Fetisch, Vorliebe, Störung — wo verläuft die Grenze wirklich?
Ein Fetisch ist keine Diagnose. Nur wenn eine intensive, wiederkehrende Erregung durch ein Objekt oder einen nicht-genitalen Körperteil über mindestens sechs Monate zusätzlich mit erheblichem Leidensdruck oder einer Beeinträchtigung einhergeht, spricht das DSM-5 von einer fetischistischen Störung1. Der Inhalt der Vorliebe selbst ist dafür kein Kriterium — ihre Folge ist es.
„Ist das schon ein Fetisch?" und „Ist ein Fetisch schon eine Störung?" klingen wie dieselbe Frage und sind zwei ganz verschiedene. Die erste ist eine Frage der Beschreibung. Die zweite ist eine Frage der Diagnostik, und sie wird nach ausdrücklich anderen Kriterien beantwortet als der Inhalt der Vorliebe.
Was ist ein Fetisch, bevor überhaupt von Diagnose die Rede ist?
Ein Fetisch beschreibt eine sexuelle Vorliebe, bei der Erregung an ein bestimmtes Objekt oder einen bestimmten, nicht-genitalen Körperteil gebunden ist. Wie eine solche Bindung entstehen kann, behandeln die anderen Speichen dieses Clusters — über Konditionierung und über das Übergangsobjekt. Für die Frage dieses Artikels ist nur wichtig: Eine Vorliebe zu haben, ist noch keine klinische Aussage. Sie wird erst zu einer, wenn ein zweites, unabhängiges Kriterium erfüllt ist.
Was verlangt Kriterium A im DSM-5 genau?
Das DSM-5 benennt zunächst nur das Muster selbst: wiederkehrende, intensive sexuelle Erregung durch nichtlebende Objekte oder durch hochspezifische, nicht-genitale Körperteile, über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten1. Das ist eine Beschreibung, keine Bewertung — vergleichbar damit, eine Vorliebe für eine bestimmte Küche oder ein bestimmtes Musikgenre zu benennen. Mit der fünften Auflage des Diagnosehandbuchs 2013 wurde diese Kategorie zudem erweitert: Was zuvor unter einer Sammelkategorie für nicht näher spezifizierte Paraphilien lief — die Vorliebe für einzelne Körperteile, „Partialismus" —, gehört seither ausdrücklich mit zum selben Kriterium.
Warum reicht Kriterium A allein nicht für eine Diagnose?
Weil das DSM-5 danach ein zweites, unabhängiges Kriterium verlangt: klinisch bedeutsamer Leidensdruck oder eine Beeinträchtigung der sozialen, beruflichen oder anderer wichtiger Lebensbereiche1. Erst beide Kriterien zusammen ergeben eine fetischistische Störung. Eine Vorliebe, die dieses zweite Kriterium nicht erfüllt — die also niemanden belastet und nirgends beeinträchtigt —, ist nach dieser Systematik gerade keine Störung, so ausgeprägt sie auch sein mag.
Das ist eine bewusste fachliche Entscheidung, keine Auslegungsfrage. Charles Moser und Peggy Kleinplatz haben bereits 2005 dafür argumentiert, dass eine ungewöhnliche, aber folgenlose sexuelle Präferenz allein keine Störung begründet — ein Argument, das der späteren Fassung des DSM-5 vorausging und mit ihr weitgehend übereinstimmt3.
Wie verbreitet ist fetischistisches Interesse überhaupt?
Häufiger, als die Bezeichnung „Paraphilie" vermuten lässt. Eine an der Bevölkerung Québecs ausgerichtete Befragung von 1.040 Personen fand 2016, dass mehrere der Kategorien, die als paraphil gelten, häufiger vorkommen als die Schwelle, ab der ein Merkmal statistisch als ungewöhnlich gilt — fetischistisches Interesse gehört dazu2. Für diesen Artikel wichtig ist die Richtung dieses Befunds, nicht eine einzelne Prozentzahl: Ein verbreitetes Interesse ist damit keine Ausnahme, über die gesondert Rechenschaft abzulegen wäre.
Was ändert sich mit der ICD-11?
Auch die Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation bewegt sich in dieselbe Richtung, und zwar an genau dieser Stelle: Die für die Revision zuständige WHO-Arbeitsgruppe hat empfohlen, die eigenständige Diagnose F65.0 Fetischismus aus der bisherigen Klassifikation zu streichen. Die Begründung betrifft direkt die Unterscheidung, um die es hier geht: Ein Erregungsmuster, das lediglich verhältnismäßig unüblich ist, aber nicht mit Leidensdruck, Funktionsbeeinträchtigung oder Schaden einhergeht, ist keine psychische Störung4. Für die Genauigkeit gehört dazu: Belegt sind hier Empfehlung und Begründung der Arbeitsgruppe. Dass die Streichung so in den Text der verabschiedeten ICD-11 eingegangen ist, wird zwar durchgehend berichtet, wurde für diese Seite aber nicht am Primärtext selbst geprüft.
Vertiefung — was die Diagnosesysteme im Detail verlangen
Warum „Fetischist" hier nicht als Bezeichnung für eine Person vorkommt. Eine Vorliebe ist kein Personentyp. Die Diagnosekriterien selbst beschreiben ein Muster über eine Zeitspanne, keine Identität — und machen aus einem einzelnen Merkmal ausdrücklich keinen umfassenden Persönlichkeitsbegriff. Aus demselben Grund fehlt hier „Perversion" als Synonym: Es ist ein Urteil, kein diagnostischer Begriff.
Was die beiden Kriterien in der Praxis auseinanderhält. Kriterium A beschreibt ein Muster, das für sich genommen wertneutral ist. Kriterium B beschreibt eine Folge — und diese Folge kann mehrere Ursachen haben, die mit der Vorliebe selbst nichts zu tun haben. Leidensdruck kann zum Beispiel aus Stigmatisierung oder aus der Angst vor Entdeckung entstehen, statt aus der Vorliebe selbst. Die Diagnosekriterien unterscheiden diese Quellen nicht im Einzelfall; das ist eine klinische Ermessensfrage, keine Rechenregel.
Was hier bewusst offenbleibt. Wie ein Kliniker im Einzelfall zwischen Leidensdruck durch die Vorliebe selbst und Leidensdruck durch ihre gesellschaftliche Ächtung unterscheidet, ist eine eigene, größere Frage. Das allgemeine Kriterium B über alle Paraphilien hinweg — nicht nur den Fetisch — behandelt der Cluster zur Frage, wann eine sexuelle Vorliebe überhaupt ein Problem ist; dieser Artikel bleibt bei der fetisch-spezifischen Anwendung und verlinkt dorthin, sobald diese Seite selbst veröffentlicht ist.
Die uneinheitliche Jahresangabe bei Joyal & Carpentier. Die Studie wird online mit 2016 datiert, ihre Bandzuordnung erfolgte erst 2017; der Volltext war für dieses Projekt nicht zugänglich, weshalb hier bewusst keine Einzelprozentzahl steht — nur die Richtungsaussage, für die die Presseinformation der Universität ausreicht.
Die vier Modelle, die erklären, wie eine solche Vorliebe überhaupt entsteht, stehen gesammelt im Pfeiler-Artikel „Wie entsteht ein Fetisch?". Für eine eigene Standortbestimmung — nicht für eine Diagnose — steht der Selbstauskunftsbogen bereit: anonym, zwölf Minuten lang, ohne Speicherung.
- American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Aufl. American Psychiatric Publishing, Arlington. — Kapitel „Paraphilic Disorders": Kriterium A (wiederkehrende, intensive Erregung durch nichtlebende Objekte oder hochspezifische, nicht-genitale Körperteile über mindestens sechs Monate, einschließlich Partialismus), Kriterium B (klinisch bedeutsamer Leidensdruck oder Beeinträchtigung).
- Joyal, C. C., & Carpentier, J. (2016). The Prevalence of Paraphilic Interests and Behaviors in the General Population: A Provincial Survey. The Journal of Sex Research 54(2), S. 161–171. — N = 1.040, Stichprobe an der Bevölkerung Québecs ausgerichtet. Vorbehalt: Volltext nicht zugänglich; kursierende Einzelprozentzahlen stammen aus einer Presseinformation und werden hier nicht wiedergegeben. Jahresangabe uneinheitlich (Online 2016, Bandzuordnung 2017).
- Moser, C., & Kleinplatz, P. J. (2005). DSM-IV-TR and the Paraphilias: An Argument for Removal. Journal of Psychology & Human Sexuality 17(3–4), S. 91–109.
- Reed, G. M., Drescher, J., Krueger, R. B., u. a. (2016). Disorders related to sexuality and gender identity in the ICD-11. World Psychiatry 15(3), S. 205–221. — Empfehlung und Begründung der WHO-Arbeitsgruppe zur Streichung von F65.0 Fetischismus. Vorbehalt: Vorschlag der Arbeitsgruppe, der Text der verabschiedeten ICD-11 wurde nicht am Original geprüft.