenze. Den Kern bildet die emotionale Verantwortung für einen Erwachsenen. Praktische Aufgaben ohne emotionale Last führen nach ihrer Lesart nicht zu Parentifizierung2. Das betrifft das Begriffspaar der emotionalen und der instrumentellen Parentifizierung, das auch in Fragebögen steckt. Haxhe lässt nur die emotionale Parentifizierung gelten. Die instrumentelle allein ist für sie ein anderer Vorgang.
Was gehört dazu, und was nicht?
Umstritten ist, ob es auch eine gute Form gibt. Manche Autor:innen sprechen von „konstruktiver“ Parentifizierung. Haxhe führt den Ausdruck auf Jurkovic (1997) und Le Goff (1999) zurück und widerspricht ihm2. Die Gegenüberstellung folgt ihrer Darstellung:
| Parentifizierung nach Haxhe | Nach Haxhe ein anderer Vorgang | |
|---|---|---|
| Worum es geht | Emotionale Zuständigkeit für einen Erwachsenen | Praktische Aufgaben ohne emotionale Last |
| Beziehung zu den Eltern | Verzerrt, das Kind steht an der Stelle eines Elternteils | Harmonisch, das Kind wird für seinen Beitrag anerkannt |
| Maß und Dauer | Der Grad kann verschieden sein | Die Verantwortung überfordert nicht und geht vorüber |
In der rechten Spalte stehen Haxhes Grenze zur bloßen Mitarbeit und die Merkmale, die Le Goff für eine konstruktive Form nennt. Wer so aufwächst, ist nach Haxhe definitionsgemäß nicht parentifiziert. Dafür schlägt sie andere Begriffe mit eigener Bedeutung vor, etwa Parentalisierung, Adultisierung oder Delegation2. Die Gegenposition, die eine adaptive Form für möglich hält, stellt der Text über das Funktionieren ohne Spüren dar.
Gibt es einen Test für Parentifizierung?
Es gibt Fragebögen, aber sie entscheiden die Frage nicht. Haxhe nimmt sich die gängigen Instrumente vor, darunter Fragebögen aus den Jahren 1986, 1987 und 2011. Sie mischen instrumentelle und emotionale Punkte, ohne sauber zwischen ihnen zu trennen. Den Einwand hatte vor ihr schon Chase 2004 erhoben2.
Für die Selbsteinschätzung folgt daraus eine Vorsicht. Ein hoher Summenwert sagt, wie viele Punkte jemand angekreuzt hat, nicht welcher Art sie waren. Zwei Kindheiten, die wenig miteinander zu tun haben, können so zu ähnlichen Werten führen. In der einen hat ein Kind viel gearbeitet und wenig gehalten, in der anderen wenig gearbeitet und viel gehalten.
Was für die Selbsteinschätzung bleibt, ist die Frage hinter der Aufgabe. Wofür war das Kind zuständig, während es die Arbeit tat? Für den Abwasch, oder auch für die Stimmung am Tisch?
Welche Folgen hat Parentifizierung im Erwachsenenalter?
Belegt sind einzelne Zusammenhänge, und sie weisen nicht alle in dieselbe Richtung. Spätfolgen im strengen Sinn zeigen die Studien dazu nicht, denn sie sind rückblickend erhoben. Schon Haxhe hält fest, dass nicht alle parentifizierten Kinder in gleicher Weise betroffen sind2. Eine Zahl dafür, wie stark Parentifizierung mit seelischer Belastung im Erwachsenenalter zusammenhängt, nennt diese Seite nicht. An einer im Volltext geprüften Quelle liegt keine vor. Eine Studie zu Familienrollen, dazu weiter unten, misst Parentifizierung nicht direkt. Belastende Zusammenhänge berichtet sie für zwei Rollen, Sündenbock und Lost Child.
Ein eng umrissener Befund zeigt sogar einen günstigen Zusammenhang. Eine polnische Studie befragte 218 junge Erwachsene rückblickend zu ihrer Fürsorge für ein Geschwister in der Kindheit. Wer den Nutzen dieser Fürsorge höher einschätzte, berichtete auch einen höheren Selbstwert. Ein Teil dieses Zusammenhangs lief über die Beziehung zum Geschwister selbst. Die Autor:innen folgern, gute Geschwisterbeziehungen könnten negative Folgen der Parentifizierung abschwächen3.
Drei Einschränkungen gehören unmittelbar daneben:
- Der Befund gilt für Fürsorge gegenüber einem Geschwister, nicht gegenüber einem Elternteil.
- Er ist rückblickend erhoben und korrelativ. Gemessen wurde, was zusammen auftritt, nicht was woraus folgt.
- Er ist nicht dasselbe wie eine „konstruktive“ Parentifizierung, deren Existenz Haxhe bestreitet2.
Warum erinnert ein Geschwister dieselbe Familie anders?
Weil mehrere Kinder eingespannt werden können, nur auf ganz andere Weise. Haxhe beschreibt aus der klinischen Arbeit etwa das „perfekte Kind“ neben dem „Sündenbock“. Beide tragen etwas bei, und aus genau dieser Verteilung wächst langsam Misstrauen. Jedes Kind erlebt sich als das einzige, das von den Erwartungen der Eltern festgehalten wird, während das andere frei zu sein scheint. Dem Sündenbock fällt es ebenso schwer, die Last des perfekten Kindes zu erkennen, wie umgekehrt2. Sind die Rollen einander ähnlicher, etwa zwei Sorgende, ist Solidarität eher möglich.
Diese Beobachtung stammt aus Fallarbeit, nicht aus einer Zählung. Wie häufig das vorkommt, sagt sie nicht. Sie erklärt aber, warum der Vergleich mit einem Bruder oder einer Schwester als Prüfstein wenig taugt. Beide können recht haben, wenn sie sagen, der andere sei davongekommen.
Und das Kind, das in der Familie übersehen wurde?
Auch das kann etwas kosten. Eine Studie arbeitet mit sechs Familienrollen: Held, Sündenbock, Lost Child, Maskottchen, Kümmerer und Mastermind. Zwei dieser Rollen, der „Sündenbock“ und das „Lost Child“, sagten in zwei unabhängigen Erhebungen mit 176 und 366 Personen mehr depressive Symptome im Erwachsenenalter vorher4. Die Zusammenhänge zeigten sich in beiden Stichproben, mit standardisierten Gewichten zwischen .15 und .26. Der „Sündenbock“ dieser Studie meint dabei nicht dasselbe wie der in Haxhes Fallbeschreibungen.
Das Lost Child beschreibt die Arbeit als empfindsam, mit dem Gefühl, in der eigenen Familie übersehen und übergangen zu werden. Erfasst wurde die Rolle über Aussagen wie die, jemand zu sein, der kaum bemerkt wird, oder dass die eigenen Bedürfnisse in der Familie oft unerfüllt bleiben4. Wer in der Familie kaum bemerkt wurde, hat deshalb nicht nichts erlebt.
Im Hintergrund geblieben zu sein, ist nach diesem Befund keine belegte Entlastung. Es ist eine eigene Lage, und sie hat eigene Kosten.
Vertiefung: Stichproben, Nachbarbefunde und was keine dieser Arbeiten zeigt
Woher die Zahlen kommen. Die Selbstwert-Studie erhob 218 junge Erwachsene in Polen, Durchschnittsalter 21 Jahre, 86 Prozent Frauen, überwiegend Studierende. Der direkte Zusammenhang zwischen wahrgenommenem Nutzen und Selbstwert lag bei B = 0,27, der über die Geschwisterbeziehung vermittelte Anteil bei B = 0,123. Die Familienrollen-Arbeit stützt sich auf zwei getrennte Stichproben: 176 Personen um die 19, die noch bei ihren Eltern lebten, und 366 Personen mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren aus einer Online-Rekrutierung4. Beide Arbeiten fragen Erwachsene nach ihrer Kindheit. Was dabei gemessen wird, ist die heutige Erinnerung, nicht das damalige Geschehen.
Ein Nachbarbefund mit anderem Auslöser. Für Geschwister chronisch kranker oder behinderter Kinder gibt es eine eigene Untersuchung. 16 Erwachsene zwischen 20 und 68 Jahren berichteten in Interviews rückblickend über ihre Kindheit. Vier Themen ziehen sich durch: Unsichtbarkeit in sozialen Begegnungen, nach innen gerichtete Belastung, Schuldgefühle und die Bedeutung von Unterstützung durch andere5. Die Arbeit ist rein qualitativ, nennt keine Häufigkeiten und hat keine Vergleichsgruppe. Ihr Auslöser ist Krankheit oder Behinderung eines Geschwisters, keine Rollenverschiebung in der Familie. Sie beschreibt ein benachbartes, kein gleiches Phänomen.
Die Frage nach einer männlichen Form. Ob Jungen häufiger herangezogen werden als Mädchen, lässt sich mit den für diese Seite im Volltext geprüften Arbeiten nicht beantworten. Ebenso offen ist die Frage nach der Art: ob einem Jungen eher Funktion zugewiesen wird und einem Mädchen eher Trost. Direkt untersucht ist sie in den gesichteten Arbeiten nicht.
Was keine dieser Arbeiten zeigt:
- Wie es einem Kind geht, das in derselben Familie nicht herangezogen wurde, verglichen mit dem, das herangezogen wurde. Für diese Seite wurde keine Studie gefunden, die genau diesen Vergleich innerhalb einer Familie anstellt.
- Die Verteilung nach Geschlecht, weder nach Häufigkeit noch nach Art der Zuständigkeit.
- Eine Richtung. Alle hier genannten Zusammenhänge sind rückblickend erhoben und korrelativ.
- Eine Einordnung für eine einzelne Person. Keine dieser Arbeiten ist dafür gemacht, und keine Punktzahl ersetzt ein Gespräch mit einer Fachperson.
Welche der drei Linien des Verlangens bei Ihnen am deutlichsten hervortritt, spiegelt der Selbstauskunftsbogen. Er ist ein Reflexionswerkzeug mit 21 Aussagen, kein diagnostisches Instrument, und was Sie dort ankreuzen, wird nicht gespeichert.
- Boszormenyi-Nagy, I., & Spark, G. M. (1973). Invisible Loyalties: Reciprocity in Intergenerational Family Therapy. Harper & Row, New York. Grunddefinition der Parentifizierung, einschließlich Partner und Kinder als mögliche Adressaten und der Abstufung von der Wunschvorstellung bis zum abhängigen Verhalten. Vorbehalt: nicht am Original eingesehen; die Definition ist hier über die Wiedergabe bei Haxhe (2016, S. 186) referiert, eine Original-Seitenzahl liegt nicht vor.
- Haxhe, S. (2016). Parentification and Related Processes: Distinction and Implications for Clinical Practice. Journal of Family Psychotherapy 27(3), S. 185–199. S. 186: Wiedergabe der Definition nach Boszormenyi-Nagy und Spark, Auswertung der Gründungstexte (Boszormenyi-Nagy, Bowlby, Minuchin, Stierlin), emotionale Last als Kern des Begriffs, Kritik an der Vermischung instrumenteller und emotionaler Items in den gängigen Instrumenten (mit Verweis auf Chase 2004), ausdrücklicher Widerspruch gegen eine „konstruktive“ Parentifizierung nach Jurkovic (1997) und Le Goff (1999), Grad und Betroffenheit verschieden; S. 191: Tabelle der verwandten Prozesse (Parentalisierung, Adultisierung, Delegation); S. 189 (Abschnitt „Sensitivity amongst siblings“): unterschiedlich verteilte Rollen unter Geschwistern und das daraus wachsende Misstrauen. Volltext eingesehen. Vorbehalt: Die Geschwister-Beobachtung beruht auf der klinischen Fallarbeit der Autorin (Haxhe 2013), die für diese Seite nicht eigenständig geprüft wurde; sie ist keine quantitative Erhebung.
- Borchet, J., Lewandowska-Walter, A., Połomski, P., Peplińska, A., & Hooper, L. M. (2020). We Are in This Together: Retrospective Parentification, Sibling Relationships, and Self-Esteem. Journal of Child and Family Studies 29, S. 2982–2991. N = 218, Polen, Durchschnittsalter 21,4 Jahre, 86,2 % Frauen; direkter Effekt B = 0,272 (p < .001), indirekter Effekt über die Geschwisterbeziehung B = 0,124 (p < .01), partielle Mediation. Volltext eingesehen (Open Access). Vorbehalt: retrospektiv und korrelativ; gilt ausdrücklich für Fürsorge gegenüber einem Geschwister, nicht gegenüber einem Elternteil, und ist nicht mit der strittigen „adaptiven“ Parentifizierung gleichzusetzen. Für die Folgerung der Autor:innen zu den Geschwisterbeziehungen ist keine Einzelseite ermittelt.
- Zagefka, H., Jones, J., Caglar, A., Girish, R., & Matos, C. (2021). Family Roles, Family Dysfunction, and Depressive Symptoms. The Family Journal 29(3), S. 346–353. Sechs Familienrollen (hero, scapegoat, lost child, mascot, caretaker, mastermind); zwei Stichproben (N = 176 und N = 366); Sündenbock-Rolle β = .25 bzw. .15, Lost-Child-Rolle β = .26 bzw. .17, alle p < .05. Volltext eingesehen (Open Access). Vorbehalt: Selbstauskunft, rückblickend, korrelativ; die zweite Stichprobe wurde online per Schneeballverfahren rekrutiert. Die deutschen Rollennamen sind Übersetzungen dieser Seite.
- Hanvey, I., Malovic, A., & Ntontis, E. (2022). Glass Children: The Lived Experiences of Siblings of People with a Disability or Chronic Illness. Journal of Community & Applied Social Psychology 32(5), S. 936–948. Halbstrukturierte Interviews, N = 16 (14 weiblich, 2 männlich), Alter 20–68; vier Themen, S. 940–943. Volltext eingesehen (Repositorium der Open University). Vorbehalt: rein qualitativ: Die Arbeit erhebt keine Häufigkeiten und hat keine Vergleichsgruppe; eine Prävalenzaussage ist aus ihr nicht ableitbar. Der Ausdruck „glass children“ stammt laut den Autor:innen (S. 944) nicht aus der Fachliteratur, sondern aus einem TEDx-Vortrag von 2010.