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Bindungsstile

Desorganisierter Bindungsstil: Was Main und Solomon beschrieben haben

Desorganisierte Bindung ist ein Befund bei Kindern bis etwa 20 Monate. Er wird vergeben, wenn ein Kind vor Mutter oder Vater stark verwirrt, erstarrt oder ängstlich reagiert. Beschrieben haben das Mary Main und Judith Solomon 1986, nicht Ainsworth 1978. Eine Übersicht von 2017 warnt davor, den Befund mit Bindungsstilen aus Tests für Erwachsene gleichzusetzen.

Die Ausdrücke „desorganisierter Bindungsstil“ und „desorganisierter Bindungstyp“ klingen nach einer Eigenschaft Erwachsener. Gemeint ist ursprünglich eine Einstufung, die geschulte Fachleute bei Säuglingen und Kleinkindern in einem Laborversuch vornehmen. Was dort beobachtet wird und was daraus folgen darf, ist gut beschrieben, auch von den Forscherinnen, die die Einstufung entwickelt haben1.

Welche Muster hat Ainsworth 1978 beschrieben?

Die „Fremde Situation“ ist ein standardisiertes Laborverfahren aus kurzen Trennungen und Wiedervereinigungen. Klassifiziert wird das Verhalten einjähriger Kinder bei der Rückkehr der Bezugsperson. Ainsworth und ihre Mitarbeiter:innen unterschieden dabei drei Muster: sicher (Gruppe B), vermeidend (Gruppe A) und ängstlich-ambivalent (Gruppe C)2. Granqvist und Kolleg:innen nennen 2017 die beiden unsicheren Muster unsicher-vermeidend und unsicher-ambivalent1. Mehr zum Verfahren und zu seinen Grenzen steht auf der Übersichtsseite zu den Bindungsstilen.

Zu Ainsworths System von 1978 gehört desorganisierte Bindung nicht. Die drei Muster bilden aber bis heute den Hintergrund, vor dem sie verstanden wird1.

Woran erkennt man eine desorganisierte Bindung?

An Verhalten, das in der Fremden Situation die Strategie des Kindes gegenüber seiner Bezugsperson durchkreuzt. Mary Main und Judith Solomon haben dafür sieben Klassen von Verhalten beschrieben. Eine Übersicht von 2017, an der beide mitgeschrieben haben, gibt sie so wieder1:

  1. widersprüchliches Verhalten nacheinander
  2. widersprüchliches Verhalten gleichzeitig
  3. ungerichtete, fehlgeleitete, unvollständige oder unterbrochene Bewegungen und Ausdrücke
  4. Stereotypien, asymmetrische oder zeitlich unpassende Bewegungen, ungewöhnliche Haltungen
  5. Erstarren, Stillhalten, verlangsamte Bewegungen und Ausdrücke
  6. direkte Anzeichen von Furcht vor dem Elternteil
  7. direkte Anzeichen von Desorganisation und Desorientierung

Den Ausschlag gibt nach dieser Übersicht die Stärke. Es zählt, wie deutlich ein Kind Konflikt, Desorientierung oder Furcht zeigt und wie weit das seine Bindungsstrategie stört1. Einzelne dieser Verhaltensweisen kommen auch aus anderen Gründen vor, etwa bei Erschöpfung, Krankheit, Schmerz oder einer neurologischen Störung, und sind dann nicht gemeint1. Die Liste beschreibt, was Auswertende in einem genormten Versuch beobachten. Diese Seite gibt sie deshalb nicht als Prüfbogen für den Alltag weiter.

Ist desorganisierte Bindung ein vierter Bindungsstil?

Nicht im Sinn eines weiteren Musters, das gleichrangig neben den drei anderen steht. Ein Kind, das als desorganisiert eingestuft wird, bekommt zusätzlich das organisierte Muster zugeordnet, das am besten passt, zum Beispiel desorganisiert/vermeidend1. Die desorganisierte Einstufung tritt also zu einem der drei Muster hinzu, statt es zu ersetzen.

Beschrieben haben Main und Solomon das Verhalten zuerst 19863. Vier Jahre später legten beide eine Anleitung vor, nach der Auswertende ein Kind in der Fremden Situation als desorganisiert einstufen4. Ihr Titel spricht von desorganisiert/desorientiert. Im Fachgebrauch trägt die Einstufung das Kürzel D. Dass der Buchstabe an Ainsworths A, B und C anschließt, macht sie nicht zu einer vierten Gruppe gleicher Art. Wer die Beschreibung von 1986 unter Ainsworths Namen führt, schreibt ihrer Studie von 1978 einen Befund zu, der dort nicht steht.

Ist desorganisierte Bindung eine Diagnose?

Nein. Die Übersicht von 2017 hält ausdrücklich fest, dass sie keine validierte klinische Diagnose für ein einzelnes Kind ist. Darin unterscheidet sie sich von den beiden bindungsbezogenen Störungen, die die Diagnosehandbücher DSM und ICD führen1. Sie beschreibt auch keine feste Eigenschaft des Kindes. Die Einstufung hängt meist an der Beziehung zu einer bestimmten Bezugsperson und bleibt über die Zeit nur mäßig stabil.

Ebenso wenig taugt sie als Test auf Misshandlung. Der mittlere Zusammenhang mit späteren Verhaltensproblemen ist nach der Übersicht klein bis mittelgroß1.

Gibt es einen desorganisierten Bindungsstil bei Erwachsenen?

Als Einstufung aus der Fremden Situation nicht. Main und Solomon raten, ihr Auswertungssystem nicht bei Kindern über 20 Monaten anzuwenden1. Ältere Kinder, die früher als desorganisiert galten, können kontrollierende Strategien entwickeln, fürsorgliche oder strafende1. Die Übersicht warnt außerdem davor, die Einstufung von Säuglingen mit Begriffen aus Fragebögen zu Paarbeziehungen zu verwechseln. Sie nennt als Beispiel den Erwachsenenstil, der im Englischen fearful heißt. Dass beide dasselbe meinen, ist nach ihren Autor:innen bislang kaum belegt1.

Ob ein Online-Test, der einen „desorganisierten Bindungsstil“ ausgibt, dasselbe erfasst wie die Einstufung im Labor, ist nach dieser Quelle also kaum belegt. Wie die Erwachsenenstile gebildet werden, auch der ängstlich-vermeidende, erklärt der Text über die vier Bindungsstile. Fragebogen und Interview stellt Was Bindungstests leisten einander gegenüber.

Vertiefung: Welche Quelle was trägt

Welche Quelle was trägt. Ainsworth und ihre Mitarbeiter:innen (1978) belegen auf dieser Seite ausschließlich die drei Muster und das Verfahren, mit dem sie gewonnen wurden. Für alles, was desorganisierte Bindung beschreibt, stützt sich die Seite auf eine Konsensschrift von Pehr Granqvist und 42 weiteren Autor:innen aus dem Jahr 2017. Judith Solomon und Mary Main gehören zu ihnen. Laut Titel richtet sich die Schrift an Fachleute in Klinik und Politik1.

Was an den Originalen nicht geprüft ist. Die Arbeiten von Main und Solomon selbst (1986 und 1990) sind für diese Seite nicht im Volltext eingesehen. Ihre bibliografischen Angaben sind gegen mehrere unabhängige Nachweise abgeglichen. Die sieben Klassen stehen hier deshalb so, wie die Übersicht von 2017 sie wiedergibt, nicht im Wortlaut der Anleitung von 1990.

Warum die Übertragung auf Erwachsene offen bleibt. Die Übersicht spricht von kaum vorhandenen Belegen dafür, dass die Säuglingseinstufung und die Fragebogen-Stile dasselbe meinen1. Das ist eine Aussage über die Beweislage. Ob und wie eine frühe desorganisierte Bindung mit späteren Paarbeziehungen zusammenhängt, beantwortet diese Seite deshalb nicht.


Wo eine Kategorie nicht trägt, hilft eine Beschreibung weiter: Der Selbstauskunftsbogen braucht zwölf Minuten und speichert keine Antworten.

  1. Granqvist, P., Sroufe, L. A., Dozier, M., Hesse, E., Steele, M., van IJzendoorn, M., Solomon, J., Schuengel, C., u. a. (2017). Disorganized attachment in infancy: a review of the phenomenon and its implications for clinicians and policy-makers. Attachment & Human Development 19(6), S. 534–558. Konsensschrift von 43 Autor:innen, darunter Main und Solomon. Volltext gelesen (Europe PMC, CC BY 4.0); die Fassung enthält keine Seitenumbrüche, Fundstellen deshalb abschnittsgenau: „What is disorganized attachment?“ (sieben Klassen, Schwelle, Zweitkategorie, Alter, Abgrenzung zu Erwachsenenfragebögen), „What are secure and organized-insecure attachment?“ (drei Muster als Hintergrund), „Disorganized attachment vis-à-vis attachment disorder“ (keine Einzelfalldiagnose), „Can disorganized attachment be used to infer children's experiences …“ und „Can the disorganized attachment classification be used to screen for maltreatment?“. Die Liste der sieben Klassen ist die Wiedergabe dieser Übersicht, nicht der Wortlaut von Main und Solomon. Die deutsche Wiedergabe ist eine eigene Übersetzung.
  2. Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment. Belegt die drei Muster (Gruppen A, B, C) und das Verfahren der „Fremden Situation“. Belegt nicht die desorganisierte Bindung.
  3. Main, M., & Solomon, J. (1986). Discovery of an Insecure-Disorganized/Disoriented Attachment Pattern. In: T. B. Brazelton & M. W. Yogman (Hrsg.), Affective Development in Infancy, S. 95–124. Norwood, NJ: Ablex. Erstbeschreibung. Vorbehalt: kein Volltext eingesehen. Bibliografische Angaben gegen mehrere unabhängige Nachweise gesichert; genauer Titelwortlaut und jede Detailaussage ohne Original nicht geprüft.
  4. Main, M., & Solomon, J. (1990). Procedures for Identifying Infants as Disorganized/Disoriented during the Ainsworth Strange Situation. In: M. T. Greenberg, D. Cicchetti & E. M. Cummings (Hrsg.), Attachment in the Preschool Years, S. 121–160. Chicago: University of Chicago Press. Einstufungsverfahren. Vorbehalt: kein Volltext eingesehen. Belegt sind hier Existenz und Funktion des Verfahrens; seine Kriterien stehen auf dieser Seite nur in der Wiedergabe von [1].