Winnicotts Übergangsobjekt — was ein Kuscheltier mit einem Fetisch zu tun hat
Das Übergangsobjekt ist der Gegenstand, mit dessen Hilfe ein Kind laut Donald Winnicott (1953) lernt, sich von der völligen Verschmelzung mit der Bezugsperson zu lösen, ohne die Verbindung zu verlieren1. Entscheidend ist dabei nicht der Gegenstand selbst, sondern sein Gebrauch. Winnicott hielt es für möglich, dass ein solches Objekt in die erwachsene Sexualität hineinreicht und dort zum Fetisch wird.
Der Teddybär, die Zipfeldecke, das eine Stofftier, ohne das nicht geschlafen wird — die meisten Menschen erinnern sich an so etwas aus der eigenen Kindheit oder haben es bei einem Kind erlebt. Dass ausgerechnet diese vertraute Beobachtung am Anfang einer der einflussreichsten Fetisch-Theorien der Psychoanalyse steht, überrascht deshalb fast immer.
Was ist ein Übergangsobjekt genau?
Der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott beschrieb 1953 einen bestimmten Typ kindlicher Bindung an einen Gegenstand: Das Kind behandelt ihn weder ganz als Teil von sich selbst noch ganz als etwas Äußeres, sondern als etwas dazwischen. Der Gegenstand hilft, den Übergang von der frühen Verschmelzung mit der Bezugsperson zu einer Beziehung zu ihr als etwas Getrenntem zu bewältigen1. Winnicott nannte dieses Zwischenfeld selbst den entscheidenden Fund — nicht das Objekt, sondern der Raum, den es eröffnet.
Bei gelingender Entwicklung verliert der Gegenstand allmählich seine besondere Bedeutung. Er wird nicht verdrängt oder vergessen, sondern geht in einem viel weiteren Feld auf: im Spielen, in künstlerischer Tätigkeit, in kultureller Erfahrung überhaupt1. Nach Winnicott ist das Übergangsobjekt damit der früheste Vorläufer von etwas, das ein Leben lang bleibt — der Fähigkeit, sich auf etwas außerhalb des eigenen Körpers einzulassen und darin trotzdem einen Teil des eigenen inneren Erlebens wiederzufinden.
Warum kommt es auf den Gebrauch an, nicht auf den Gegenstand?
Das ist der Punkt, den Winnicott 1971 in „Playing and Reality" ausdrücklich nachschärfte: Zwei äußerlich identische Gegenstände — zwei gleiche Decken — können völlig verschiedene Dinge sein, je nachdem, wie das Kind mit ihnen umgeht2. Eine Decke, die einfach zum Zudecken benutzt wird, ist keines im Sinne der Theorie. Eine Decke, an der ein Übergang verhandelt wird — Trost, Vertrautheit, ein Stück Kontrolle über die Abwesenheit der Bezugsperson —, ist eines.
Für alles, was in diesem Cluster über Fetische gesagt wird, ist das die wichtigste Verschiebung: Die Frage „welcher Gegenstand" ist die falsche Frage. Die richtige lautet, wozu der Gegenstand gebraucht wird.
Wie hängt das mit einem Fetisch zusammen?
Winnicott zog diese Linie selbst, mit einer vorsichtigen Formulierung: Das Übergangsobjekt kann sich zu einem Fetischobjekt entwickeln und in dieser Form Teil der erwachsenen Sexualität bleiben1. Der Modalvorbehalt gehört unbedingt dazu — Winnicott schreibt, dass es geschehen kann, nicht dass es geschieht, und schon gar nicht, dass es bei jedem Übergangsobjekt so kommt. Die weit überwiegende Mehrheit der Kinder, die eine Zipfeldecke hatten, entwickelt später keinen Fetisch.
Ebenso wichtig ist die Richtung dieser Aussage. Bei Winnicott ist das Übergangsobjekt selbst gesunde Entwicklung — ein notwendiger Schritt, kein Symptom. Der Fetisch ist in seiner Theorie eine mögliche Fortsetzung dieses Mechanismus in einen anderen Lebensbereich, nicht sein Defekt und nicht sein Gegenteil. Wer das Übergangsobjekt als Vorstufe einer Störung liest, liest Winnicott gegen den Strich.
Was unterscheidet ein Übergangsobjekt von einer fetischistischen Strategie?
Die Psychoanalytikerin Louise Kaplan hat 2006 beide Konzepte gegeneinander geschärft und eine funktionale Trennlinie vorgeschlagen: Das Übergangsobjekt ermöglicht es, sich in unbekanntes, potenziell angstbesetztes Gelände zu wagen. Die fetischistische Strategie dagegen wehrt eine wahrgenommene Bedrohung ab3. Der eine Mechanismus öffnet etwas, der andere schließt etwas.
Das ist eine Unterscheidung nach Funktion, nicht nach Gegenstand oder nach Diagnose — und sie liegt damit exakt auf der Linie, die Winnicott selbst gezogen hat: Es kommt darauf an, was ein Mensch mit einem Gegenstand tut, nicht darauf, welcher Gegenstand es ist.
Ist das eine Diagnose?
Nein, an keiner Stelle. Weder das Übergangsobjekt noch der Fetisch, den es laut Winnicott hervorbringen kann, sind bei ihm Krankheitsbegriffe. Die klinische Kategorie, die tatsächlich eine Diagnose ist, heißt fetischistische Störung und braucht dafür zusätzlich zur Vorliebe selbst erheblichen Leidensdruck oder eine Beeinträchtigung der Lebensführung4. Das Übergangsobjekt-Modell erklärt einen möglichen Entstehungsweg, keine Pathologie.
Vertiefung — was die Theorie trägt und was nicht
Was von der übrigen Objektbeziehungstheorie zu diesem Thema tatsächlich beigetragen hat — und was nicht. Winnicotts Zeitgenossen Michael Balint, Ronald Fairbairn und Harry Guntrip zählen alle zur selben psychoanalytischen Schule und werden in Übersichtsdarstellungen häufig neben ihm genannt, sobald es um Fetischismus geht. Für dieses Projekt ließ sich das nicht bestätigen: Bei Balint, Fairbairn und Guntrip selbst finden sich in ihren zentralen Werken keine eigenen Ausführungen zu Fetischismus als sexuellem Phänomen. Sie werden als allgemeine Grundlage der Objektbeziehungstheorie zitiert, nicht mit einer eigenen Aussage zum Thema dieses Artikels — der naheliegende Kurzschluss „die ganze Schule hat dazu geforscht" ist deshalb [BELEG FEHLT] und wird hier ausdrücklich nicht behauptet. Die Linie zum Fetisch ist in den hier zitierten Quellen eine Winnicott- und eine Kaplan-Linie, keine Schul-Aussage.
Wo ein wörtliches Zitat naheliegen würde und warum hier keines steht. Winnicotts eigene Formulierungen zur Diffusion des Übergangsobjekts ins „ganze kulturelle Feld" und zur möglichen Entwicklung zum Fetischobjekt sind im Original prägnant und ließen sich gut zitieren. Winnicott ist jedoch erst 1971 gestorben und sein Werk ist nicht gemeinfrei; ein wörtliches Zitat müsste die engen Grenzen des Zitatrechts erfüllen, die für eine breit angelegte Website-Speiche schwer zu begründen sind. Dieser Artikel gibt Winnicotts Gedanken deshalb ausschließlich in eigener Formulierung wieder.
Was diese Theorie nicht vorhersagt. Sie sagt nicht voraus, welches Kind später eine fetischistische Vorliebe entwickelt, und sie nennt weder einen Anteil noch eine Häufigkeit, mit der das geschieht. Sie beschreibt einen möglichen Mechanismus im Nachhinein, nicht ein Vorhersagemodell. Ob sich das Übergangsobjekt-Modell mit dem Bindungsstil einer Person verbindet — etwa als Ersatz für eine nicht ausreichend verfügbare Bezugsperson —, ist theoretisch naheliegend, aber nach Recherche für dieses Projekt bislang durch keine tragfähige empirische Arbeit geprüft.
Wie eine solche Vorliebe von einer klinisch relevanten Störung abzugrenzen ist, führt die Speiche Fetisch, Vorliebe, Störung genauer aus. Alle vier Erklärungsmodelle im Zusammenhang stehen im Pfeiler-Artikel „Wie entsteht ein Fetisch?". Der Selbstauskunftsbogen beantwortet keine dieser Fragen — er braucht zwölf Minuten, um zu zeigen, welche der drei im Buch beschriebenen Linien des Verlangens die tragende ist, ohne eine einzige Antwort zu speichern.
- Winnicott, D. W. (1953). Transitional Objects and Transitional Phenomena. International Journal of Psycho-Analysis 34, S. 89–97. — Übergangsobjekt, Diffusion ins kulturelle Feld, Hinweis auf die mögliche Entwicklung zum Fetischobjekt. Kein wörtliches Zitat übernommen (Schutzfrist, siehe Vertiefung).
- Winnicott, D. W. (1971). Playing and Reality. Tavistock Publications, London, Kapitel 1. — Entscheidend ist der Gebrauch des Objekts, nicht das Objekt selbst; hier paraphrasiert, kein wörtliches Zitat.
- Kaplan, L. J. (2006). Cultures of Fetishism. Palgrave Macmillan, New York, Kap. 1–2. — Funktionale Unterscheidung zwischen Übergangsobjekt (Betreten unbekannten Geländes) und fetischistischer Strategie (Abwehr einer wahrgenommenen Bedrohung).
- American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Aufl. American Psychiatric Publishing, Arlington. — Kapitel „Paraphilic Disorders", Kriterium B: klinisch bedeutsamer Leidensdruck oder Beeinträchtigung als Voraussetzung für eine Diagnose.