Vorliebe oder Störung? Was die Diagnosekriterien im Einzelnen verlangen
Ob eine Vorliebe eine Diagnose werden kann, hängt nicht nur von Kriterium B ab. DSM-5 und die für die ICD-11 zuständige WHO-Arbeitsgruppe verfolgen zwei verschiedene Strategien: Das eine System hängt eine Ausnahme an bestehende Kategorien, das andere schneidet die Kategorie selbst enger zu. Für private, einvernehmliche Vorlieben bleibt in beiden Fällen keine Diagnose übrig.
Wer einmal im Diagnosemanual nachgelesen hat, kennt vermutlich Kriterium B: Erst Leidensdruck, eine Beeinträchtigung der Lebensführung oder eine nicht einwilligende Person machen aus einer Vorliebe eine Störung. Seltener erklärt wird, wie die beiden großen Klassifikationssysteme überhaupt dahin kommen — und dass der Unterschied zwischen ihnen keine Formsache ist, sondern zwei verschiedene Antworten auf dieselbe Frage.
Warum reicht Kriterium B allein nicht, um das System zu verstehen?
Kriterium B beantwortet nur, wann eine bereits bestehende Kategorie zur Diagnose wird. Es sagt nichts darüber, welche Kategorien es überhaupt gibt und warum manche davon in der laufenden Revision der Klassifikationssysteme ganz verschwinden, während andere bleiben. Genau diese zweite Frage — Bestand oder Wegfall der Kategorie selbst — ist der Teil der Geschichte, der in den meisten Darstellungen fehlt.
Wie unterscheiden sich DSM-5 und die ICD-11-Arbeitsgruppe strukturell?
Das DSM-5 behält 2013 sämtliche Paraphilie-Kategorien bei und hängt an jede einzelne ein zusätzliches Kriterium: Kriterium B trennt innerhalb jeder Kategorie zwischen der bloßen Präferenz (Paraphilie) und der Diagnose (paraphile Störung)1. Die Kategorie selbst — Fetischismus, Sadomasochismus, was auch immer — bleibt in der Systematik stehen; sie greift nur unter einer Zusatzbedingung.
Die für die Revision der ICD-11 zuständige WHO-Arbeitsgruppe ist einen Schritt weiter gegangen. Sie hat nicht nur ein Zusatzkriterium vorgeschlagen, sondern empfohlen, drei Kategorien der ICD-10 vollständig aus der Klassifikation zu entfernen: Fetischismus, fetischistischer Transvestitismus und Sadomasochismus2. Für das, was an paraphilen Störungen übrig bleiben soll, schlägt sie ein zweiteiliges Kriterium vor: ein anhaltendes, fokussiertes und intensives Erregungsmuster, das sich auf Personen richtet, die aufgrund ihres Alters oder Status nicht einwilligen können oder wollen — und dass die Person danach gehandelt hat oder deutlich darunter leidet2.
Der Unterschied liegt also nicht im Ergebnis für den Einzelfall: In beiden Systemen bleibt eine private, einvernehmliche Vorliebe ohne Leidensdruck ohne Diagnose. Er liegt in der Architektur. Das DSM-5 sagt: Die Kategorie bleibt bestehen, greift aber nur unter Zusatzbedingungen. Die WHO-Arbeitsgruppe sagt für drei Kategorien: Die Kategorie fällt ganz weg, unabhängig von jeder Zusatzbedingung — übrig bleibt nur eine schmalere Restkategorie, die von vornherein auf ein Erregungsmuster mit einer nicht einwilligenden Person zugeschnitten ist.
Zur Genauigkeit gehört ein Vorbehalt, der selten mitgeliefert wird: Belegt sind Empfehlung und Begründung der Arbeitsgruppe2,3, nicht der Text der verabschiedeten ICD-11 selbst — der wurde für diese Recherche nicht am Primärdokument geprüft.
Wollten manche Forscher:innen die Diagnosen ganz abschaffen?
Ja, und diese Position liegt zeitlich vor beiden Reformen. Charles Moser und Peggy Kleinplatz argumentierten 2005 dafür, sämtliche Paraphilie-Diagnosen aus dem Manual zu entfernen: Eine atypische Präferenz ohne Leidensdruck und ohne Fremdschädigung begründe grundsätzlich keine Störung, unabhängig davon, wie selten oder ungewöhnlich sie ist4.
Damit lassen sich drei Positionen auf einer Linie anordnen. Moser und Kleinplatz: Kategorie komplett streichen, für jede Präferenz. Die WHO-Arbeitsgruppe: Kategorie für drei Muster streichen, für den Rest ein enges Kriterium. Das DSM-5: keine Kategorie streichen, aber jede mit einem Zusatzkriterium versehen. Keines der beiden real existierenden Systeme ist der radikalsten Position gefolgt — aber beide bewegen sich in ihre Richtung, nur unterschiedlich weit.
Sagt die Häufigkeit einer Vorliebe etwas über ihren Status aus?
Nach der Logik beider Systeme: nein, und das ist kein Zufall, sondern die Konstruktion. Eine nach den Kriterien der Diagnosesysteme bewertete Vorliebe wird nicht dadurch zur Störung, dass sie selten ist, und nicht dadurch zur Nicht-Störung, dass sie häufig vorkommt. Eine Erhebung an der Bevölkerung Québecs findet für mehrere als paraphil geführte Interessen Werte, die über der Schwelle liegen, ab der ein Merkmal üblicherweise als statistisch ungewöhnlich gilt5 — aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, änderte es an der diagnostischen Bewertung des Einzelfalls nichts. Häufigkeit und Krankheitswert sind in dieser Systematik zwei getrennte Fragen.
Was folgt daraus für den Umgang mit der eigenen Vorliebe?
Wer die Architektur beider Systeme kennt, hat damit noch keine Antwort auf die persönlichere Frage, die meistens dahintersteckt: ob das, was jemand fühlt oder immer wieder denkt, in Ordnung ist. Diese Frage beantwortet kein Klassifikationssystem — sie hat mit Scham mehr zu tun als mit Diagnostik, und mit der Frage, was Verbergen und Unterdrückung auf Dauer anrichten, mehr als mit dem Wortlaut eines Kriteriums.
Vertiefung — Vorschlag und Verabschiedung, und was die Zahlen tragen
Vorschlag ist nicht Verabschiedung. Reed et al. (2016) und Krueger et al. (2017) sind Publikationen der WHO-Arbeitsgruppe selbst, keine Auszüge aus der in Kraft getretenen ICD-11. Dass die Streichung so in die verabschiedete Fassung eingegangen ist, wird in der Sekundärliteratur durchgehend berichtet, ist aber für diese Seite nicht am ICD-11-Browser der WHO (Kapitel 06, Gruppe 6D3) geprüft worden. Der Unterschied ist für die Sache klein, aber er ist der Unterschied zwischen einer geprüften und einer weitergereichten Angabe — deshalb steht er hier, statt geglättet zu werden.
Was die Prävalenzzahlen tragen und was nicht. Joyal und Carpentier (2016) befragten 1.040 Personen in einer an der Bevölkerung Québecs ausgerichteten Stichprobe. Für mehrere der abgefragten Interessen lagen die Werte über der Schwelle des statistisch Ungewöhnlichen5. Welche Interessen das im Einzelnen sind und mit welchen Prozentzahlen, kursiert im Netz — diese Aufschlüsselung stammt aus einer Presseinformation der Universität, nicht aus dem Artikel selbst, dessen Volltext hinter einer Bezahlschranke liegt. Sie steht deshalb hier nicht; belastbar ist allein die Richtung des Befunds.
Was dieser Artikel bewusst nicht auflöst. Die einzelnen Diagnosen unterscheiden sich auch darin, wie das jeweilige Erregungsmuster selbst definiert ist — bei manchen ist eine nicht einwilligende Person bereits Teil der Definition, nicht erst der Zusatzbedingung. Für eine belastbare, diagnoseweise Aufschlüsselung dieser Unterschiede lag zum Zeitpunkt dieser Seite keine geprüfte Notiz vor; sie wird deshalb nicht behauptet, sondern als offene Stelle benannt.
Wo die Systematik endet, bleibt oft eine Frage übrig, die kein Kriterium beantwortet. Der Selbstauskunftsbogen ist dafür kein Diagnoseinstrument, sondern ein Angebot, zwölf Minuten lang genauer hinzuschauen. Die ausführlichere Einordnung steht im Buch.
- American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Aufl. American Psychiatric Publishing, Arlington. — Kapitel „Paraphilic Disorders", Kriterium B der jeweiligen Diagnosen. Sachliche Kurzfassung, keine wörtliche Übernahme.
- Reed, G. M., Drescher, J., Krueger, R. B., Atalla, E., Cochran, S. D., First, M. B., Cohen-Kettenis, P. T., Arango-de Montis, I., Parish, S. J., Cottler, S., Briken, P., & Saxena, S. (2016). Disorders related to sexuality and gender identity in the ICD-11. World Psychiatry 15(3), S. 205–221. — Empfehlung zur Streichung von F65.0, F65.1 und F65.5 samt vorgeschlagenem Kriterium; aus dem Volltext entnommen. Vorbehalt: Vorschlag der WHO-Arbeitsgruppe, nicht der Text der verabschiedeten ICD-11.
- Krueger, R. B., Reed, G. M., First, M. B., Marais, A., Kismodi, E., & Briken, P. (2017). Proposals for Paraphilic Disorders in the International Classification of Diseases and Related Health Problems, Eleventh Revision (ICD-11). Archives of Sexual Behavior 46(5), S. 1529–1545. — Vorbehalt: nur bibliografisch geprüft, Volltext nicht eingesehen; als zweite Referenz neben Reed et al. (2016) verwendet, nicht als eigenständiger Beleg für einen Wortlaut.
- Moser, C., & Kleinplatz, P. J. (2005). DSM-IV-TR and the Paraphilias: An Argument for Removal. Journal of Psychology & Human Sexuality 17(3–4), S. 91–109.
- Joyal, C. C., & Carpentier, J. (2016). The Prevalence of Paraphilic Interests and Behaviors in the General Population: A Provincial Survey. The Journal of Sex Research 54(2), S. 161–171. — N = 1.040, Stichprobe an der Bevölkerung Québecs ausgerichtet. Vorbehalt: Der Volltext war nicht zugänglich; kursierende Einzelprozentzahlen stammen aus einer Presseinformation der Universität und werden hier deshalb nicht wiedergegeben. Die Jahresangabe ist uneinheitlich (Online-Erstveröffentlichung 2016, Bandzuordnung 2017).