Was Bindungstests leisten: Selbstauskunft und das Interview im Vergleich
Selbstauskunftstests erheben zwei Skalen — Bindungsangst und Bindungsvermeidung — und beschreiben, wie jemand seine Beziehungen selbst wahrnimmt. Das Adult Attachment Interview misst etwas anderes: Der Zusammenhang zwischen beiden Verfahren ist im Mittel trivial bis klein. Sie sind keine zwei Wege zum selben Ergebnis, sondern zwei verschiedene Messgegenstände.
Ein Test dauert zehn Minuten und liefert am Ende ein Wort. Danach begegnet einem in jedem zweiten Text die Aussage, das Adult Attachment Interview sei das eigentliche, das seriöse Verfahren — und die naheliegende Frage lautet, was der eigene Testwert dann noch wert war.
Die Antwort ist nicht die, die man erwartet. Es geht nicht um genau und ungenau.
Was misst ein Bindungstest eigentlich?
Zwei Werte auf zwei Skalen: Bindungsangst und Bindungsvermeidung. Was ein Fragebogen erhebt, ist die Selbstauskunft darüber — wie jemand seine eigenen Erwartungen an Nähe, Verlässlichkeit und Abhängigkeit beschreibt. Das ist kein Nebenaspekt, sondern der Gegenstand: Die Erwachsenenbindungsforschung dieser Tradition untersucht bewusste, berichtbare Vorstellungen über enge Beziehungen1.
Das Interviewverfahren gehört einer anderen Tradition an und wertet nicht aus, was jemand berichtet, sondern wie. Es ist auf der Seite über die vier Bindungsstile beschrieben.
Kommen Test und Interview zum selben Ergebnis?
Weitgehend nicht — und das ist der Befund, an dem sich alles Weitere entscheidet.
Eine Zusammenführung von zehn Studien mit zusammen 961 Personen fand den Zusammenhang zwischen der im Interview bestimmten Sicherheit und den Dimensionen aus Selbstauskunftsverfahren als trivial bis klein: im Mittel eine Korrelation von .092. Eine zweite Untersuchung mit 160 Personen und aktuellen Erhebungsverfahren bestätigte das.
Eine Zahl in dieser Größenordnung heißt praktisch: Wer beide Verfahren an derselben Person durchführt, kann aus dem einen Ergebnis das andere nicht vorhersagen.
Heißt das, die Tests taugen nichts?
Nein, und dieser Schluss wäre der zweite Fehler nach dem ersten.
Dieselbe Arbeit untersuchte in einem dritten Teil 50 verlobte Paare und fand, dass die entwicklungspsychologischen und die sozialpsychologischen Maße der Bindungssicherheit jeweils andere, theoretisch erwartbare Aspekte des Beziehungsfunktionierens vorhersagen2. Beide sagen etwas vorher. Nur eben nicht dasselbe.
Der Fehler liegt nicht in einem der beiden Verfahren, sondern in der Erwartung, es gebe eine einzige zugrundeliegende Größe, die beide unterschiedlich gut treffen. Zwei Forschungstraditionen haben denselben Namen für verschiedene Gegenstände benutzt. Das ist unglücklich und es ist mittlerweile gut dokumentiert.
Warum liefern Tests einen Typ, wenn es keine Typen gibt?
Weil ein Wort sich leichter mitteilen lässt als zwei Zahlen — nicht, weil die Daten es hergäben.
Taxometrische Analysen an zwei Stichproben sprechen dafür, dass individuelle Unterschiede in der Erwachsenenbindung besser einem dimensionalen als einem kategorialen Modell entsprechen. Das gilt sowohl für allgemeine Bindungsrepräsentationen als auch für beziehungsspezifische, etwa gegenüber Eltern oder Freund:innen3.
Ein Test, der am Ende eines von vier Wörtern ausgibt, hat also einen Schritt getan, den die Datenlage nicht verlangt: Er hat zwei Werte in eine Zugehörigkeit übersetzt. Das ist zulässig als Sprechweise und unzulässig als Ergebnis.
Gilt ein Testwert für alle Beziehungen?
Nicht ohne Weiteres. Menschen entwickeln beziehungsspezifische Vorstellungen und halten in verschiedenen Beziehungen unterschiedliche Arbeitsmodelle. Ein Fragebogen, der die Dimensionen für mehrere Kontexte getrennt erhebt, zeigt an über 21.000 online untersuchten Personen zuverlässige Werte mit vergleichbarer Struktur; in einer Folgestudie mit 388 Personen sagten die beziehungsspezifischen Maße zwischenmenschliche Ergebnisse besser vorher, während breitere Maße Persönlichkeitsmerkmale besser trafen4.
Ein einzelner globaler Wert ist damit nicht wertlos, aber er ist grob. Wer wissen will, wie es in einer bestimmten Beziehung aussieht, fragt mit einem globalen Test das Falsche ab.
Vertiefung — zwei Forschungstraditionen, ein Name
Was eine Korrelation von .09 bedeutet — und was nicht. Sie bedeutet nicht, dass die beiden Verfahren einander widersprechen. Sie bedeutet, dass sie weitgehend unabhängig voneinander variieren: Kenntnis des einen Werts reduziert die Unsicherheit über den anderen fast nicht2. Genau deshalb hat die zitierte Arbeit den Untertitel „ein empirisches Rapprochement" — sie versucht, zwei Literaturen zu versöhnen, nicht eine gegen die andere zu entscheiden.
Zwei Traditionen, ein Wort. Die eine Linie kommt aus der Entwicklungspsychologie und ist um das Interviewverfahren gewachsen; sie interessiert sich für die Verarbeitung früher Bindungserfahrung. Die andere kommt aus der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie und ist um Fragebögen gewachsen; sie interessiert sich für Erwartungen in gegenwärtigen nahen Beziehungen. Dass beide „Bindung" sagen, ist historisch gewachsen und sachlich irreführend.
Was diese Seite ausdrücklich nicht belegt. Sie sagt nicht, dass das Interviewverfahren das zuverlässigere sei — Kennwerte zu seiner Zuverlässigkeit wurden für diese Seite nicht geprüft und werden deshalb nicht behauptet. Sie sagt nichts darüber, welche Verfahren die im Netz kursierenden Tests tatsächlich verwenden; das ist ein nicht erhobener Bestand, und eine Aussage darüber wäre eine Vermutung. Und sie sagt nichts über den Aufwand oder die Zugänglichkeit des Interviewverfahrens, obwohl dazu vieles kolportiert wird.
Woran man einen brauchbaren Test trotzdem erkennt. An dem, was er ausgibt: zwei Werte statt eines Etiketts, eine Angabe darüber, auf welche Beziehung er sich bezieht, und die Auskunft, dass er kein diagnostisches Instrument ist. Das sind keine Marketingmerkmale, sondern die drei Punkte, an denen die oben zitierten Befunde hängen.
Was die beiden Skalen beschreiben und woher sie stammen, steht auf der Übersichtsseite zu den Bindungsstilen. Ob und wie sich eine Position auf ihnen verschiebt, behandelt eine eigene Speiche, sobald sie vorliegt.
Der Selbstauskunftsbogen dieser Seite ist genau das, was der Name sagt: ein Selbstauskunftsverfahren, kein diagnostisches Instrument. Wenn Sie ihn mit dieser Einschränkung ausfüllen möchten — er dauert zwölf Minuten und speichert keine Antworten.
- Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2016). Attachment in Adulthood: Structure, Dynamics, and Change (2. Aufl.). Guilford Press. — die beiden kontinuierlichen Dimensionen und das Adult Attachment Interview. Exakte Seitenangaben ohne Volltexteinsicht nicht geprüft.
- Roisman, G. I., Holland, A., Fortuna, K., Fraley, R. C., Clausell, E., & Clarke, A. (2007). The Adult Attachment Interview and self-reports of attachment style: An empirical rapprochement. Journal of Personality and Social Psychology, 92(4), S. 678–697. DOI 10.1037/0022-3514.92.4.678 — Studie 1: meta-analytische Zusammenführung, N = 961, mittleres r = .09; Studie 2: N = 160; Studie 3: 50 verlobte Paare. Abstract wörtlich geprüft, Volltext nicht eingesehen.
- Fraley, R. C., Hudson, N. W., Heffernan, M. E., & Segal, N. (2015). Are adult attachment styles categorical or dimensional? A taxometric analysis of general and relationship-specific attachment orientations. Journal of Personality and Social Psychology, 109(2), S. 354–368. DOI 10.1037/pspp0000027
- Fraley, R. C., Heffernan, M. E., Vicary, A. M., & Brumbaugh, C. C. (2011). The Experiences in Close Relationships—Relationship Structures Questionnaire: A method for assessing attachment orientations across relationships. Psychological Assessment, 23(3), S. 615–625. DOI 10.1037/a0022898 — N > 21.000 für die Instrumentenprüfung, Studie 2 mit N = 388.