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Die drei Linien des Verlangens

Kapitel 10 des Buches schlägt ein eigenes Ordnungsangebot vor: Drei Linien, die sich in dem verbinden, was Menschen begehren — Sicherheit durch kontrollierte Intensität, die Flucht vor der eigenen Lebensgeschichte, und ein abgelegter Teil, der einen sicheren Rahmen sucht. Dieser Bogen mit 21 Aussagen spiegelt Ihnen, welche Linie bei Ihnen am deutlichsten hervortritt.

Hinweis: Dies ist kein diagnostisches Instrument und kein validierter Test, sondern ein Reflexionswerkzeug aus diesem Buch. Es ordnet, es diagnostiziert nicht.

Ich fühle mich am sichersten, wenn klar ist, wer gerade die Verantwortung trägt.
Intensität — auch unangenehme — beruhigt mich eher, als dass sie mich stresst, solange ich weiß, dass sie endet.
Ich misstraue Situationen, in denen niemand erkennbar die Führung hat.
Ein klar vereinbarter Rahmen fühlt sich für mich sicherer an als völlige Freiheit.
Wenn ich als Kind Nähe wollte, musste ich sie mir oft erst verdienen.
Ich erinnere mich, früh gelernt zu haben, meine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um Streit zu vermeiden.
Kontrollierter Kontrollverlust — also Intensität innerhalb klarer Grenzen — fühlt sich für mich anders an als echte Unsicherheit.
Ich ertappe mich dabei, über mein eigenes Leben nachzudenken wie über eine Geschichte, die nicht recht zusammenpasst.
Es gibt Phasen, in denen mir das ständige Nachdenken über mich selbst zu viel wird.
In intensiven Momenten kann ich aufhören, über Vergangenheit oder Zukunft nachzudenken — nur der Moment zählt.
Ich sehne mich manchmal danach, für eine Weile keine Entscheidungen treffen zu müssen.
Wenn zu viele Erwartungen gleichzeitig auf mir lasten, wünsche ich mir einen Zustand, in dem ich nur noch reagiere, nicht mehr plane.
Ich merke, dass ich mich in stressigen Lebensphasen stärker nach Intensität sehne als in ruhigen.
Die Vorstellung, für kurze Zeit die Verantwortung für die eigene Geschichte abzugeben, hat für mich etwas Erleichterndes.
Es gibt eine Seite an mir, die ich in den meisten Lebensbereichen nicht zeige.
Manche meiner Fantasien passen nicht zu dem Bild, das andere von mir haben — und das beschäftigt mich.
Ich habe das Gefühl, in einem geschützten, einvernehmlichen Rahmen Seiten an mir zulassen zu können, die im Alltag keinen Platz haben.
Ich war lange der Meinung, bestimmte Impulse an mir seien falsch oder peinlich.
Wenn ein abgelehnter Teil von mir einen sicheren Ausdruck findet, fühle ich mich danach eher ganzer als beschämt.
Ich merke einen Unterschied zwischen dem, was ich öffentlich bin, und dem, was ich mir insgeheim wünsche.
Ich habe schon erlebt, dass ein Ritual oder eine wiederkehrende Praxis mir erlaubt hat, mich selbst vollständiger zu erleben.
Woher das Modell stammt

Für ein Drei-Faktoren-Modell dieser Art gibt es in der Kink- und Sexualforschung kein etabliertes Vorbild — das ist im Buch selbst Teil der Handlung, nicht verschwiegen. Die einzelnen Bausteine sind real und zitierfähig: Roy Baumeisters „Escape from Self"-Theorie zur Entlastung von belastender Selbstreflexion (1988), der biopsychosoziale Überblick von De Neef et al. zu den Faktoren hinter BDSM-Interessen (2019), und die Korrektur von Wismeijer & van Assen, dass BDSM-Praktizierende im Schnitt nicht durch mehr Neurotizismus gekennzeichnet sind, sondern im Schnitt höheres Wohlbefinden zeigen (2013) — eine wichtige Absage an eine reine Trauma-Erzählung. Die Verbindung dieser drei zu einem Modell ist eine eigene Setzung des Buches, nicht Forschungsstand.

  • Baumeister, R. F. (1988). Masochism as Escape from Self. The Journal of Sex Research, 25(1), 28–59.
  • De Neef, N., Coppens, V., Huys, W., & Morrens, M. (2019). Bondage-Discipline, Dominance-Submission and Sadomasochism (BDSM) From an Integrative Biopsychosocial Perspective: A Systematic Review. Sexual Medicine, 7(2), 129–144.
  • Wismeijer, A. A. J., & van Assen, M. A. L. M. (2013). Psychological Characteristics of BDSM Practitioners. The Journal of Sexual Medicine, 10(8), 1943–1952.