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Normalität und Scham

Ist Sexsucht eine anerkannte Diagnose?

Als Sucht ist Sexsucht in der ICD-11 der WHO keine Diagnose. Eine Arbeitsgruppe hat dafür die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung (CSBD) beschrieben. Sie ordnet sie bei den Impulskontrollstörungen ein, bewusst nicht bei den Süchten, weil noch offen sei, ob dieselben Prozesse ablaufen wie bei einer Sucht. Hohes Verlangen allein reicht für diese Diagnose nicht1.

Vielleicht sind Sie auf das Wort „Sexsucht“ gestoßen, weil Sie sich fragen, ob Ihr eigenes Verlangen noch in einem guten Maß ist. Vielleicht hat es jemand über einen anderen Menschen gesagt, und Sie wollen wissen, was daran ist. In beiden Fällen klingt das Wort, als gäbe es eine feste medizinische Antwort.

Die gibt es nicht in der Form, die das Wort nahelegt. Was die Klassifikation der WHO tatsächlich kennt, ist enger gefasst und anders begründet. Und die Arbeitsgruppe, die die Diagnose beschrieben hat, trennt ausdrücklich zwischen verlorener Kontrolle und schlechtem Gewissen. Wie die Diagnosesysteme allgemein entscheiden, wann eine sexuelle Vorliebe als Problem gilt, ist die Grundlage für alles, was hier folgt.

Ist Sexsucht eine anerkannte Diagnose?

Nein, jedenfalls nicht als Sucht. Die ICD-11, das Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation, kennt die Compulsive Sexual Behaviour Disorder, wörtlich übersetzt die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung, kurz CSBD. Die zuständige Arbeitsgruppe hat sie nicht bei den Störungen durch Substanzgebrauch und abhängiges Verhalten eingeordnet, sondern bei den Impulskontrollstörungen. Sie begründet das selbst mit einer bewusst zurückhaltenden Position. Noch sei nicht gesichert, ob die Prozesse, die das Verhalten entstehen und andauern lassen, denen bei Substanzstörungen, Glücksspiel oder Gaming entsprechen1.

So steht es auch im Text der ICD-11 selbst. Dort trägt CSBD den Code 6C72 und gehört zu den Impulskontrollstörungen, neben Pyromanie und Kleptomanie. Der Abschnitt über Störungen durch Suchtverhalten, zu dem die Glücksspiel- und die Gamingstörung gehören, schließt sie ausdrücklich aus2.

Das ist mehr als eine Frage der Schublade. Wer „Sexsucht“ sagt, legt nahe, dass dahinter dieselben Prozesse ablaufen wie bei einer Abhängigkeit von Substanzen. Diese Annahme hält die Arbeitsgruppe für ungeklärt.

Und das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5? Für seine Neufassung hat Martin Kafka 2010 eine Diagnose „Hypersexual Disorder“ vorgeschlagen, also eine Störung der Hypersexualität3. Die American Psychiatric Association hat den Vorschlag nicht ins DSM-5 aufgenommen. Das hält eine Übersicht von Shane Kraus, Valerie Voon und Marc Potenza aus dem Jahr 2016 fest. Als Gründe vermuten die drei mehrere, darunter fehlende Daten in wichtigen Forschungsbereichen4.

Gibt es in Deutschland eine Diagnose für Sexsucht?

Nicht unter diesem Namen, und auch nicht als CSBD. Für die Verschlüsselung von Krankheiten ist in Deutschland weiterhin die ICD-10-GM die amtliche Klassifikation. Eine zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung kennt sie nicht. Am nächsten kommt ihr die Kategorie F52.7 „Gesteigertes sexuelles Verlangen“. Sie steht dort bei den sexuellen Funktionsstörungen und hat keinen beschreibenden Text5. Auch die WHO selbst nennt diese Kategorie der ICD-10 in ihrem klinischen Handbuch zur ICD-11 als diejenige, die CSBD am nächsten verwandt ist6.

Das ändert sich erst mit der Einführung der ICD-11. Sie wird für die Verschlüsselung von Krankheiten nach Auskunft des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen7.

Ab wann gilt man als sexsüchtig?

Im Sinn einer Diagnose gar nicht, weil es in der ICD-11 keine Suchtdiagnose für sexuelles Verhalten gibt. Für CSBD beschreibt der Text der ICD-11 ein anhaltendes Muster, in dem jemand intensive, wiederkehrende sexuelle Impulse nicht steuern kann und deshalb immer wieder sexuell handelt. Das Muster zeigt sich über einen längeren Zeitraum. Als Beispiel nennt die WHO sechs Monate oder mehr, eine feste Grenze setzt sie damit nicht. Und es führt zu deutlichem Leidensdruck oder zu einer deutlichen Beeinträchtigung in wichtigen Lebensbereichen2.

Mögliche Symptome nennt der Text ebenfalls. Das Verhalten rückt so in den Mittelpunkt, dass Gesundheit, Körperpflege, andere Interessen und Pflichten zu kurz kommen. Viele Versuche, es deutlich einzuschränken, scheitern. Und es geht weiter, obwohl es schadet oder kaum noch Befriedigung bringt2. Das Verhalten selbst kann dabei ganz verschieden aussehen. Das klinische Handbuch der WHO nennt Sex mit anderen, Selbstbefriedigung, Pornografie, Cybersex, Telefonsex und andere wiederholte sexuelle Handlungen6.

Zwei Grenzen zieht die Arbeitsgruppe ausdrücklich, und beide schützen vor einer zu schnellen Diagnose:

  • Hohes Verlangen allein reicht nicht. Wer viel sexuelles Interesse hat und häufig sexuellen Aktivitäten nachgeht, aber die Kontrolle über sein Verhalten behält und weder deutlich leidet noch beeinträchtigt ist, soll die Diagnose nicht bekommen1.
  • Moralische Verurteilung allein reicht nicht. Negative Gefühle, die aus moralischen Urteilen oder aus Missbilligung der eigenen sexuellen Impulse stammen, begründen die Diagnose nicht, wenn das Verhalten sonst nicht als krankhaft gälte1.

Das klinische Handbuch der WHO von 2024 enthält beide Grenzen und nennt weitere. Kurze Phasen von bis zu einigen Monaten, in denen sexuelle Impulse und sexuelles Verhalten zunehmen, weil sich etwa nach einem Umzug oder einer Veränderung des Beziehungsstatus neue Gelegenheiten ergeben, sollen die Diagnose nicht allein begründen. Dasselbe gilt für Leidensdruck, der nur aus tatsächlicher oder befürchteter Missbilligung durch andere stammt6.

Eine Häufigkeit, ab der Sex „zu viel“ wäre, nennt die Arbeitsgruppe nicht. Es geht um Kontrolle und um Folgen, nicht um eine Zahl pro Woche. Ungewöhnliche Vorlieben sind dabei ein eigenes Thema, mit eigenen Kategorien und eigenen Diagnosekriterien.

Sexsucht, Hypersexualität, CSBD: Ist das dasselbe?

Die drei Wörter klingen wie Synonyme. Sie stammen aber aus verschiedenen Richtungen und bedeuten verschiedenes. Ein vierter Begriff kommt aus der Forschung dazu.

Begriff Wo er auftaucht Status
„Sexsucht“ (sexual addiction) Suchtbegriff, etwa im Titel des Buches von Patrick Carnes (1983)8 in der ICD-11 keine Suchtdiagnose2
„Hypersexualität“ (Hypersexual Disorder) Vorschlag von Martin Kafka (2010) für das DSM-53 nicht ins DSM-5 aufgenommen4
CSBD (Compulsive Sexual Behaviour Disorder) WHO-Arbeitsgruppe für die ICD-111 Diagnose in der ICD-11 (6C72), eingeordnet als Impulskontrollstörung2
Problematischer Pornografiekonsum (PPU) Forschungsbegriff, etwa neben CSBD im Titel einer Studie von Wizła und Lewczuk (2024)9 dort als häufigste Erscheinungsform von CSBD geführt9; die WHO nennt Pornografiekonsum als eine mögliche Ausdrucksform6

Wer „Sexsucht“ und „CSBD“ gleichsetzt, verwischt also den Unterschied, auf den die Arbeitsgruppe Wert legt: Das eine Wort unterstellt eine Sucht, das andere lässt diese Frage ausdrücklich offen.

Woher kommt der Begriff „Sexsucht“?

Mit dem Wort im Titel erschien 1983 das Buch Out of the Shadows: Understanding Sexual Addiction von Patrick Carnes8. Wizła und Lewczuk führen es 2024 als Beispiel dafür an, dass zwanghaftes Sexualverhalten auch als Sucht gedacht und erforscht wurde, neben Deutungen als Zwang oder als Impulsivität9. Ob Carnes das Suchtmodell begründet und mit dem Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker verbunden hat, ist für diese Seite nicht am Buch geprüft [BELEG FEHLT: Carnes als Begründer des Suchtmodells, Zwölf-Schritte-Bezug].

Die klinische Einordnung stammt von anderen Autor:innen. In den Autorenlisten der WHO-Arbeitsgruppe und der Übersicht von Kraus, Voon und Potenza taucht Carnes nicht auf1,4. Die Selbsthilfelinie und die klinische Klassifikation sind also personell zwei getrennte Stränge.

Ist Sexsucht eine Sucht wie eine Alkohol- oder Drogensucht?

Das ist in der Forschung umstritten und nicht entschieden. Für eine Nähe zur Sucht spricht ein Befund aus der Bildgebung, den Kraus, Voon und Potenza in ihrer Übersicht zusammenfassen. Männer mit zwanghaftem Sexualverhalten reagierten danach im Hirnscanner auf pornografische Videos stärker als Vergleichspersonen. Das betraf Regionen, die auch bei Drogenabhängigen auf Suchtreize ansprechen. Genannt werden der dorsale vordere Gyrus cinguli, das ventrale Striatum und die Amygdala4.

Dieselben Autor:innen ziehen daraus aber keinen Schluss auf eine Sucht. Trotz der wachsenden Zahl solcher Befunde gebe es erhebliche Wissenslücken, die eine Einordnung als Sucht weiterhin erschwerten, schreiben sie4.

Es gibt auch Studien, die eine Suchtparallele schon im Titel bestreiten. Zwei Arbeiten mit Hirnstrommessung (EEG), an denen Nicole Prause beteiligt war, heißen sinngemäß „Sexuelles Verlangen, nicht Hypersexualität, hängt mit neurophysiologischen Reaktionen auf sexuelle Bilder zusammen“ (2013) und sprechen 2015 von Befunden, die mit „Pornosucht“ nicht vereinbar seien10,11.

In der ersten Studie sahen 52 Menschen, die nach eigener Angabe Mühe hatten, ihren Konsum sexueller Bilder zu steuern, unter anderem sexuelle und neutrale Fotos. Gemessen wurde dabei eine bestimmte Hirnstromreaktion, die P300. Wie viel stärker sie bei sexuellen als bei neutralen Bildern ausfiel, hing mit dem sexuellen Verlangen zusammen. Der Zusammenhang war negativ. Je stärker das Verlangen nach Sex mit einer anderen Person, desto kleiner fiel der Unterschied aus. Mit keinem der drei Fragebögen zu Hypersexualität hing die Reaktion zusammen10. Die Autor:innen sehen darin keine Stütze für Modelle krankhafter Hypersexualität und fordern selbst eine Wiederholung mit anderen Teilnehmenden10.

Was die Studie von 2015 im Einzelnen gemessen hat, ist für diese Seite nicht am Volltext geprüft [BELEG FEHLT: Befunde von Prause u. a. 2015]. Ein Jahr später erschien in derselben Zeitschrift ein Kommentar, der ihre Befunde schon im Titel als möglicherweise vereinbar mit Suchtmodellen liest12.

Wann wird aus schlechtem Gewissen ein Gefühl von Sucht?

Die Diagnose zieht hier eine klare Linie. Leidensdruck, der aus moralischen Urteilen über die eigenen sexuellen Impulse stammt, begründet nach der WHO-Arbeitsgruppe allein keine CSBD, solange das Verhalten sonst nicht als krankhaft gälte1. Schlechtes Gewissen und verlorene Kontrolle sind für die Diagnose also zwei verschiedene Dinge, auch wenn sich beides ähnlich anfühlen kann.

Das klinische Handbuch der WHO beschreibt diesen Fall genauer. Wer das eigene Sexualverhalten religiös oder moralisch verurteilt oder das Urteil anderer fürchtet, nennt sich danach unter Umständen selbst „sexsüchtig“. Dann sei sorgfältig zu prüfen, ob dieses Bild nur aus dem eigenen oder fremden Urteil stammt oder ob die Kontrolle tatsächlich beeinträchtigt ist und die übrigen Voraussetzungen erfüllt sind6.

Wie eng das Gefühl, süchtig zu sein, mit moralischer Missbilligung zusammenhängt, untersucht eine eigene Forschungslinie um Joshua Grubbs. Ihre Titel benennen die These: Transgression as Addiction, mit Religiosität und moralischer Missbilligung als Prädiktoren wahrgenommener Pornografiesucht (2015)13, und ein Modell pornografiebezogener Probleme durch moralische Inkongruenz, gestützt auf einen systematischen Review und eine Metaanalyse (2019)14. Die Befunde selbst sind für diese Seite nicht am Volltext geprüft [BELEG FEHLT: Ergebnisse von Grubbs u. a. 2015 und 2019].

Eine Einordnung dieser Seite, kein Forschungsbefund: Die Belastung, die die Arbeitsgruppe hier ausklammert, ähnelt der, die im Grundlagentext als Unterschied zwischen Leidensdruck und Scham auftaucht. Gelitten wird dann weniger am Verhalten als an seinem Urteil darüber. Keine der hier verwendeten Quellen stellt diese Verbindung selbst her.

Wie verbreitet ist erlebter Kontrollverlust beim Sex?

Belastbare Zahlen gibt es für das Erleben, nicht für die Diagnose. Janna Dickenson und Kolleg:innen befragten 2016 eine repräsentative US-Stichprobe von 2.325 Erwachsenen zwischen 18 und 50 Jahren. 8,6 Prozent erreichten auf einem Fragebogen zu zwanghaftem Sexualverhalten einen Wert, der als klinisch auffällig gilt: 10,3 Prozent der Männer und 7,0 Prozent der Frauen15.

Diese Zahl misst Leidensdruck oder Beeinträchtigung, die Menschen mit Schwierigkeiten verbinden, sexuelle Gefühle, Impulse und Verhalten zu steuern. Sie ist keine Zahl von Menschen mit einer CSBD-Diagnose und schon gar keine Zahl von „Sexsüchtigen“. Eine Diagnose kann nur eine Fachperson stellen, ein Fragebogen kann das nicht.

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern fiel kleiner aus, als in der Fachliteratur bis dahin angenommen15. Warum, lässt sich mit den vorliegenden Studien nicht klären.

Was hier steht, ersetzt kein Gespräch mit einer Fachperson. Wenn das eigene sexuelle Verhalten Sie belastet, kann eine sexualmedizinische oder psychotherapeutische Einschätzung klären, was diese Seite nur allgemein beschreiben kann.

Vertiefung: Die Sucht-Kontroverse, Prävalenz und was noch offen ist

Wo die Kontroverse steht. Geprüft ist für diese Seite die Übersicht von Kraus, Voon und Potenza (2016). Sie trägt Bildgebungsbefunde zusammen, die an Suchtprozesse erinnern, und hält die Einordnung als Sucht trotzdem ausdrücklich für nicht geklärt4. Von der Gegenseite ist die EEG-Studie von Steele u. a. (2013) im Volltext geprüft, die von Prause u. a. (2015) nur über Titel und Kurzfassung bekannt10,11. Den Kommentar von Mateusz Gola, der die Befunde von 2015 anders liest, kennt diese Seite nur dem Titel nach12. Deshalb gilt hier keine der beiden Seiten als widerlegt oder bestätigt.

Vorschlag und Verabschiedung. Die Einordnung als Impulskontrollstörung und die beiden Ausschlussgrenzen stammen aus der Veröffentlichung der WHO-Arbeitsgruppe, im Volltext geprüft1. Die Einordnung steht so auch im Text der ICD-11 selbst, gelesen in der Druckfassung, die die WHO zum Release 2026-01 bereitstellt2. Beide Ausschlussgrenzen stehen im klinischen Handbuch der WHO von 20246. Beim DSM-5 ist Kafkas Vorschlag nur bibliografisch belegt3. Dass er nicht aufgenommen wurde, berichten Kraus, Voon und Potenza im Volltext. Die Gründe nennen sie als Vermutung, und den Wortlaut des DSM-5 selbst gibt diese Seite nicht wieder4.

Was die Prävalenzzahl nicht sagt. Dickenson und Kolleg:innen haben einen Fragebogen ausgewertet, das Compulsive Sexual Behavior Inventory mit 13 Fragen. Als auffällig galt ein Wert von 35 oder mehr von 65 möglichen Punkten15. Ein solcher Schwellenwert sortiert vor. Er ersetzt weder das Gespräch noch die klinische Prüfung der Kriterien. Die Zahl gilt zudem für die USA und für Erwachsene bis 50.

Was diese Seite offen lässt.

  • Moral und Suchtgefühl. Die Ergebnisse der Forschungslinie um Grubbs sind hier nicht am Volltext geprüft und werden deshalb nicht wiedergegeben.
  • Bindung und Gefühlsregulation. Wizła und Lewczuk haben 2024 in einer polnischen Online-Befragung 1.002 Erwachsene untersucht. Bindungsangst und Schwierigkeiten, Gefühle zu regulieren, gingen dort mit stärkeren Symptomen von CSBD und problematischem Pornografiekonsum einher. Die Zusammenhänge mit unsicherer Bindung wurden zumindest teilweise über die Schwierigkeiten mit der Gefühlsregulation vermittelt9. Offen bleibt, was davon Ursache ist. Die Studie ist ein Querschnitt, und die Autor:innen raten selbst zur Vorsicht bei ihren Schlüssen9.
  • Internationale Zahlen. Es gibt eine große internationale Befragung zu CSBD. Ihre Ergebnisse sind für diese Seite nicht am Original geprüft und werden deshalb nicht genannt.
  • Behandlung. Was bei erlebtem Kontrollverlust hilft, beantwortet diese Seite nur für einen Ausschnitt. Die deutsche Leitlinie zu Internetnutzungsstörungen von 2024 empfiehlt bei einer Pornografie-Nutzungsstörung kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze als Methoden der ersten Wahl. Zu anderen Verfahren, auch zum Zwölf-Schritte-Programm, gibt es danach nur vereinzelte Studien, deren methodische Grenzen keine allgemeingültige Empfehlung erlauben16. Für zwanghaftes Sexualverhalten, das sich nicht über Pornografie im Internet äußert, ist die Leitlinie nicht geschrieben.
  • Ursachen. Das klinische Handbuch der WHO berichtet, dass CSBD bei Erwachsenen mit hohen Raten von Traumata in der Kindheit in Verbindung gebracht wird, darunter sexueller Missbrauch. Häufig kommen weitere psychische Erkrankungen hinzu, auch Störungen durch Substanzgebrauch6. Welche Rolle solche Erfahrungen oder eine allgemeine Impulsivität für die Entstehung spielen, ist hier nicht recherchiert und wird nicht behauptet.
  • Geschlechterunterschied. Warum er kleiner ist als früher angenommen, ist offen.
  • Pornosucht und Sexsucht. Wizła und Lewczuk beschreiben CSBD als möglichen Oberbegriff und problematischen Pornografiekonsum als seine häufigste Erscheinungsform9. Nach der deutschen Leitlinie ließe sich die Pornografie-Nutzungsstörung gut als Unterform von CSBD verstehen. Als Alternative nennt sie die Einordnung als Verhaltenssucht, die viele Forschende fordern16. Einheitlich beantwortet ist die Frage damit nicht.

  1. Kraus, S. W., Krueger, R. B., Briken, P., First, M. B., Stein, D. J., Kaplan, M. S., Voon, V., Abdo, C. H. N., Grant, J. E., Atalla, E., & Reed, G. M. (2018). Compulsive sexual behaviour disorder in the ICD-11. World Psychiatry 17(1), S. 109–110. Einordnung als Impulskontrollstörung samt Begründung und beide Ausschlussgrenzen aus dem Volltext. Veröffentlichung der WHO-Arbeitsgruppe. Den Text der ICD-11 selbst gibt Quelle 2 wieder.
  2. World Health Organization (2026). ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Release 2026-01. Code 6C72 und Abschnitt 6C50–6C5Z, gelesen in der Druckfassung aus den Release-Dateien der WHO (englisch, eigene Wiedergabe). Vorbehalt: Die Online-Ansicht selbst und eine deutsche Fassung wurden nicht eingesehen.
  3. Kafka, M. P. (2010). Hypersexual Disorder: A Proposed Diagnosis for DSM-V. Archives of Sexual Behavior 39(2), S. 377–400. Vorbehalt: nur bibliografisch verwendet (Vorschlag laut Titel), Inhalt nicht am Volltext geprüft.
  4. Kraus, S. W., Voon, V., & Potenza, M. N. (2016). Should compulsive sexual behavior be considered an addiction? Addiction 111(12), S. 2097–2106. Aus dem Volltext, auch die Nichtaufnahme ins DSM-5. Deren Gründe nennen die Autor:innen nur als Vermutung.
  5. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2026). ICD-10-GM Version 2026, Kode F52.7. Amtlicher Wortlaut.
  6. World Health Organization (2024). Clinical Descriptions and Diagnostic Requirements for ICD-11 Mental, Behavioural and Neurodevelopmental Disorders. Genf: WHO. Abschnitt zu CSBD S. 526–530, Verhältnis zur ICD-10 S. 29. Aus dem Volltext (englisch, eigene Wiedergabe).
  7. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2026). ICD-11. Informationsseite zum Stand der Einführung in Deutschland, abgerufen am 25.09.2026. Vorbehalt: Die Seite trägt kein Datum.
  8. Carnes, P. J. (1983). Out of the Shadows: Understanding Sexual Addiction. CompCare Publications, Minneapolis. Vorbehalt: nur bibliografisch geprüft, der Inhalt des Buches ist nicht eingesehen.
  9. Wizła, M., & Lewczuk, K. (2024). The Associations Between Attachment Insecurity and Compulsive Sexual Behavior Disorder or Problematic Pornography Use: The Mediating Role of Emotion Regulation Difficulties. Archives of Sexual Behavior 53(9), S. 3419–3436. Aus dem Volltext (Open Access). Querschnitt, polnische Gelegenheitsstichprobe aus einem Online-Panel, keine Aussage über Ursachen.
  10. Steele, V. R., Staley, C., Fong, T., & Prause, N. (2013). Sexual desire, not hypersexuality, is related to neurophysiological responses elicited by sexual images. Socioaffective Neuroscience & Psychology 3, Artikel 20770. Aus dem Volltext (Open Access). 52 Teilnehmende mit selbstberichteten Problemen, keine Patientinnen und Patienten in Behandlung. In der Fachdebatte umstritten rezipiert.
  11. Prause, N., Steele, V. R., Staley, C., Sabatinelli, D., & Hajcak, G. (2015). Modulation of late positive potentials by sexual images in problem users and controls inconsistent with ‚porn addiction‘. Biological Psychology 109, S. 192–199. Vorbehalt: nur bibliografisch verwendet; Befunde nicht am Volltext geprüft; in der Fachdebatte umstritten rezipiert.
  12. Gola, M. (2016). Decreased LPP for sexual images in problematic pornography users may be consistent with addiction models. Everything depends on the model. (Commentary on Prause, Steele, Staley, Sabatinelli, & Hajcak, 2015). Biological Psychology 120, S. 156–158. Vorbehalt: nur bibliografisch verwendet (Lesart laut Titel), Inhalt nicht eingesehen.
  13. Grubbs, J. B., Exline, J. J., Pargament, K. I., Hook, J. N., & Carlisle, R. D. (2015). Transgression as Addiction: Religiosity and Moral Disapproval as Predictors of Perceived Addiction to Pornography. Archives of Sexual Behavior 44(1), S. 125–136. Vorbehalt: nur bibliografisch verwendet; Befunde nicht am Volltext geprüft.
  14. Grubbs, J. B., Perry, S. L., Wilt, J. A., & Reid, R. C. (2019). Pornography Problems Due to Moral Incongruence: An Integrative Model with a Systematic Review and Meta-Analysis. Archives of Sexual Behavior 48(2), S. 397–415. Vorbehalt: nur bibliografisch verwendet; Befunde nicht am Volltext geprüft.
  15. Dickenson, J. A., Gleason, N., Coleman, E., & Miner, M. H. (2018). Prevalence of Distress Associated With Difficulty Controlling Sexual Urges, Feelings, and Behaviors in the United States. JAMA Network Open 1(7), e184468. Aus dem Volltext. Misst Leidensdruck über einen Fragebogen, keine Diagnosen.
  16. Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (2024). S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen. AWMF-Register Nr. 076-011, Version 1.1. Kapitel 11 zur Pornografie-Nutzungsstörung, S. 65–68. Aus dem Volltext. Vorbehalt: Leitlinie für Internetnutzungsstörungen, keine Leitlinie zu CSBD insgesamt.

Diese Seite hat die Frage nach der Diagnose beantwortet. Die Frage nach dem eigenen Begehren bleibt dabei offen, und sie lässt sich anders stellen. Der Selbstauskunftsbogen zeigt Ihnen, welche der drei Linien des Verlangens bei Ihnen am deutlichsten hervortritt. Er stellt keine Diagnose, und Ihre Antworten bleiben nicht gespeichert. Wie die drei Linien zusammenhängen, erzählt das Buch.