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Bindungsstile

Die vier Bindungsstile und warum die Forschung sie nicht als Typen führt

Ein langes, fließendes Glasobjekt, dessen Farbe sanft von warm nach kühl verläuft.

Die vier Bindungsstile heißen sicher, ängstlich-ambivalent, vermeidend und ängstlich-vermeidend. In der Forschung zu Erwachsenen sind sie keine vier Kategorien. Sie sind die Eckpunkte eines Feldes, das zwei Skalen aufspannen: Bindungsangst und Bindungsvermeidung. Jeder Mensch hat auf beiden Skalen einen Wert und liegt damit irgendwo dazwischen1.

Wenn Sie nach den vier Bindungsstilen suchen, finden Sie fast überall dasselbe: vier Kästchen, oft „Bindungstypen“ genannt, vier Beschreibungen, dazu die Aufforderung, sich in einem davon wiederzuerkennen. Das ist nicht falsch. Es ist nur eine Vereinfachung, deren Preis selten dazugesagt wird.

Wie kommt die Forschung auf vier Stile?

Nicht durch Beobachtung von vier Menschentypen, sondern durch die Kombination von zwei Messgrößen. Die Erwachsenenbindungsforschung arbeitet mit zwei kontinuierlichen Dimensionen:

  • Bindungsangst ist die Sorge, nicht genug zu bekommen: nicht verlässlich beantwortet, verlassen, zurückgewiesen zu werden.
  • Bindungsvermeidung ist das Bedürfnis, Nähe und Abhängigkeit zu begrenzen.

Aus der Kombination dieser beiden Werte lassen sich vier prototypische Muster ableiten: sicher (auf beiden Skalen niedrig), ängstlich-ambivalent (hohe Angst, niedrige Vermeidung), vermeidend (niedrige Angst, hohe Vermeidung) und ängstlich-vermeidend oder fearful (auf beiden hoch)1.

Die vier Stile sind also Ecken eines Raums, den die beiden Skalen aufspannen. Das ist der entscheidende Punkt, und er verschiebt die übliche Darstellung: Die Namen bezeichnen Bereiche in diesem Raum, keine Kästchen, in die man hineingehört.

Warum ist der Unterschied wichtig?

Weil er über drei Dinge entscheidet, die in der Kästchen-Darstellung verloren gehen.

Erstens: Es gibt Zwischenpositionen, und die meisten Menschen sind eine. Wer auf beiden Skalen mittlere Werte hat, gehört in keines der vier Kästchen, und ist deshalb nicht undefiniert, sondern schlicht beschrieben.

Zweitens: Eine Position kann sich verschieben. Ein Wert auf einer Skala ist etwas anderes als eine Zugehörigkeit. Die Dimensionen sind das, was gemessen wird; die vier Namen sind eine Sprechweise darüber. Wie weit solche Verschiebungen gehen, beschreibt der Artikel darüber, ob sich ein Bindungsstil ändern kann.

Drittens: Es ist keine Diagnose. Weder Bindungsangst noch Bindungsvermeidung sind Krankheitsbegriffe, und keiner der vier Stile ist eine Störung. Es sind Beschreibungen von Erwartungen an Nähe.

Sind das dieselben Bindungstypen wie bei Kindern?

Nein. Die Aufzählung sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent und desorganisiert kommt aus der Forschung mit Kleinkindern, nicht aus der mit Erwachsenen.

Mary Ainsworths Klassifikation von 1978 stammt aus der sogenannten Fremden Situation, einem Laborverfahren mit einjährigen Kindern, und unterschied drei Muster (sicher, vermeidend und ängstlich-ambivalent) anhand des Verhaltens bei der Rückkehr der Bezugsperson2. Was heute desorganisierte Bindung heißt, gehört nicht in Ainsworths Reihe.

Die vier Erwachsenenstile stammen aus einer anderen Forschungslinie mit eigenen Messinstrumenten1. Dass beide Systeme ähnliche Namen benutzen, macht sie nicht zur selben Sache. Wie das Verfahren von 1978 funktioniert, was es messen kann und was John Bowlby mit der Bindungstheorie begonnen hat, steht auf der Übersichtsseite zu den Bindungsstilen.

Was sagt der eigene Stil über die Beziehung?

Etwas über Motive, wenig über Verhalten und nichts über Schuld.

Für die Sexualität ist der Befund vergleichsweise klar: Unsichere Bindung beeinflusst eher die Motive, aus denen Menschen Sex haben, als die sexuelle Präferenz selbst. Vermeidend gebundene Menschen nutzen Sexualität eher, um Intimität zu begrenzen oder Status zu gewinnen; ängstlich gebundene eher, um Verlustangst zu lindern und Nähe zu sichern3. Was daraus folgt (und was ausdrücklich nicht), erklärt der Artikel über Bindung und Sexualität.

Vertiefung: Messung, Herkunft, Grenzen

Wie wird gemessen? Zwei Wege, die verschiedene Dinge erfassen. Selbstauskunftsverfahren erheben die beiden Dimensionen über Fragebögen. Daneben steht das Adult Attachment Interview, ein narratives Verfahren, das nicht auswertet, was jemand über seine Kindheit berichtet, sondern wie er es tut: Kohärenz, Widersprüche, Auslassungen1. Die beiden Zugänge sind nicht austauschbar, und Ergebnisse aus dem einen lassen sich nicht ohne Weiteres im anderen ausdrücken. Jeder Online-Test, den Sie ausfüllen, gehört zur ersten Gruppe.

Was diese Seite nicht leistet. Sie enthält keine Verhaltenslisten der Art „daran erkennen Sie einen vermeidenden Partner“. Solche Listen sind der eigentliche Grund, warum Bindungsstile im Netz überwiegend als Etikettiermaschine für andere Menschen benutzt werden. Die Forschung, auf die sie sich berufen, beschreibt Dimensionen der eigenen Erwartung, nicht Kennzeichen, an denen sich jemand von außen einsortieren ließe.

Wo die Grenze der Aussagekraft liegt. Die hier genannten Zusammenhänge sind korrelativ. Keine der zitierten Arbeiten zeigt, dass ein Bindungsstil eine Partnerwahl, eine Vorliebe oder einen Beziehungsverlauf verursacht. Wo Zusammenhänge gefunden werden, warnen die Autor:innen regelmäßig selbst vor Kausalschlüssen.


  1. Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2016). Attachment in Adulthood: Structure, Dynamics, and Change (2. Aufl.). Guilford Press. Zwei kontinuierliche Dimensionen, daraus abgeleitete Prototypen, Adult Attachment Interview. Exakte Seitenangaben ohne Volltexteinsicht nicht geprüft.
  2. Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment. Drei Muster bei einjährigen Kindern, klassifiziert nach dem Verhalten in den Wiedervereinigungsepisoden.
  3. Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2007). A Behavioral Systems Perspective on the Psychodynamics of Attachment and Sexuality. In: Diamond, Blatt & Lichtenberg (Hrsg.), Attachment and Sexuality, S. 51–78. Analytic Press.

Eine Position lässt sich beschreiben, ohne dass daraus ein Etikett wird: Der Selbstauskunftsbogen braucht dafür zwölf Minuten. Er ist kein diagnostisches Instrument und speichert keine Antworten.