Bindungsstile: Was die Forschung wirklich sagt
Bindungsstile beschreiben, wie ein Mensch in engen Beziehungen mit Nähe, Trennung und Verlässlichkeit umgeht. Die Forschung kennt sie heute nicht als vier feste Typen, sondern als Positionen auf zwei Skalen: Bindungsangst und Bindungsvermeidung. Wer die eigene Position kennt, hat damit kein Etikett, sondern eine Beschreibung — und die kann sich verschieben.
Sie kennen Ihren Bindungstyp vermutlich schon. Vielleicht haben Sie einen Test gemacht, vielleicht hat jemand den Begriff in einem Gespräch fallen lassen und er ist hängengeblieben. Und vermutlich hat das Wissen weniger verändert, als Sie gehofft hatten.
Das liegt selten daran, dass die Einteilung falsch wäre. Es liegt daran, dass sie fast überall strenger dargestellt wird, als sie gemeint war.
Was ist ein Bindungsstil?
Der britische Psychiater John Bowlby beschrieb Bindung als ein eigenständiges, biologisch verankertes Verhaltenssystem mit dem Ziel gefühlter Sicherheit — nicht abgeleitet von Trieb oder Hunger, sondern eine eigene Kategorie1. Zentral ist die Vorstellung einer „sicheren Basis": Ein Kind unternimmt von ihr aus Erkundungen und kehrt zu ihr zurück, im Vertrauen, dort willkommen zu sein2.
Aus wiederholten Erfahrungen mit einer Bezugsperson entstehen dabei sogenannte internale Arbeitsmodelle: verinnerlichte Erwartungen darüber, ob Nähe verlässlich beantwortet wird1. Sie sind der eigentliche Gegenstand der Theorie — nicht ein Charakterzug, sondern eine Erwartung.
Woher stammt die Einteilung in Stile?
Mary Ainsworth prüfte Bowlbys Konzept experimentell mit der „Fremden Situation", einem standardisierten Laborverfahren aus kurzen Trennungen und Wiedervereinigungen. Einjährige Kinder wurden nach ihrem Verhalten bei der Rückkehr der Bezugsperson klassifiziert. Ursprünglich unterschied sie drei Muster: sicher (Gruppe B), vermeidend (Gruppe A) und ängstlich-ambivalent (Gruppe C)3.
Zwei Einschränkungen gehören zu diesem Befund dazu, und sie fehlen in den meisten Darstellungen: Gemessen wurde Verhalten, nicht Gefühl — und schon gar nicht, was ein Mensch ist. Die Kategorien sind Befunde eines Verfahrens, keine Wesensaussagen. Und es waren drei Muster, nicht vier. Die vierte Gruppe — die desorganisierte Bindung — kam erst später und von anderen Autor:innen hinzu.
Wie beschreibt die Forschung Bindung bei Erwachsenen?
Nicht mehr über vier Kästen. Die moderne Bindungsforschung arbeitet mit zwei kontinuierlichen Dimensionen — Bindungsangst und Bindungsvermeidung. Aus ihrer Kombination lassen sich vier prototypische Muster ableiten, aber jeder Mensch liegt auf beiden Skalen zugleich irgendwo auf einem Kontinuum, nicht in einer Schublade4. Wie sich die vier Prototypen im Einzelnen beschreiben lassen, steht in der Speiche über die vier Bindungsstile.
Der Unterschied zwischen „Typ" und „Position auf zwei Skalen" ist kein akademischer. Eine Position kann sich verschieben. Ein Typ nicht.
Ob und wodurch sie sich tatsächlich verschiebt, ist eine eigene Frage — die Speiche darüber, ob sich ein Bindungsstil ändern kann, wertet dafür Längsschnitt- und Therapiestudien aus.
Warum wiederholen sich Beziehungsmuster?
Das ist die Frage, mit der die meisten Menschen auf dieses Thema stoßen — und an dieser Stelle ist Genauigkeit wichtiger als eine griffige Antwort.
Was die Bindungstheorie anbietet, ist ein Erklärungsmodell: Internale Arbeitsmodelle sind Erwartungen, und Erwartungen prägen, worauf man achtet und wie man Verhalten deutet. Was sie nicht anbietet, ist eine Kausalkette. Ein Schluss von früher Bindung auf spätere Partnerwahl oder auf konkrete sexuelle Vorlieben ist eine Interpretation, kein Befund der hier zitierten Arbeiten. Die Befundlage zu Bindung und Sexualität ist korrelativ, und wo Zusammenhänge gefunden werden, warnen die Autor:innen selbst vor Kausalschlüssen — mehr dazu in der Speiche über Bindung und Sexualität.
Ein Bindungsstil ist also weder eine Diagnose noch ein Grund. Er ist eine Beschreibung dessen, was Sie erwarten, wenn Sie jemandem nahekommen.
Ob sichere Bindung auch durchsetzungsfähiger macht, ist schwächer belegt, als es klingt — was die Forschung dort tatsächlich misst, steht in der Speiche über Bindungssicherheit und Durchsetzungsfähigkeit. Warum es manchen Menschen so viel schwerer fällt, sexuelle Wünsche auszusprechen, behandelt die Speiche über sexuelle Wünsche äußern.
Vertiefung — Bowlby, Ainsworth, mit Quellen
Zur Datierung der „sicheren Basis". Die Formulierung ist eng mit Bowlby verbunden, ihre genaue Verortung ist es nicht: Der bekannteste Wortlaut stammt aus Vorlesungen, die separat als A Secure Base (1988) erschienen sind. Ob er in dieser Form bereits in Band 1 der Trilogie (1969) steht, ist ohne Volltextprüfung nicht entschieden. Diese Seite gibt deshalb die Kernaussage sinngemäß wieder und zitiert nicht wörtlich.
Zur Reichweite der „Fremden Situation". Das Verfahren klassifiziert einjährige Kinder anhand ihres Verhaltens in einer Laborsituation. Alles, was darüber hinaus über Erwachsene gesagt wird, stützt sich nicht auf Ainsworth 1978, sondern auf die spätere Erwachsenenbindungsforschung mit eigenen Messinstrumenten4. Wer beides in einem Satz vermischt — und das geschieht in populären Darstellungen fast durchgehend —, überträgt die Autorität eines Kinderexperiments auf Aussagen über Erwachsene, für die es nicht gemacht wurde.
Zu den Messverfahren. Selbstauskunftsverfahren und das Adult Attachment Interview überschneiden sich empirisch kaum. Was jedes der beiden misst und was daraus folgt, steht in der Speiche darüber, was Bindungstests leisten.
Zu sexuellen Motiven. Unsichere Bindung beeinflusst nach der vorliegenden Forschung eher sexuelle Motive als die sexuelle Präferenz an sich: Vermeidend gebundene Menschen nutzen Sexualität eher, um Intimität zu begrenzen, ängstlich gebundene eher, um Verlustangst zu lindern5. Auch das ist ein Zusammenhang, keine Ursache.
Für einzelne Sexualpraktiken gilt das nicht einmal in dieser abgeschwächten Form — die Studienlage zu Bindung und Sexualpraktiken erhebt Zufriedenheit, Häufigkeit und Kommunikation, nicht Vorlieben.
Wenn Sie wissen möchten, welche der drei Linien des Verlangens bei Ihnen die tragende ist, dauert der Selbstauskunftsbogen etwa zwölf Minuten. Er speichert keine Antworten. Woher die drei Linien stammen und wie sie zusammenhängen, steht im Buch.
- Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss, Vol. 1: Attachment. — Bindungssystem und internale Arbeitsmodelle. Kernkonzept über Sekundärliteratur verifiziert; exakte Seitenangabe im Original nicht eingesehen.
- Bowlby, J. — Konzept der „sicheren Basis". Zuordnung ungeklärt: Der geläufige Wortlaut stammt aus A Secure Base (1988); ob er in dieser Form bereits in Attachment and Loss Vol. 1 (1969) steht, ist nicht volltextlich geprüft. Deshalb hier nur sinngemäß wiedergegeben.
- Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment. — drei Muster (Gruppen A, B, C), klassifiziert nach dem Verhalten in den Wiedervereinigungsepisoden.
- Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2016). Attachment in Adulthood (2. Aufl.). — zwei kontinuierliche Dimensionen der Erwachsenenbindung.
- Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2007). A Behavioral Systems Perspective on the Psychodynamics of Attachment and Sexuality. In: Diamond, Blatt & Lichtenberg (Hrsg.), Attachment and Sexuality, S. 51–78. Analytic Press.