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Schattenarbeit

Freuds Trieblehre heute — was von den Drei Abhandlungen trägt

Von Freuds ursprünglicher Theorie trägt vor allem eine Grundannahme bis heute: dass kindliche Sexualität nicht erst in der Pubertät beginnt, sondern von Geburt an wirksam ist. Das populäre Stufenmodell oral–anal–phallisch dagegen stammt nicht aus dem Jahr 1905 — es wurde über zwanzig Jahre in den Text nachgetragen, Teil für Teil, und existiert bei Freud in dieser geschlossenen Form gar nicht.

Wer „Freud" und „Sexualtheorie" hört, denkt an ein Fünf-Phasen-Modell: oral, anal, phallisch, Latenz, genital. Das Modell steht in praktisch jedem Einführungslehrbuch, mit der Jahreszahl 1905 dahinter. Fast nichts davon stimmt in dieser Kompaktheit.

Stammt das Stufenmodell wirklich aus dem Jahr 1905?

Nein. Freuds Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie erschienen zu seinen Lebzeiten in sechs Buchauflagen, mit inhaltlichen Änderungen 1910, 1915, 1920 und 19241. Freud hat das Buch dabei nie neu geschrieben. Er selbst beschrieb sein Verfahren so: Er habe in den späteren Auflagen niemals eine Umarbeitung vorgenommen, sondern die ursprüngliche Anordnung beibehalten und neue Einsichten durch Einschaltungen in den bestehenden Text eingearbeitet2. Das kompakte Stufenmodell, das Lehrbücher zitieren, ist das Ergebnis genau dieses Verfahrens — ein Text, der über zwei Jahrzehnte gewachsen ist, nicht an einem Stück entstanden.

Was stand tatsächlich schon 1905 in der Erstausgabe?

Belegt sind für 1905: dass infantile Sexualität von Geburt an wirksam ist, die Vorstellung einer polymorph-perversen Anlage, erogene Zonen als Ausgangspunkt des kindlichen Sexualziels, Partialtriebe wie Schau- und Zeigelust sowie Grausamkeit, eine Latenzzeit der Kindheit und die „Umgestaltungen der Pubertät"3. Keine der drei bekannten Phasen — oral, anal, phallisch — kommt darin vor.

Wann kamen die orale und die anal-sadistische Phase hinzu?

1915, in der dritten Auflage. Der gesamte Abschnitt, in dem Freud diese beiden Organisationsstufen einführt, wurde erst in diesem Jahr eingefügt — ebenso wie ein Abschnitt zur kindlichen Sexualforschung und ein Abschnitt zur Libidotheorie4. Zehn Jahre nach der Erstausgabe war das Buch damit bereits ein anderer Text als 1905, ohne dass sich der Titel oder das Erscheinungsjahr geändert hätte.

Woher stammt die phallische Phase?

Aus einer eigenen, kürzeren Schrift von 1923, „Die infantile Genitalorganisation. Eine Einschaltung in die Sexualtheorie"5. Freud beschreibt darin eine dritte, bereits genitale Phase, die er „phallisch" nennt, weil sie — seine eigene Formulierung — nur ein Genitale kennt: das männliche. In die Drei Abhandlungen selbst wanderte dieser Gedanke erst 1924, und dort ausschließlich als Fußnote, die auf die Schrift von 1923 verweist1. Es gibt in den Drei Abhandlungen keine Stelle, an der die phallische Phase als eigener Textabschnitt behandelt wird.

Was baute Freud auf die Trieblehre auf?

In den Jahren danach erweiterte Freud sein Modell in eine andere Richtung: 1915 beschrieb er die Verdrängung als das Schicksal einer Triebregung, die auf Widerstände stößt und dadurch unwirksam gemacht werden soll6. 1923 folgte das Strukturmodell der Psyche — Es, Ich und Über-Ich —, wobei das Ich als der durch die Außenwelt veränderte Teil des Es beschrieben wird, der das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu setzen versucht7. 1924 folgte die Beschreibung, wie der Ödipuskomplex durch Verdrängung untergeht: Die Objektbesetzungen werden aufgegeben und durch Identifizierung ersetzt, und die verinnerlichte Elternautorität bildet den Kern des Über-Ichs8.

Was von alldem trägt heute noch?

Diese Frage hat zwei sehr verschiedene Antworten, je nachdem, was mit „trägt" gemeint ist. Textlich und historisch trägt vor allem der Kerngedanke: dass Sexualität nicht mit der Pubertät beginnt, und dass frühe kindliche Erfahrung für die spätere psychische Entwicklung eine Rolle spielt. Begriffe wie Verdrängung und Über-Ich leben im klinischen und alltäglichen Sprachgebrauch weiter.

Ob die Trieblehre in ihrer ursprünglichen Form — mit festen Phasen, die aufeinanderfolgen und bestimmte Fixierungen erklären sollen — nach heutigem Forschungsstand empirisch haltbar ist, ist eine andere Frage, und für dieses Projekt liegt dazu keine Recherche vor. Dieselbe Trennung, die für Jungs Schattenkonzept gilt, gilt auch hier: Dass ein Begriff im Sprachgebrauch überlebt, ist kein Beleg dafür, dass die Theorie dahinter stimmt.

Vertiefung — die Editionsgeschichte im Einzelnen

Die Editionsgeschichte im Überblick. Der Text der Drei Abhandlungen lässt sich in Schichten auflösen, jede mit eigenem Datum:

Bestandteil Erstmals im Text Herkunft
Infantile Sexualität von Geburt an, polymorph-perverse Anlage, erogene Zonen, Latenzzeit 1905 Erstausgabe
Orale Phase 1915 (3. Auflage) neu eingefügter Abschnitt
Sadistisch-anale Phase 1915 (3. Auflage) neu eingefügter Abschnitt
Kompakte Aufzählung der drei Phasen in der Zusammenfassung 1920 (4. Auflage) Einfügung
Phallische Phase 1924 (nur als Fußnote) eigene Schrift von 1923

Grundlage dieser Aufstellung ist die Standard Edition-Ausgabe von James Strachey, die jede inhaltliche Änderung am Text seit 1905 mit Jahreszahl markiert9 — ohne diesen Editionsapparat lässt sich der Text selbst nicht nach Entstehungsjahr auflösen, weil Freud ihn, wie oben beschrieben, nie in einer erkennbar abgegrenzten Fassung neu herausgegeben hat.

Warum hier nicht wörtlich aus Freud zitiert wird. Freuds eigener Text ist seit 2010 gemeinfrei — ein Zitatrechtsproblem besteht rein rechtlich nicht. Diese Seite verzichtet trotzdem durchgehend auf wörtliche Zitate, aus demselben Grund wie der Pfeilerartikel zu Jung: Jede Aussage ist auf eine im Rechercheprozess geprüfte Textstelle zurückgeführt, wird aber als Paraphrase wiedergegeben, um keine Formulierung stehen zu lassen, die wortgenau statt sinngemäß stimmen müsste.

Was in der Sekundärliteratur ungeklärt bleibt. Wer die Zusammenziehung des Fünf-Phasen-Modells in dieser kompakten Lehrbuchform zuerst vorgenommen hat, ließ sich für dieses Projekt nicht ermitteln. Es kursiert der Hinweis, Freud selbst habe die Reihenfolge in seinem „Abriß der Psychoanalyse" (1938/1940) noch einmal zusammengefasst — diese Stelle wurde für dieses Projekt nicht im Volltext eingesehen und bleibt deshalb unbelegt.

Was diese Seite bewusst nicht behandelt. Wie Abwehrmechanismen im Einzelnen — über die Verdrängung hinaus — bei Freud zusammenhängen, ist eine eigene Frage: Ob Freud selbst „Projektion" als eigenständigen Mechanismus konzipiert hat oder ob das eine spätere Differenzierung der Ich-Psychologie ist, ist für dieses Projekt noch nicht abschließend geklärt und wird deshalb hier nicht dargestellt. Ebenso unbehandelt bleibt Sublimierung als Umwandlung des Triebziels — die genaue Fundstelle dafür in Freuds eigenem Text steht für dieses Projekt noch aus. Beides gehört in eigene, noch nicht veröffentlichte Speichen.


Was Jung als Gegenstück dazu mit dem Schatten meinte — und warum sich die beiden Theorien in diesem Cluster nebeneinander finden —, steht im Pfeilerartikel Schattenarbeit: was C. G. Jung wirklich gemeint hat. Wer nach der Lektüre wissen möchte, was von alldem im eigenen Erleben eine Rolle spielt, statt nur, wie zwei Theorien das Unbewusste beschrieben haben: Der Selbstauskunftsbogen stellt dafür zwölf Minuten lang Fragen — ohne ein Phasenmodell am Ende, in das die Antworten passen müssten, und ohne dass eine davon gespeichert wird.

  1. Strachey, J. (1953). Editor's Note to „Three Essays on the Theory of Sexuality". In: The Standard Edition of the Complete Psychological Works of Sigmund Freud, Bd. 7. Hogarth Press, London, S. 125–130. — Auflagenliste 1905–1942 mit Datierung jeder inhaltlichen Änderung; Datierung der Fußnote zur phallischen Phase (S. 199, Fn. 2).
  2. Freud, S. (1923). Die infantile Genitalorganisation. Eine Einschaltung in die Sexualtheorie. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 9(2), S. 168–171. — Freuds eigene Beschreibung seines Editionsverfahrens (2. Absatz), sachlich wiedergegeben, nicht zitiert.
  3. Freud, S. (1905). Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Deuticke, Leipzig/Wien (zitiert nach der Endfassung, 6. Aufl. 1925). — Kap. II (Die infantile Sexualität) und Kap. III (Die Umgestaltungen der Pubertät), Bestand der Erstausgabe laut Stracheys Editionsapparat.
  4. Freud, S. (1905), a. a. O. — 2. Abhandlung, Abschnitt „Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation", laut Strachey (1953) vollständig 1915 (3. Auflage) eingefügt.
  5. Freud, S. (1923). Die infantile Genitalorganisation, a. a. O. — Herkunft der phallischen Phase; „phallisch", weil die Stufe nur ein Genitale kennt, das männliche.
  6. Freud, S. (1915). Die Verdrängung. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 3(3), S. 129–138. — Verdrängung als Schicksal einer Triebregung, sachlich wiedergegeben.
  7. Freud, S. (1923). Das Ich und das Es. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien. — Strukturmodell Es/Ich/Über-Ich, das Ich als Vermittler zwischen Es und Realitätsprinzip.
  8. Freud, S. (1924). Der Untergang des Ödipuskomplexes. In: Gesammelte Werke, Bd. 13, S. 395 ff. — Verdrängung des Ödipuskomplexes, Ersetzung der Objektbesetzungen durch Identifizierung, Über-Ich als Erbe des Komplexes.
  9. Strachey, J. (1953), a. a. O. — Grundlage der gesamten Editionsgeschichte in diesem Artikel; jede Zeile der Tabelle oben ist gegen diese Quelle geprüft.