Kann sich ein Bindungsstil ändern? Was die Längsschnittforschung zeigt
Ja, aber langsam und nicht auf Beschluss. Bindungssicherheit ist über die ersten neunzehn Lebensjahre mäßig stabil; über die Lebensspanne nehmen Bindungsangst und Bindungsvermeidung im Mittel ab, und ein Überblick über Therapiestudien findet nach Therapie höhere Sicherheit und geringere Bindungsangst. Für die Bindungsvermeidung ist die Befundlage unklar.
Diese Frage kommt fast immer als zweite. Zuerst will jemand wissen, welcher Bindungsstil auf ihn zutrifft — und sobald er es zu wissen glaubt, will er wissen, ob das so bleibt.
Die Antwort der Forschung ist unbequemer als beide Extreme, die im Netz kursieren. Festgelegt ist nichts — beobachtet wurde Veränderung allerdings über Jahre und Jahrzehnte, nicht über acht Wochen.
Wie stabil ist ein Bindungsstil überhaupt?
Mäßig. Eine Meta-Analyse längsschnittlicher Daten fasst die vorliegenden Studien über die ersten neunzehn Lebensjahre zusammen und kommt zu dem Ergebnis, dass Bindungssicherheit über diesen Zeitraum moderat stabil ist1.
Interessanter als die Stabilität selbst ist die Frage, welches Modell sie erzeugt. Zwei Vorstellungen standen sich gegenüber: Nach der einen bleiben frühe Repräsentationen erhalten und wirken lebenslang mit; nach der anderen werden sie durch neue Erfahrungen fortlaufend überschrieben und müssen späteres Verhalten deshalb gar nicht mehr abbilden. Die Daten passen besser zur ersten Vorstellung1.
Praktisch heißt das: Das Frühe verschwindet nicht, es verliert aber auch nicht seine Konkurrenz. Spätere Erfahrungen kommen hinzu, statt das Alte zu ersetzen.
Verändert sich etwas allein durch das Älterwerden?
Im Durchschnitt ja. Eine Untersuchung, die drei Längsschnittstichproben zusammenführt und damit Menschen zwischen 13 und 72 Jahren abbildet (N = 628), fand einen Rückgang der Bindungsangst mit dem Alter, besonders im mittleren und höheren Erwachsenenalter, und einen linearen Rückgang der Bindungsvermeidung über die Lebensspanne. In einer Partnerschaft zu sein sagte auf beiden Skalen niedrigere Werte vorher2.
Zwei Einschränkungen gehören unmittelbar dazu, und ohne sie wird der Befund falsch. Es sind Mittelwerte über viele Menschen, keine Vorhersage für einen einzelnen Lebenslauf. Und der Beziehungsstatus sagt niedrigere Werte vorher — dass eine Beziehung sie senkt, zeigen diese Daten nicht.
Kann Therapie die Position verschieben?
Danach sieht es aus, mit einem ausdrücklichen Vorbehalt der Autor:innen selbst.
Ein systematischer Überblick über Studien aus beiden Messtraditionen — Interviewverfahren und Fragebögen — kommt zu dem Ergebnis, dass Bindungssicherheit nach einer Therapie steigt und Bindungsangst sinkt. Für die Bindungsvermeidung ist die Befundlage unklar. Die Verbesserungen zeigten sich über verschiedene Verfahren, Patientengruppen und Settings hinweg und blieben auch bestehen, wenn man Studien nach ihrer methodischen Qualität trennte3.
Die Autor:innen schließen daraus nicht mehr, als die Daten hergeben: Die Forschung stütze die Vermutung, dass sich Bindungsstile im Verlauf einer Psychotherapie verändern können — für eine gesicherte Aussage seien weitere kontrollierte Studien nötig3. Ein Review über vorliegende Studien ist etwas anderes als ein Wirksamkeitsnachweis.
Bemerkenswert ist die Asymmetrie zwischen den beiden Dimensionen. Dass die Angst nachgibt und die Vermeidung sich der Messung entzieht, ist kein Zufallsbefund einer einzelnen Arbeit, sondern zieht sich durch den Überblick.
Was ist mit „erarbeiteter Sicherheit"?
Der Begriff — im Englischen earned security — bezeichnet Menschen, die im Adult Attachment Interview kohärent und geordnet über eine belastende Kindheit sprechen. Die naheliegende Deutung lautet: Sie waren unsicher gebunden und haben sich Sicherheit erarbeitet.
Eine 23-Jahre-Längsschnittstudie hat genau diese Annahme geprüft — und sie nicht bestätigt. Retrospektiv bestimmte „earned-secures" waren als Säuglinge nicht häufiger unsicher gebunden als durchgehend sicher Gebundene, und sie hatten in Kindheit und Jugend, gemessen in einer Hochrisikostichprobe, mit die unterstützendste und strukturierteste mütterliche Erziehung erlebt. Anders sah es aus, wenn man dieselbe Gruppe nicht rückblickend, sondern über die tatsächliche Säuglingsklassifikation bestimmte: Diese prospektiv definierten Personen hatten später tatsächlich Erfolg in nahen Beziehungen4.
Der Befund richtet sich nicht gegen die Idee, dass Menschen sich verändern. Er richtet sich gegen ein bestimmtes Verfahren, das herauszufinden: Wie jemand heute über seine Kindheit spricht, ist keine verlässliche Auskunft darüber, wie diese Kindheit war.
Was lässt sich daraus ableiten?
Drei Dinge, und alle drei sind kleiner als die Versprechen, die zu diesem Thema im Umlauf sind.
Beobachtet wurde Veränderung auf der Zeitskala, die die zitierten Arbeiten abdecken — Jahre, nicht Wochen. Sie ist auf der Ebene von Mittelwerten gut belegt und auf der Ebene der einzelnen Person schlecht vorhersagbar. Und die beiden Dimensionen verhalten sich nicht gleich: Für die Bindungsangst ist die Befundlage deutlicher als für die Bindungsvermeidung.
Was hier steht, ist Forschungsstand und ersetzt kein Gespräch mit einer Fachperson.
Vertiefung — Modelle, Mittelwerte und was die Daten nicht hergeben
Zwei Modelle, ein Datensatz. Die Unterscheidung zwischen dem Prototyp- und dem revisionistischen Modell ist keine akademische Spielerei, sondern entscheidet, was man von einer Veränderung erwarten darf1. Unter dem revisionistischen Modell müsste die Stabilität über immer längere Zeiträume gegen null gehen — was früh war, wäre irgendwann vollständig überschrieben. Unter dem Prototyp-Modell sinkt sie ebenfalls, pendelt sich aber auf einem Wert oberhalb von null ein. Die Daten passen zur zweiten Form. Ein konkreter Zahlenwert für diesen Endwert wird in Sekundärdarstellungen genannt, ließ sich für diese Seite aber an keiner Primärfassung prüfen und steht deshalb hier nicht.
Mittelwert und Einzelfall sind zwei verschiedene Aussagen. Dass Bindungsangst über die Lebensspanne im Mittel abnimmt2, bedeutet nicht, dass sie bei einer bestimmten Person abnimmt. Mittelwertsveränderungen einer Kohorte und individuelle Verläufe sind in der Längsschnittmethodik strikt getrennte Größen, und die Verwechslung der beiden ist der häufigste Fehler in populären Wiedergaben solcher Studien.
Was diese Seite ausdrücklich nicht sagt. Sie sagt nicht, welches Therapieverfahren die Bindungsdimensionen verändert — der Überblick aggregiert über Verfahren3, und eine Aussage über ein einzelnes wäre nicht gedeckt. Sie sagt nicht, ob eine Veränderung nach Therapieende Bestand hat; Nachbeobachtungen dazu liegen in den eingesehenen Arbeiten nicht vor. Und sie nennt keine Übungen, keine Schritte, keinen Zeitrahmen. Alles drei findet sich reichlich im Netz und in keiner der hier zitierten Arbeiten.
Warum die Bindungsvermeidung schwerer zu bewegen ist als die Bindungsangst, ist eine offene Frage. Der Review hält den Unterschied fest, ohne ihn zu erklären3. Dass Vermeidung unter anderem darin besteht, Bedürftigkeit nicht zu berichten, macht sie zugleich zu einer schwierigen Größe für Selbstauskunftsverfahren — was diese Frage mit der nach der Messbarkeit verbindet und nicht auf dieser Seite entschieden werden kann.
Alle Befunde dieser Seite beziehen sich auf die beiden Skalen, nicht auf vier Kästchen. Woher diese Skalen kommen, steht auf der Übersichtsseite zu den Bindungsstilen, und wie die vier Bindungsstile daraus abgeleitet werden, in der zugehörigen Speiche5.
Wenn Sie sehen möchten, wo Sie heute stehen — als Beschreibung, nicht als Urteil: Der Selbstauskunftsbogen dauert zwölf Minuten und speichert keine Antworten.
- Fraley, R. C. (2002). Attachment Stability From Infancy to Adulthood: Meta-Analysis and Dynamic Modeling of Developmental Mechanisms. Personality and Social Psychology Review, 6(2), S. 123–151. DOI 10.1207/S15327957PSPR0602_03 — Abstract wörtlich über die Crossref-Angabe zum DOI geprüft, Volltext nicht eingesehen. Vorbehalt: Der in Sekundärdarstellungen genannte Zahlenwert für die Stabilitäts-Asymptote konnte nicht verifiziert werden und wird deshalb nicht wiedergegeben.
- Chopik, W. J., Edelstein, R. S., & Grimm, K. J. (2019). Longitudinal changes in attachment orientation over a 59-year period. Journal of Personality and Social Psychology, 116(4), S. 598–611. DOI 10.1037/pspp0000167 — N = 628, Alter 13 bis 72, Q-Sort-Verfahren. Vorbehalt: Mittelwertsveränderungen; der Beziehungsstatus sagt niedrigere Werte vorher, eine Wirkung ist damit nicht gezeigt.
- Taylor, P., Rietzschel, J., Danquah, A., & Berry, K. (2015). Changes in attachment representations during psychological therapy. Psychotherapy Research, 25(2), S. 222–238. DOI 10.1080/10503307.2014.886791 — systematischer Review über Interview- und Selbstauskunftsverfahren. Vorbehalt: kein randomisierter Wirksamkeitsnachweis; die Autor:innen halten fest, dass weitere kontrollierte Studien nötig sind.
- Roisman, G. I., Padrón, E., Sroufe, L. A., & Egeland, B. (2002). Earned-Secure Attachment Status in Retrospect and Prospect. Child Development, 73(4), S. 1204–1219. DOI 10.1111/1467-8624.00467 — 23-Jahres-Längsschnitt, Hochrisikostichprobe.
- Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2016). Attachment in Adulthood: Structure, Dynamics, and Change (2. Aufl.). Guilford Press. — die beiden kontinuierlichen Dimensionen der Erwachsenenbindung. Exakte Seitenangaben ohne Volltexteinsicht nicht geprüft.