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Normalität und Scham

Sexuelle Skripte: Warum Begehren einem Muster folgt

Sexuelle Skripte erklären, warum Begehren sich wie eine eigene Entscheidung anfühlt und trotzdem erkennbaren Mustern folgt: Kulturelle Szenarien legen gesellschaftlich fest, was als denkbar und was als normal gilt, interpersonelle Skripte übersetzen das in die konkrete Situation, intrapsychische Skripte ordnen die eigenen Wünsche. Keine der drei Ebenen macht Begehren frei wählbar.

Warum gilt eine Vorliebe in einer Umgebung als selbstverständlich und in einer anderen als Anlass zur Scham, ohne dass sich an der Vorliebe selbst etwas ändert? Die Sexualsoziologen John Gagnon und William Simon haben darauf 1973 eine Antwort vorgeschlagen, die bis heute trägt.

Was sind sexuelle Skripte nach Gagnon und Simon?

Die beiden verstehen sexuelles Verhalten nicht als Ausdruck eines biologischen Triebs, der sich lediglich seinen Weg bahnt, sondern als Ergebnis von drei ineinandergreifenden Ebenen1:

  • Kulturelle Szenarien — gesellschaftlich verfügbare Drehbücher, institutionalisiert in Recht, Medien, Erziehung, Religion. Sie legen grob fest, wer mit wem, wann und wie.
  • Interpersonelle Skripte — die Übersetzung dieser Vorgaben auf eine konkrete Situation zwischen konkreten Menschen. Hier wird improvisiert, nicht nur befolgt.
  • Intrapsychische Skripte — die innere, oft unbewusste Ordnung von Wünschen, Fantasien und ihrer emotionalen Bewertung.

Der Punkt dieser Dreiteilung ist, dass sie Stabilität und Wandel gleichzeitig erklären kann. Kulturelle Szenarien ändern sich langsam; auf der interpersonellen und intrapsychischen Ebene wird ständig neu verhandelt, was davon für eine bestimmte Beziehung, einen bestimmten Moment gilt.

Warum wurde die Theorie überhaupt entwickelt?

Als Gegenentwurf. Gagnon und Simon reagierten in den frühen 1970er Jahren auf zwei damals dominante Erklärungsmodelle: den biologischen Determinismus, der Sexualität allein aus Trieb und Hormon ableitete, und die psychoanalytische Tradition, die sie aus früher kindlicher Entwicklung erklärte. Beiden hielten sie entgegen, dass sexuelles Verhalten in hohem Maß gelernt und sozial organisiert ist — nicht beliebig, aber eben auch nicht vorgegeben.

Bedeutet das, sexuelle Vorlieben sind nur anerzogen?

Nein, und das ist genau das Missverständnis, das die Theorie seit ihrer Formulierung begleitet. Simon und Gagnon haben 1986 selbst beschrieben, wie sich ihr eigenes Denken von einer sozialen Lerntheorie zu einer sozialkonstruktivistischen Position weiterentwickelt hat2 — die drei Ebenen sind gerade dafür gemacht, Struktur und Handlungsspielraum gleichzeitig abzubilden. Die interpersonelle Ebene ist ausdrücklich eine Ebene der Improvisation, nicht der bloßen Ausführung eines Drehbuchs.

Die verbreitete Kurzformel, man könne sein sexuelles Skript frei wählen, ist eine spätere Anwendung der Theorie — bei Gagnon und Simon selbst steht sie so nicht. Wer aus dem Modell „alles ist beliebig konstruiert" macht, hat die Ebene weggelassen, auf der die Theorie ihre eigentliche Erklärungskraft entfaltet: die Übersetzung zwischen dem gesellschaftlich Vorgegebenen und dem individuell Gelebten.

Was hat das mit Scham und Normalität zu tun?

Genau hier liegt der Übergang zu einem Schamgefühl. Wenn kulturelle Szenarien festlegen, was als normal gilt, dann definieren sie zugleich, was als Abweichung auffällt — und Abweichung von einem kulturellen Szenario ist etwas anderes als eine klinische Störung, auch wenn beides sich gleich anfühlen kann. Ein enger, aber realer Befund dazu: zwischenmenschliche Ekel-Sensitivität sagt Vorurteile gegenüber Gruppen voraus, die als Verletzung traditioneller sexueller Moralvorstellungen wahrgenommen werden3. Das erklärt keine einzelne Verurteilung, aber es erklärt, warum die Heftigkeit einer Reaktion so oft in keinem Verhältnis zur Sache steht — die Reaktion richtet sich gegen die Verletzung eines kulturellen Szenarios, nicht notwendig gegen einen tatsächlichen Schaden. Was das für die eigene Scham nach einer Fantasie bedeutet, ist ein eigenes Thema.

Und die Diagnosesysteme selbst machen an dieser Stelle etwas Bemerkenswertes: Sie lösen sich vom kulturellen Szenario, indem sie explizit nicht danach fragen, ob etwas üblich ist, sondern ob es Leidensdruck oder eine nicht einwilligende Person gibt.

Wie wird das Konzept heute verwendet?

Die Skripttheorie ist seit den 1970er Jahren in der Geschlechterforschung, der Medienwirkungsforschung, der sexuellen Gesundheitsforschung und der Sexualtherapie breit rezipiert worden — als Werkzeug, um zu verstehen, wie sich Erwartungen an Sexualität wandeln, nicht als geschlossenes Erklärungssystem für den Einzelfall.

Vertiefung — Herkunft der Theorie, Rezeption und ihre Grenzen

Die Selbstkorrektur von 1986. Simon und Gagnon haben ihre eigene Theorieentwicklung rückblickend beschrieben, statt sie als von Anfang an fertig darzustellen2. Das ist ungewöhnlich für ein Gründungswerk und einer der Gründe, warum das Modell bis heute tragfähig geblieben ist: Es hat seine eigene Grenze — reine Lerntheorie erklärt zu wenig Handlungsspielraum — selbst benannt und korrigiert.

Was diese Seite bewusst nicht behauptet. Es gibt eine seit den 2000er Jahren geführte fachliche Debatte darüber, ob die Skripttheorie ihrerseits noch zu individualistisch und kognitivistisch gedacht ist und ob sie das biologische Substrat sexueller Motivation ausreichend berücksichtigt. Für die konkreten Positionen dieser Debatte lag zum Zeitpunkt dieser Seite keine im Wortlaut geprüfte, bibliografisch abgeschlossene Notiz vor — sie werden deshalb hier nicht wiedergegeben, statt aus der Erinnerung zusammengefasst zu werden.

Wofür die Theorie nicht gemacht ist. Gagnon und Simon erklären, warum sexuelles Verhalten Muster zeigt und wie sich diese Muster wandeln lassen. Sie erklären nicht, warum ein bestimmter Mensch ausgerechnet dieses und kein anderes Interesse entwickelt — das ist eine Frage nach individueller Entstehung, keine Frage nach kultureller Formung, und beide werden in diesem Themenfeld häufig verwechselt.


Wie sich das eigene Muster von Verlangen zusammensetzt, lässt sich in zwölf Minuten mit dem Selbstauskunftsbogen genauer betrachten — ohne Diagnose am Ende. Woher die drei Linien des Verlangens stammen, die dem Bogen zugrunde liegen, steht im Buch.

  1. Gagnon, J. H., & Simon, W. (1973). Sexual Conduct: The Social Sources of Human Sexuality. Aldine Publishing Company, Chicago. — Einführung der drei Skriptebenen.
  2. Simon, W., & Gagnon, J. H. (1986). Sexual Scripts: Permanence and Change. Archives of Sexual Behavior 15(2), S. 97–120. — S. 103 zur eigenen theoretischen Weiterentwicklung von der sozialen Lerntheorie zur sozialkonstruktivistischen Position.
  3. Hodson, G., & Costello, K. (2007). Interpersonal Disgust, Ideological Orientations, and Dehumanization as Predictors of Intergroup Attitudes. Psychological Science 18(8), S. 691–698. — eng zu lesen: belegt allein den Zusammenhang zwischen Ekel-Sensitivität und Vorurteil, keine Aussage über einzelne Personen.