Bindungssicherheit und Durchsetzungsfähigkeit: was belegt ist und was nicht
Sichere Bindung macht nach der vorliegenden Forschung nicht durchsetzungsfähiger im Sinn einer messbaren Eigenschaft. Die beiden Studien, die genau das prüfen, stützen das nicht: Eine bleibt wegen Messproblemen ergebnislos, die andere findet einen gemischten Zusammenhang12. Belegt ist etwas Engeres — sicher gebundene Menschen drücken Ärger kontrolliert und nicht-feindselig aus und sprechen Konflikte offen an, statt sie zu vermeiden3.
Es gibt Gespräche, aus denen man mit dem Gefühl herausgeht, den eigenen Standpunkt nicht untergebracht zu haben. Nicht, weil er gefehlt hätte — er kam im Moment selbst nicht heraus.
Die Frage, die darauf folgt, ist naheliegend: Hat das etwas damit zu tun, wie sicher sich jemand in engen Beziehungen fühlt? Die Bindungsforschung gibt darauf eine Antwort. Sie ist nur enger, als die Frage sie erwartet.
Misst die Bindungsforschung Durchsetzungsfähigkeit überhaupt?
Nicht als eigene Größe. In den für diese Seite ausgewerteten Arbeiten von Mario Mikulincer und Phillip Shaver — der Forschungslinie, auf die sich populäre Darstellungen der Erwachsenenbindung meist stützen — kommt Durchsetzungsfähigkeit nicht als gemessene Variable vor. Was dort erhoben wird, ist etwas anderes: wie jemand einen Konflikt austrägt, nicht wie oft jemand sich durchsetzt.
Das ist kein formaler Einwand. Es entscheidet darüber, was sich aus dieser Forschung überhaupt ableiten lässt — und was nur so klingt, als ließe es sich ableiten. Ein Satz wie „sichere Bindung macht durchsetzungsfähiger" borgt sich die Autorität einer großen Forschungslinie für eine Aussage, die diese Linie gar nicht geprüft hat. Er ist deshalb nicht widerlegt. Er ist ungedeckt, und das ist etwas anderes.
Was hat sichere Bindung mit Ärger zu tun?
Hier liegt der belegte Kern. Shaver und Mikulincer (2002) referieren eine Serie von drei Studien von Mikulincer aus dem Jahr 1998, in der sich der Ärger sicher gebundener Menschen von dem unsicher gebundener systematisch unterschied: Sicher gebundene Personen nahmen die körperlichen Anzeichen von Ärger wahr, verfolgten konstruktive Ziele zur Wiederherstellung der Beziehung zu der Person, die den Ärger ausgelöst hatte, gingen problemlösend vor und drückten Ärger nach außen kontrolliert und nicht-feindselig aus3.
Die beiden anderen Muster sahen anders aus. Bei höherer Bindungsangst war der Ärger intensiv, kreiste um sich selbst und überflutete das Denken. Bei höherer Bindungsvermeidung beschreiben die Autoren einen „dissoziierten Ärger": kein berichteter, aber physiologisch nachweisbarer Ärger, unterschwellige Feindseligkeit und Fluchtreaktionen statt Problemlösung3.
Der Begriff, den Shaver und Mikulincer für die erste Form aufgreifen, stammt von John Bowlby: anger of hope — Ärger als funktionale Protestreaktion, die eine Beziehung korrigieren soll, statt sie zu beenden oder zu beschädigen3.
Das ist eine Form von Selbstbehauptung. Es ist keine Aussage darüber, wer sich häufiger durchsetzt.
Und im Konflikt selbst?
Dasselbe Bild, eine Ebene weiter. Nach der Zusammenfassung von Shaver und Mikulincer bearbeiten Menschen, die sich selbst als sicher gebunden einordnen, Konflikte in engen Beziehungen durch Kompromiss und durch die Integration der eigenen Position mit der der Partnerin oder des Partners — und indem sie das Problem offen ansprechen und den Konflikt lösen3.
Auch das ist kein Durchsetzungsvermögen im Sinn von Nachgeben oder Nicht-Nachgeben. Es beschreibt eine Richtung: hin zur Sache und zur anderen Person, nicht weg von beiden.
Was ist mit den Studien, die Durchsetzungsfähigkeit direkt gemessen haben?
Sie sind wenige, und sie stützen die einfache These nicht.
Plantade-Gipch und Kolleginnen (2023) untersuchten 360 junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren in Frankreich mit einer etablierten Assertivitätsskala und einem Bindungs-Fragebogen. Der geprüfte Zusammenhang zwischen Bindungsstil, Assertivität und Wohlbefinden ließ sich in der eigenen Stichprobe nicht bestätigen — die Bindungs-Subskalen erreichten dort nicht die nötige Messgüte1.
Agarwal und Poojitha (2017) untersuchten 400 Studierende in Indien mit einem Verfahren, das Bindung an Mutter, Vater und Gleichaltrige getrennt erfasst. Das Ergebnis ist gemischt und in Teilen gegenläufig: Vertrauen und Kommunikation in der Bindung an die Mutter hingen positiv mit Assertivität zusammen. Vertrauen und Kommunikation in der Bindung an Gleichaltrige hingen dagegen negativ damit zusammen, Entfremdung von Gleichaltrigen positiv; für die Bindung an den Vater fand sich dasselbe umgekehrte Muster2.
Zwei Studien, ein wegen Messproblemen nicht auswertbarer Befund und ein Befund, der in beide Richtungen zeigt. Das ist keine Grundlage für den Satz, sichere Bindung mache durchsetzungsfähiger — und es ist auch keine Grundlage für das Gegenteil.
Was heißt das für die eigene Frage?
Dass die brauchbare Auskunft nicht auf der Ebene der Eigenschaft liegt, sondern auf der Ebene des Verhaltens. „Bin ich durchsetzungsfähig?" ist eine Frage nach einem Charakterzug. „Wie gehe ich mit Ärger um, wenn er entsteht — und spreche ich einen Konflikt an oder nicht?" ist eine Frage nach etwas, das in einer bestimmten Situation und in einer bestimmten Beziehung geschieht. Nur zur zweiten Frage liegen belastbare Befunde vor.
Bindungsangst und Bindungsvermeidung sind dabei keine Schubladen, sondern zwei Skalen, auf denen jeder Mensch zugleich eine Position hat; woher diese Einteilung stammt, steht auf der Übersichtsseite zu den Bindungsstilen und im Einzelnen in der Speiche über die vier Bindungsstile.
Wie sich dasselbe Muster im sexuellen Bereich zeigt — dort geht es nicht um Ärger, sondern darum, ob eigene Wünsche überhaupt ausgesprochen werden —, ist Gegenstand der Speiche über sexuelle Wünsche äußern.
Vertiefung — Messverfahren, Befundlage, offene Fragen
Der Hauptbefund steht hier als Sekundärzitat, und das ist wichtig. Die drei Studien zum Ärgerverhalten stammen von Mikulincer (1998), erschienen im Journal of Personality and Social Psychology. Für diese Seite war der Volltext dieser Arbeit nicht zugänglich; wiedergegeben ist ausschließlich, was Shaver und Mikulincer (2002) in ihrem Übersichtsartikel darüber berichten3. Das Referat zweier Autoren über die eigene frühere Arbeit ist ein guter, aber kein unmittelbarer Beleg — Zahlen, Effektstärken und Stichprobengrößen aus Mikulincer (1998) stehen deshalb nicht auf dieser Seite.
Auch der Konfliktbefund ist eine Zusammenfassung, keine Einzelstudie. Die Aussage über Kompromiss, Integration und offenes Ansprechen stützt sich bei Shaver und Mikulincer auf eine Reihe namentlich genannter Arbeiten aus den Jahren 1988 bis 19963. Keine davon wurde für diese Seite eigenständig geprüft, und deshalb steht hier keine einzelne davon mit Autor und Jahr im Text: Eine Zuschreibung an eine bestimmte Arbeit wäre eine Behauptung über eine Quelle, in die niemand hineingesehen hat. Was bleibt, ist eine Übersichtsaussage — breiter abgestützt als eine Einzelerhebung, aber abhängig von der Auswahl, die die beiden Autoren getroffen haben.
Warum die beiden Direktstudien so wenig tragen. Beide messen Assertivität mit derselben Verfahrensfamilie (Rathus-Skala), aber Bindung mit ganz unterschiedlichen Instrumenten: Plantade-Gipch und Kolleginnen mit einem Fragebogen zur Erwachsenenbindung, Agarwal und Poojitha mit einem Verfahren, das die Bindung an Eltern und Gleichaltrige separat erfasst. Ein Vergleich der beiden Ergebnisse ist deshalb kein Vergleich zweier Antworten auf dieselbe Frage. Hinzu kommt: Für keine der beiden Arbeiten lag für diese Seite der Volltext im Original vor — beide sind über Textextraktion der jeweiligen Verlagsseite erfasst. Die Werkangaben sind geprüft, die inhaltliche Wiedergabe steht unter diesem Vorbehalt, und im Quellenverzeichnis ist er ausgeschrieben.
Ein Verweis, der bewusst nicht verwendet wird. Plantade-Gipch und Kolleginnen berufen sich ihrerseits auf eine Arbeit von Ling (2020), nach der ein ängstlicher oder vermeidender Bindungsstil zu einem Mangel an Durchsetzungsfähigkeit führe. Diese Arbeit ließ sich für diese Seite nicht auffinden und wurde nicht gelesen. Sie wird deshalb nicht als Beleg geführt, sondern nur als das benannt, was sie hier ist: ein Verweis zweiter Hand.
Ein benachbarter Befund, der oft falsch weitergegeben wird. Mikulincer und Shaver (2020) beschreiben, dass eine kontextuell gestärkte Bindungssicherheit Selbstregulationsressourcen freisetzt, die sonst durch Abwehr gebunden wären: Wer darauf vertraut, dass Unterstützung verfügbar ist, geht eher kalkulierte Risiken ein und nimmt Herausforderungen an4. Das klingt nach Durchsetzungsfähigkeit, ist aber etwas anderes. Untersucht sind dort Exploration, Lernen und Kreativität — nicht das Einstehen für eigene Bedürfnisse gegenüber einer anderen Person. Die Übertragung liegt nahe und ist trotzdem nicht gedeckt.
Alle Zusammenhänge auf dieser Seite sind korrelativ. Keine der genannten Arbeiten weist eine Wirkungsrichtung nach. Dass jemand mit höherer Bindungssicherheit Ärger anders ausdrückt, sagt nicht, dass die Sicherheit den Ausdruck erzeugt hat — der umgekehrte Weg und ein dritter, beiden zugrunde liegender Faktor sind mit denselben Daten vereinbar.
Was hier fehlt und warum. „Dominanz" als Persönlichkeitsmerkmal kommt auf dieser Seite nicht vor. In der dieser Seite zugrunde liegenden Recherche wurde keine Arbeit gefunden, die Dominanz in diesem Sinn direkt mit dem Bindungsstil verknüpft; das Konstrukt gehört in der Persönlichkeitspsychologie in eine andere Tradition. Ebenso fehlt der Unterschied zwischen Durchsetzungsfähigkeit und Aggression — eine eigene Frage, die eigene Belege braucht.
Welche der drei Linien des Verlangens bei Ihnen die tragende ist, lässt sich mit dem Selbstauskunftsbogen abschätzen: etwa zwölf Minuten, ohne dass Antworten gespeichert werden.
- Plantade-Gipch, A., Bruno, J., Strub, L., Bouvard, M., & Martin-Krumm, C. (2023). Emotional regulation, attachment style, and assertiveness as determinants of well-being in emerging adults. Frontiers in Education, 8. DOI 10.3389/feduc.2023.1058519 — N = 360. Vorbehalt: Der geprüfte Zusammenhang konnte in der eigenen Stichprobe nicht bestätigt werden (Messgüte der Bindungs-Subskalen). Volltext nicht im Original eingesehen, Wiedergabe über Textextraktion der Verlagsseite.
- Agarwal, S., & Poojitha, S. R. (2017). Parent and Peer Attachment and Assertiveness in College Students. The International Journal of Indian Psychology, 4(3). DOI 10.25215/0403.076 — N = 400. Vorbehalt: gemischter, teils gegenläufiger Befund; Volltext nicht im Original eingesehen, Wiedergabe über Textextraktion der Verlagsseite.
- Shaver, P. R., & Mikulincer, M. (2002). Attachment-related psychodynamics. Attachment & Human Development, 4(2), 133–161, hier S. 139–140. DOI 10.1080/14616730210154171 — Sekundärquelle: Übersichtsartikel, der u. a. Mikulincer (1998), Journal of Personality and Social Psychology, 74(2), 513–524, referiert. Der Primärtext von Mikulincer (1998) wurde nicht eingesehen.
- Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2020). Broaden-and-Build Effects of Contextually Boosting the Sense of Attachment Security in Adulthood. Current Directions in Psychological Science, 29(1), 22–26, hier S. 22–23. DOI 10.1177/0963721419885997 — betrifft Exploration und Risikobereitschaft, nicht zwischenmenschliche Selbstbehauptung.