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Schattenarbeit

Schattenarbeit im Netz — was das Wort dort bedeutet und was nicht

Wer online nach Schattenarbeit sucht, hat meist ein konkretes Anliegen: mit einer Seite an sich klarkommen, die man selbst ablehnt. Die verbreiteten Anleitungen — Journaling-Fragen, 30-Tage-Programme, Arbeitsblätter — können dabei nützlich sein, sind aber selten das, worauf sie sich berufen: Was C. G. Jung mit dem Schatten meinte, ist enger gefasst und anders gerichtet als „die dunkle Seite entdecken".

Die Suche beginnt fast immer mit einem Gefühl, nicht mit einer Theorie: der Eindruck, es gebe etwas an einem selbst, das man nicht ansehen will, und die Hoffnung, ein Programm oder eine Fragenliste könne dabei helfen, es doch anzusehen. Das ist ein legitimes Anliegen. Die Frage dieses Artikels ist eine andere: Bedeutet das, was unter diesem Namen angeboten wird, dasselbe wie das, worauf es sich beruft?

Ist das, was im Netz „Schattenarbeit" heißt, dasselbe wie bei C. G. Jung?

Nur teilweise. Bei Jung ist der Schatten der persönliche Ausschnitt des Unbewussten1 — das, was ein Mensch an sich selbst nicht anerkennt und warum das gerade nicht „das Böse" meint, beschreibt der Pfeilerartikel Schattenarbeit: was C. G. Jung wirklich gemeint hat ausführlich.

Zwei Verschiebungen fallen auf, sobald man die populären Anleitungen danebenlegt. Erstens der Gegenstand: Populäre Anleitungen suchen fast immer gezielt nach dem Dunklen — Wut, Neid, Aggression —, während bei Jung ebenso Zärtlichkeitsbedürfnis, Ehrgeiz oder ungenutzte Fähigkeiten im Schatten liegen können. Zweitens die Richtung: Online-Anleitungen sind fast immer als Verfahren angelegt — Frage beantworten, Muster erkennen, Ergebnis erhalten. Jungs Beschreibung setzt anders an: Der Schatten drängt sich von selbst auf, direkt oder indirekt, gerade weil er nicht anerkannt wird2. Etwas, das sich aufdrängt, lässt sich nicht zuverlässig durch eine Checkliste hervorlocken.

Woher kommen die Journaling-Listen und 30-Tage-Programme?

Aus einer Ratgeber- und Wellness-Kultur, die den Begriff aus der Tiefenpsychologie übernommen und in ein Format übersetzt hat, das sich verkaufen und in einem Beitrag zusammenfassen lässt: nummerierte Fragenlisten, feste Zeiträume, ein Ergebnis am Ende. Diese Formate haben einen eigenen Wert als Reflexionsübung — Menschen, die sich regelmäßig schriftlich mit unangenehmen Gefühlen auseinandersetzen, tun etwas, das für sich genommen sinnvoll sein kann. Nur ist es dann eine Reflexionsübung, kein geprüftes Verfahren zur „Schattenintegration" im Sinne der Theorie, auf die sie sich beruft.

Hilft Schattenarbeit im Sinne der Online-Anleitungen wirklich?

Für diese konkrete Frage — hilft ein Journaling-Programm, das sich „Schattenarbeit" nennt — liegt in diesem Projekt keine Studie vor, weder eine, die es bestätigt, noch eine, die es widerlegt. Was belegt ist, ist etwas anderes: Für den Zusammenhang zwischen Schattenintegration im engeren, Jungschen Sinn und Wohlbefinden existiert keine große klinische Studie. Was stattdessen vorliegt, ist theoretische und fallbasierte Literatur aus dem analytisch-psychodynamischen Feld, keine Wirksamkeitsforschung zu diesem einen Konzept.

Das ist keine Aussage darüber, dass Schattenarbeit — online oder in der Therapie — niemandem nützt. Es ist eine Aussage darüber, dass diese Frage bislang nicht mit einer belastbaren Studie beantwortet wurde. Beides zu vermengen — „unbelegt" zu „wirkungslos" zu verkürzen — wäre genauso ein Fehler wie die entgegengesetzte Übertreibung.

Vorsicht verdienen dabei vor allem physiologische Behauptungen, wie sie in Ratgebertexten häufig vorkommen: dass ein bestimmtes Ritual oder eine bestimmte Übung „das Nervensystem beruhigt" oder „blockierte Energie löst". Für solche Formulierungen im Zusammenhang mit Schattenarbeit wurde in der Recherche zu diesem Projekt keine peer-reviewte Studie gefunden. Das schließt nicht aus, dass Menschen dabei eine beruhigende Wirkung erleben — es bedeutet nur, dass die Formulierung mehr behauptet, als bisher untersucht wurde.

Ist wenigstens die Psychotherapie, auf die sich das beruft, wissenschaftlich untersucht?

Ja, aber mit einer wichtigen Einschränkung der Übertragbarkeit. Ein Überblick über Studien zur jungianischen Psychotherapie findet stabile Verbesserungen bei Symptomen, zwischenmenschlichen Problemen, Persönlichkeitsstruktur und Alltagsbewältigung3 — erreicht wurden sie allerdings im Mittel nach rund neunzig Sitzungen bei einer ausgebildeten Analytikerin oder einem ausgebildeten Analytiker, über Monate oder Jahre, mit geschulter Gegenübertragung und Fallverstehen. Zwischen dieser Praxis und einem abends allein ausgefüllten Journaling-Heft liegt mehr als nur die Zeit. Selbst wenn man die Wirksamkeit der Therapieform als gesichert nimmt — und drei Einschränkungen gehören dazu: keine randomisiert-kontrollierten Studien, ein Autor aus dem Umfeld des Fachverbands, eine regional begrenzte Studienbasis —, folgt daraus nichts Automatisches für ein Format, das mit dieser Therapie nur den Namen des zugrunde liegenden Konzepts teilt.

Was passiert, wenn Autor:innen den Schattenbegriff bewusst weiterentwickeln?

Es gibt neben der Wellness-Anwendung eine dritte Kategorie: Autorinnen und Autoren, die Jungs Schattenbegriff bewusst und mit eigener theoretischer Arbeit auf einvernehmliche Machtaustauschpraktiken übertragen haben. Das ist etwas anderes als ein Journaling-Arbeitsblatt — es ist eine ernst gemeinte, aber eigenständige Deutung, nicht Jungs eigene Aussage: Er selbst hat dieses Thema nie behandelt, und es existiert keine empirische Arbeit, die seinen Individuationsbegriff messend mit solchen Praktiken in Verbindung bringt4. Diese Übertragung gehört in einen eigenen fachlichen Zusammenhang und wird an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt.

Vertiefung — was aus der Forschung dazu vorliegt und was nicht

Was „konvergente Unterstützung" nicht bedeutet. In der neueren Literatur zu Persönlichkeitsstörungen gibt es Versuche, Konzepte wie Projektion, Spaltung und Scham-Dysregulation als transdiagnostisch wirksame Prozesse zu beschreiben, die dem Jungschen Schatten konzeptuell verwandt seien. Für dieses Projekt sind solche Arbeiten bislang nicht durch einen geprüften Bibliografie-Eintrag gedeckt; ihre Inhalte werden deshalb hier nicht wiedergegeben. Genauso verhält es sich mit neueren Versuchen, den Schatten als operationalisierbares Konstrukt mit prüfbaren Zusammenhängen zu formulieren — auch hier fehlt für dieses Projekt bislang die gesicherte Quellengrundlage, um Inhalte daraus zu übernehmen.

Warum die Ritualisierung selbst kein Beleg ist. Ein wiederkehrendes Argument in Community-Texten lautet, feste Abläufe — eine Übung immer zur gleichen Zeit, in derselben Reihenfolge — schüfen Vorhersagbarkeit und dadurch Sicherheit. Das ist als allgemeine Beobachtung zu Ritualen nicht abwegig, aber die spezifische Anwendung auf „Schattenarbeit" als psychologisch wirksames Verfahren ist in der für dieses Projekt gesichteten Literatur nicht durch eine einschlägige, peer-reviewte Studie gedeckt. Der Unterschied zwischen einer plausiblen Alltagsbeobachtung und einem geprüften Befund ist an dieser Stelle genau die Lücke, die den Netz-Bestand vom Forschungsstand trennt.

Warum Herkunft und Wirksamkeit zwei getrennte Fragen bleiben, auch hier. Dieselbe Trennung, die der Pfeilerartikel für den Schattenbegriff insgesamt zieht, gilt für seine Online-Verwendung verschärft: Dass eine Übung sich gut anfühlt oder als hilfreich erlebt wird, ist keine Aussage darüber, ob sie tut, was sie über sich behauptet — und keine Aussage darüber, ob „der Schatten" im Jungschen Sinn das richtige Erklärungsmodell dafür ist. Beides kann gleichzeitig wahr sein: dass eine Übung nützt und dass die Theorie, mit der sie beworben wird, dabei nicht die entscheidende Zutat ist.

Was diese Seite bewusst nicht behandelt. Die Übertragung des Schattenbegriffs auf einvernehmliche Machtaustauschpraktiken gehört fachlich in einen anderen Zusammenhang dieses Projekts und wird hier nur benannt, nicht ausgeführt. Ebenso unbehandelt bleibt die inhaltliche Einordnung von Anima und Animus als weiterer, im Netz häufig vermischter Begriff — dafür fehlt an dieser Stelle die kritische Grundlage, die eine eigene Seite braucht.


Was der Schatten bei Jung selbst bedeutet, woher der Begriff stammt und was Individuation damit zu tun hat, steht ausführlich im Pfeilerartikel Schattenarbeit: was C. G. Jung wirklich gemeint hat. Wem das zu abstrakt bleibt: Der Selbstauskunftsbogen übersetzt drei Linien des Verlangens aus der Forschung in zwölf Minuten Selbstauskunft — ohne Speicherung, ohne Diagnose.

  1. Jung, C. G. (1948). Symbolik des Geistes. Rascher, Zürich (Psychologische Abhandlungen Bd. VI), Anhang zu „Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen", S. 55. — Schatten als persönlicher Ausschnitt des Unbewussten gegenüber der Anima als Personifikation des kollektiven. Hier paraphrasiert, nicht zitiert (Jung †1961, Schutzfrist bis 2032).
  2. Jung, C. G. (1954). Die Archetypen und das kollektive Unbewußte. Rascher, Zürich (Gesammelte Werke 9/1). — Der Schatten drängt sich direkt oder indirekt von selbst auf, gerade weil er nicht anerkannt wird. Vorbehalt: Diese Stelle liegt in diesem Projekt allein in der englischen Princeton-Ausgabe (1968, Übers. R. F. C. Hull) vor, der deutsche Wortlaut wurde nicht eingesehen und der tragende Aufsatz innerhalb des Bandes ist nicht eindeutig bestimmt. Deshalb hier nur paraphrasiert.
  3. Roesler, C. (2013). Evidence for the Effectiveness of Jungian Psychotherapy: A Review of Empirical Studies. Behavioral Sciences 3(4), S. 562–575. — Verbesserungen bei Symptomen, zwischenmenschlichen Problemen, Persönlichkeitsstruktur und Alltagsbewältigung, im Mittel nach rund 90 Sitzungen. Drei Vorbehalte: keine randomisiert-kontrollierten Studien, der Autor ist selbst Analytiker im Umfeld der International Association for Analytical Psychology, die Studien stammen überwiegend aus Deutschland und der Schweiz. Betrifft die Wirksamkeit der Therapieform, nicht die Gültigkeit des Schattenkonzepts oder eines bestimmten Online-Formats.
  4. Jung, C. G. (1928). Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten. Rascher, Zürich (später Gesammelte Werke 7). — Individuationsbegriff als lebenslanger Prozess; Grundlage für die Aussage, dass Jung das Thema Machtaustauschpraktiken nie behandelt hat und keine empirische Arbeit seinen Individuationsbegriff messend damit verbindet. Eingesehen in der E-Book-Ausgabe 2016, Druckseite nicht bestimmbar.