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Bindungsstile

Sexuelle Wünsche äußern — und warum es manchen Menschen schwerer fällt

Manchen Menschen fällt es schwerer, weil Bindungsunsicherheit mit gehemmter, wenig gemeinschaftlicher Kommunikation über Sexualität einhergeht — nicht, weil ihnen eine abstrakte Eigenschaft wie sexuelle Durchsetzungsfähigkeit fehlt: Diese hängt mit dem Bindungsstil nicht zusammen1, das konkrete Kommunikationsverhalten in einer Beziehung dagegen schon23.

Es gibt Sätze, die im Kopf längst fertig sind und trotzdem nicht ausgesprochen werden. Nicht aus Unsicherheit über den Wunsch selbst, sondern über das, was er auslösen könnte.

Die verbreitete Erklärung dafür lautet, es fehle an Selbstbewusstsein — und dann folgen Formulierungshilfen. Die Forschung zu Bindung und sexueller Kommunikation legt eine andere Erklärung nahe, und sie ist genauer.

Gibt es so etwas wie sexuelle Durchsetzungsfähigkeit?

Als Fachbegriff ja. Sexuelle Assertivität bezeichnet in der Sexualforschung die Fähigkeit, sexuelle Bedürfnisse mitzuteilen und gewünschtes sexuelles Verhalten mit einer Partnerin oder einem Partner zu initiieren1. Sie wird mit Fragebogenskalen erhoben, in denen Aussagen wie „Ich zögere nicht, in einer sexuellen Beziehung um das zu bitten, was ich möchte" eingeschätzt werden.

Und genau als solche abstrakte Eigenschaft trägt sie nicht. Audrey Brassard und Kolleginnen untersuchten 2015 an 556 französischsprachigen Kanadierinnen zwischen 18 und 30 Jahren, ob sexuelles Selbstwertgefühl, sexuelle Angst und sexuelle Assertivität den Zusammenhang zwischen Bindungsunsicherheit und sexueller Zufriedenheit vermitteln. Zwei der drei taten es. Die sexuelle Assertivität nicht: Sie hing weder mit Bindungsangst noch mit Bindungsvermeidung bedeutsam zusammen und vermittelte nichts1.

Das ist ein unbequemes Ergebnis für eine naheliegende Erzählung — und es ist der Ausgangspunkt für die genauere.

Was hängt dann mit dem Bindungsstil zusammen?

Das, was tatsächlich zwischen zwei Menschen gesagt oder verschwiegen wird.

Deborah Davis und Kolleginnen befragten 2006 in einer Internetstichprobe 1.989 Erwachsene und erhoben nicht eine Eigenschaft, sondern ein Verhalten: gehemmte sexuelle Kommunikation, mit achtzehn eigens entwickelten Aussagen wie „Im Allgemeinen bin ich gehemmt, wenn es darum geht, über Sex zu sprechen". Sowohl höhere Bindungsangst als auch höhere Bindungsvermeidung sagten stärker gehemmte sexuelle Kommunikation vorher — und diese wiederum geringere körperliche Zufriedenheit und geringere Zufriedenheit mit der eigenen Kontrolle über das Sexualleben2.

Bemerkenswert ist, dass die beiden Dimensionen dabei über verschiedene Zwischenschritte wirkten. Bindungsvermeidung wirkte teils unmittelbar, teils über die Zuneigung zur Partnerin oder zum Partner und über sexuelle Angst. Bindungsangst wirkte über dieselben beiden Größen — und zusätzlich über etwas, das in der Arbeit einen eigenen Namen bekommt2.

Was heißt „Sex als Beziehungsbarometer"?

Damit bezeichnen Davis und Kolleginnen die Neigung, Sexualität und ihre Verweigerung als Zeichen für den Zustand der Beziehung zu lesen. In ihrem Modell ist das der Pfad, über den Bindungsangst am stärksten mit gehemmter sexueller Kommunikation zusammenhängt2.

Das ist der eigentliche Ertrag dieser Seite, weil es die Frage verschiebt. Wer Sexualität so liest, für den ist ein ausgesprochener Wunsch in diesem Modell nicht nur ein Wunsch, sondern zugleich eine Aussage über den Stand der Beziehung. Dass dann weniger gesagt wird, ist kein Mangel an Mut. Es ist folgerichtig.

Wichtig bleibt, was das Modell nicht sagt: Es beschreibt einen statistischen Pfad in einer großen Stichprobe, keine Diagnose für einen einzelnen Menschen. Und es sagt nichts darüber, ob eine bestimmte Person zu Recht oder zu Unrecht befürchtet, was sie befürchtet — gemessen wurde die Deutung, nicht ihre Treffsicherheit.

Der Unterschied zur verbreiteten Auskunft ist trotzdem erheblich. „Mehr Selbstbewusstsein" setzt bei einer Eigenschaft der sprechenden Person an. Der Barometer-Befund setzt bei etwas anderem an: bei der Bedeutung, die ein Wunsch in dieser Beziehung bekommt. Das eine ließe sich nur an sich selbst bearbeiten, das andere nur zu zweit.

Bestätigt sich das über die Zeit?

Ja, in der bislang methodisch stärksten Arbeit dazu. Lydia Pedneault und Kolleginnen begleiteten 2026 in einer Längsschnittstudie 441 Erwachsene in Beziehungen über ein Jahr mit drei Messzeitpunkten. Höhere Bindungsvermeidung zu Beginn sagte negativere sexuelle Kommunikationsmuster — Schuldzuweisung, Vermeidung — sechs Monate später vorher; mehr gemeinschaftliche Kommunikationsmuster — gemeinsames Problemlösen, Gefühle teilen — sagten höhere sexuelle Zufriedenheit sechs Monate später vorher. Ein bedeutsamer indirekter Pfad führte von höherer Bindungsangst über geringere gemeinschaftliche Kommunikation zu geringerer sexueller Zufriedenheit3.

Derselbe Befund trägt auch die allgemeinere Speiche über Bindung und Sexualität; dort steht er im Zusammenhang mit der Frage, wozu Menschen Sexualität einsetzen. Hier steht er als das, was er für das Reden über Wünsche bedeutet.

Widersprechen sich diese Studien nicht?

Nur, solange man sie auf derselben Ebene liest.

Die eine Arbeit misst eine Eigenschaft: Wie assertiv ist dieser Mensch, allgemein und unabhängig von einer bestimmten Beziehung? Die beiden anderen messen ein Verhalten: Wie offen oder gehemmt kommuniziert dieser Mensch mit dieser Partnerin oder diesem Partner, jetzt und über die Zeit? Das erste hängt mit dem Bindungsstil nicht zusammen1, das zweite deutlich23.

Die Autorinnen der ersten Arbeit ziehen diesen Schluss selbst. Sie führen ihr Nullergebnis ausdrücklich auf die verwendete Skala zurück und empfehlen, sexuelle Kommunikation künftig mehrdimensional zu erfassen — Selbstauskunft über Vorlieben, Initiative, Zurückweisung, Verhandeln über Verhütung — statt Assertivität abstrakt zu messen1.

Was das praktisch verschiebt: Der Ansatzpunkt ist nicht ein Charakterzug, der erst geändert werden müsste, sondern das, was in einer bestimmten Beziehung gesagt und nicht gesagt wird. Dass dieselbe Verschiebung auch außerhalb des Sexuellen gilt, ist Gegenstand der Speiche über Bindungssicherheit und Durchsetzungsfähigkeit — dort geht es nicht um Wünsche, sondern um Ärger und Konflikt, und die Befundlage sieht strukturell gleich aus.

Bindungsangst und Bindungsvermeidung sind dabei keine Typen, sondern zwei Skalen, auf denen jeder Mensch zugleich eine Position hat. Woher diese Einteilung stammt, steht auf der Übersichtsseite zu den Bindungsstilen.

Vertiefung — drei Studien, drei Messverfahren, ein scheinbarer Widerspruch

Was in der ersten Arbeit sehr wohl vermittelte. Das Nullergebnis zur sexuellen Assertivität ist nur die halbe Auskunft. In derselben Untersuchung vermittelten sexuelles Selbstwertgefühl und sexuelle Angst den Zusammenhang zwischen Bindungsunsicherheit und sexueller Funktion beziehungsweise Zufriedenheit sehr wohl — vollständig für die Bindungsangst, teilweise für die Bindungsvermeidung1. Der Befund lautet also nicht „Bindung hat mit Sexualität nichts zu tun", sondern: Der Weg dorthin führt nicht über Durchsetzungsvermögen.

Wie klein das Messinstrument war, das den Nullbefund erzeugt hat. Die sexuelle Assertivität wurde in der ersten Arbeit über eine Subskala aus fünf Aussagen erhoben, mit einer inneren Konsistenz von .771. Das ist für eine Fragebogenskala nicht schlecht und für die Frage, um die es hier geht, trotzdem schmal: Fünf Aussagen über eine allgemeine Bereitschaft, um etwas zu bitten, decken das Feld nicht ab, in dem sich das eigentliche Geschehen abspielt — Vorlieben preisgeben, Initiative ergreifen, etwas ablehnen, über Verhütung verhandeln. Genau diese vier Bereiche nennen die Autorinnen selbst als das, was künftige Forschung getrennt erfassen sollte1.

Drei Studien, drei Messgegenstände — deshalb kein echter Widerspruch. Brassard und Kolleginnen verwenden eine fünf Aussagen umfassende Assertivitäts-Skala aus einem Sexualitäts-Fragebogen; Davis und Kolleginnen achtzehn eigens für ihre Arbeit entwickelte Aussagen zu gehemmter Kommunikation; Pedneault und Kolleginnen ein Instrument für Kommunikationsmuster mit den beiden Polen gemeinschaftlich und negativ. Wer die drei Ergebnisse gegeneinander stellt, vergleicht nicht drei Antworten auf dieselbe Frage.

Was daran ungeklärt bleibt. Ob die Abweichung tatsächlich vor allem an der Messung liegt, ist nicht entschieden. Die drei Stichproben unterscheiden sich zusätzlich: 556 Frauen zwischen 18 und 30 in der ersten Arbeit, eine gemischte Internetstichprobe in der zweiten, eine gemischte Gemeindestichprobe mit Beziehungen ab einem Jahr in der dritten. Und die erste Arbeit ist ein Querschnitt, die dritte ein Längsschnitt. Die Erklärung über die Messverfahren stammt von den Autorinnen der ersten Arbeit selbst — sie ist deren begründete Vermutung, kein eigens geprüfter Befund.

Ein Hinweis zur zweiten Stichprobe. Von den 1.989 Befragten waren rund 44 Prozent zum Erhebungszeitpunkt in einer sexuellen Beziehung; die übrigen berichteten über frühere Beziehungen. Für einen Befund über Kommunikation in einer laufenden Beziehung ist das eine Einschränkung, die mitgelesen werden sollte. Bei der emotionalen Zufriedenheit fand die Arbeit im Übrigen keinen bedeutsamen Weg über gehemmte Kommunikation — die hing direkt mit sexueller Angst und dem Barometer-Effekt zusammen2. Der Kommunikationsweg gilt für körperliche Zufriedenheit und für das Gefühl, über das eigene Sexualleben zu bestimmen.

Alle Zusammenhänge sind korrelativ. Auch die Längsschnittstudie zeigt zeitliche Abfolge und keine Verursachung: Dass ein Wert einem anderen um sechs Monate vorausgeht, macht ihn nicht zu seinem Grund3. Für diese Arbeit lag zudem nur die Zusammenfassung vor, nicht der Volltext; im Quellenverzeichnis steht der Vorbehalt.

Was hier fehlt und warum. Zur Frage, ob sich die Befunde bei Männern in gleicher Weise zeigen, liegt aus den drei ausgewerteten Arbeiten keine getrennte Auskunft vor: Die erste untersuchte ausschließlich Frauen, die beiden anderen berichten den Befund nicht nach Geschlecht getrennt. Ebenfalls nicht auf dieser Seite: der Unterschied zwischen der Scham, über einen Wunsch zu sprechen, und der Scham über den Inhalt eines Wunsches. Das ist eine eigene Frage mit eigenen Belegen.

Und ein Satz, der zu dieser Seite gehört: Was hier steht, beschreibt Zusammenhänge in Stichproben. Es ersetzt kein Gespräch mit einer Fachperson.


Wenn Sie wissen möchten, wie die drei Linien des Verlangens bei Ihnen zusammenspielen, führt der Selbstauskunftsbogen durch etwa zwölf Minuten Fragen — gespeichert wird davon nichts.

  1. Brassard, A., Dupuy, E., Bergeron, S., & Shaver, P. R. (2015). Attachment Insecurities and Women's Sexual Function and Satisfaction: The Mediating Roles of Sexual Self-Esteem, Sexual Anxiety, and Sexual Assertiveness. The Journal of Sex Research, 52(1), 110–119. DOI 10.1080/00224499.2013.838744 — N = 556, Volltext (Open-Access-Manuskript) eingesehen. Definition der sexuellen Assertivität dort nach Shafer (1977) und Snell et al. (1993).
  2. Davis, D., Shaver, P. R., Widaman, K. F., Vernon, M. L., Follette, W. C., & Beitz, K. (2006). „I can't get no satisfaction": Insecure attachment, inhibited sexual communication, and sexual dissatisfaction. Personal Relationships, 13(4), 465–483. DOI 10.1111/j.1475-6811.2006.00130.x — N = 1.989, Volltext eingesehen.
  3. Pedneault, L., Bigras, N., Popova, N., Brassard, A., & Bergeron, S. (2026). The role of sexual communication patterns in the longitudinal associations between romantic attachment and sexual satisfaction. Journal of Social and Personal Relationships, 43(4), 1130–1152. DOI 10.1177/02654075251396185 — N = 441, drei Messzeitpunkte über ein Jahr. Vorbehalt: Für diese Seite lag nur die Zusammenfassung vor, nicht der Volltext.