Zum Inhalt springen
Wie Begehren entsteht

Erregungsdiskordanz: Wenn der Körper reagiert, ohne dass jemand erregt sein will

Nein, nicht immer: Der Körper kann sexuell reagieren, ohne dass eine Person das subjektiv als Erregung erlebt — und umgekehrt. Eine Meta-Analyse von 56 Studien fand, dass beide Ebenen bei Frauen im Mittel deutlich schwächer zusammenhängen (r = 0,10–0,25) als bei Männern (r = 0,50–0,65)1. Genitale Reaktion ist dabei kein Beleg für Einwilligung oder Wollen2.

Dass Körper und Erleben nicht immer übereinstimmen, klingt zunächst nach einer Randnotiz. Für alles, was in diesem Cluster über Erregung gesagt wird, ist es aber ein zentraler Befund — und für die Frage, was eine körperliche Reaktion überhaupt bedeutet, einer der wichtigsten überhaupt.

Was bedeutet Erregungsdiskordanz genau?

Der Begriff bezeichnet die Lücke zwischen zwei Dingen, die im Alltag oft für dasselbe gehalten werden: der genitalen, körperlich messbaren Reaktion auf einen sexuellen Reiz und dem, was eine Person subjektiv als Erregung berichtet. Konkordanz wäre, wenn beide Ebenen zusammenfallen — Diskordanz, wenn sie es nicht tun. Meredith Chivers und Kolleginnen haben das 2010 in einer Meta-Analyse über 56 Einzelstudien mit insgesamt rund 2.500 Frauen und 1.900 Männern systematisch zusammengefasst1.

Wie wird das überhaupt gemessen?

Über zwei unterschiedliche Verfahren, je nach Geschlecht. Bei Frauen kommt meist die vaginale Photoplethysmografie zum Einsatz, die Veränderungen der vaginalen Durchblutung über Lichtreflexion misst. Bei Männern wird meist die penile Plethysmografie eingesetzt, eine Umfangsmessung. Beide Verfahren erfassen ausschließlich die genitale Komponente sexueller Erregung — nicht die kognitive, emotionale oder motivationale Seite1. Eine genitale Reaktion ist in diesem Sinn ein körperlicher Vorgang, der teils reflexhaft abläuft, kein direkter Ausdruck dessen, was jemand will.

Warum ist die Diskordanz bei Frauen größer als bei Männern?

Das ist der robusteste Einzelbefund der Meta-Analyse: Der Zusammenhang zwischen subjektiver und genitaler Erregung liegt bei Frauen im Mittel deutlich niedriger als bei Männern, und dieser Unterschied ließ sich durch mehrere geprüfte Erklärungsfaktoren — etwa die Art des Reizmaterials oder den Zeitpunkt der Messung — nicht vollständig auflösen1.

Zwei Einschränkungen gehören unbedingt dazu. Erstens: Es handelt sich um einen Mittelwertsbefund, keine universelle Regel — die Unterschiede zwischen einzelnen Frauen sind groß, und manche zeigen eine hohe Übereinstimmung. Zweitens: Auch bei Männern ist die Übereinstimmung alles andere als perfekt. Ein Drittel bis die Hälfte der Schwankung bleibt selbst dort unerklärt. Diskordanz ist damit kein rein weibliches Phänomen, nur ein bei Frauen im Schnitt stärker ausgeprägtes.

Bedeutet eine körperliche Reaktion Zustimmung?

Nein — an dieser Stelle ist Eindeutigkeit wichtiger als jede Nuance. Genitale Reaktion ist kein Indikator für Einwilligung oder für Wollen. Ein Übersichtsartikel von Roy Levin und Willy van Berlo aus dem Jahr 2004 zeigt, dass Betroffene erzwungener oder anderweitig nicht-einvernehmlicher sexueller Stimulation genital reagieren und sogar einen Orgasmus erleben können, ohne damit irgendeine Form von Zustimmung ausgedrückt zu haben2. Auch die Meta-Analyse von Chivers und Kolleginnen dokumentiert, dass Frauen im Labor genital auf Reize reagieren, die sie subjektiv weder bevorzugen noch als erregend empfinden1.

Das liegt daran, dass genitale Erregung teilweise über einen spinalen, autonomen Reflex abläuft, der unabhängig von einer bewussten Bewertung des Reizes ausgelöst werden kann. Ein Körper, der reagiert, hat damit nichts über die Person entschieden, zu der er gehört.

Was hat das mit Fetisch oder BDSM zu tun?

Innerhalb der vier Erklärungsmodelle, die der Pfeiler-Artikel dieses Clusters vorstellt, ist Erregungsdiskordanz eine der Erklärungen dafür, warum eine gemessene körperliche Reaktion allein nie ausreicht, um daraus auf Vorliebe, Zustimmung oder Verlangen zu schließen — ein Punkt, der auch für das Verhältnis von Erregung und Verlangen insgesamt gilt. Für eine BDSM-spezifische Version derselben Frage — etwa eine körperliche Reaktion während einer Szene, die subjektiv als unangenehm erlebt wird — existiert nach Recherche für dieses Projekt keine eigene Konkordanzstudie; das allgemeine Phänomen ist aber gut genug belegt, um auf diesen Fall übertragbar zu sein, ohne dass eine eigene Untersuchung dazu vorläge.

Vertiefung — Messmethoden, Grenzen und was offenbleibt

Was die beiden Messverfahren nicht leisten. Vaginale Photoplethysmografie und penile Plethysmografie messen unterschiedliche physiologische Vorgänge (Lichtreflexion einer Durchblutungsveränderung gegenüber einer Umfangsmessung), was einen Teil des gefundenen Geschlechtsunterschieds miterklären könnte. Die Meta-Analyse selbst schließt methodenbedingte Erklärungen nicht aus, hält den Geschlechtsunterschied aber trotzdem für real und robust1 — eine vorsichtige Formulierung, die absichtlich offenlässt, wie viel davon rein methodisch bedingt ist.

Was in diesem Feld ausdrücklich offenbleibt. Welche Rolle individuelle Unterschiede in Erregbarkeit und Hemmung — wie sie das Dual-Control-Modell beschreibt — für die Stärke der Konkordanz spielen, wird in der Forschung diskutiert. Für dieses Projekt ließ sich dazu keine Arbeit mit vollständig verifizierbaren bibliografischen Angaben finden; die Frage bleibt deshalb als offen benannt, statt mit einer unsicheren Quelle beantwortet zu werden.

Warum dieser Befund keine Aussage über eine einzelne Person erlaubt. Die Meta-Analyse beschreibt eine Tendenz über viele Menschen hinweg, keine Vorhersage für den Einzelfall. Aus einer niedrigen durchschnittlichen Konkordanz bei Frauen als Gruppe folgt nicht, dass eine bestimmte Frau ihre eigene Erregung „falsch" einschätzt. Es folgt auch nicht, dass genitale Reaktion und Wollen bei ihr zwangsläufig auseinanderfallen.


Wie sich Erregung von Verlangen unterscheidet und warum keines von beidem eine feste Größe ist, führt die Speiche Erregung und Verlangen aus. Wer weniger an der Forschungslage als an der eigenen Position interessiert ist, findet sie im Selbstauskunftsbogen — zwölf Minuten, anonym, ohne Diagnose.

  1. Chivers, M. L., Seto, M. C., Lalumière, M. L., Laan, E., & Grimbos, T. (2010). Agreement of Self-Reported and Genital Measures of Sexual Arousal in Men and Women: A Meta-Analysis. Archives of Sexual Behavior 39(1), S. 5–56. — 56 Studien, N = 2.505 Frauen / 1.918 Männer; Frauen r = 0,10–0,25, Männer r = 0,50–0,65; Geschlechtsunterschied durch Moderatorvariablen nicht vollständig aufgeklärt, aber als real und robust eingestuft.
  2. Levin, R. J., & van Berlo, W. T. M. (2004). Sexual Arousal and Orgasm in Subjects Who Experience Forced or Non-Consensual Sexual Stimulation — A Review. Journal of Clinical Forensic Medicine 11(2), S. 82–88. — genitale Reaktion und Orgasmus können ohne Einwilligung auftreten und sind kein Zustimmungssignal.