Sind Erregung und Verlangen dasselbe? Zwei Modelle, ein Unterschied
Nein: Erregung ist die körperliche und mentale Reaktion auf einen sexuellen Reiz, Verlangen das Bedürfnis, diese Reaktion zu suchen oder fortzusetzen. Beide können unabhängig voneinander auftreten1. Nach Rosemary Bassons zirkulärem Modell folgt Verlangen bei vielen Menschen sogar erst auf bereits einsetzende Erregung, statt ihr voranzugehen2 — das ältere lineare Modell kannte diese Reihenfolge gar nicht.
Im Alltag werden beide Wörter meist austauschbar benutzt: „Ich hatte keine Lust", „ich war nicht erregt", „das Verlangen war weg" — als wäre es dieselbe Sache in drei Formulierungen. In der Sexualforschung sind Erregung und Verlangen zwei unterscheidbare Vorgänge mit eigenen Modellen, eigenen Messverfahren und einer eigenen Geschichte.
Was unterscheidet Erregung von Verlangen genau?
Erregung bezeichnet die körperliche und mentale Reaktion auf einen sexuellen Reiz — messbar unter anderem an genitaler Durchblutung, aber auch als subjektives Empfinden. Verlangen bezeichnet das Bedürfnis nach sexueller Aktivität oder nach ihrer Fortsetzung — ein motivationaler Zustand, kein Reflex. Beide hängen häufig zusammen, aber nicht zwangsläufig: Ein Körper kann reagieren, ohne dass ein Bedürfnis danach besteht, und ein Bedürfnis kann bestehen, bevor der Körper überhaupt reagiert hat.
Warum reichte das alte Vier-Phasen-Modell für diese Unterscheidung nicht aus?
William Masters und Virginia Johnson beschrieben 1966, gestützt auf jahrelange direkte Laborbeobachtung, einen Sexualzyklus aus vier Phasen: Erregung, Plateau, Orgasmus, Rückbildung3. Das war für seine Zeit ein Durchbruch — erstmals wurde der menschliche Sexualzyklus aus gemessener Physiologie beschrieben statt aus Spekulation. Für die Frage dieses Artikels hat das Modell aber eine entscheidende Lücke: Es beginnt bereits mit Erregung. Eine eigene Phase für Verlangen kommt darin nicht vor.
Leonore Tiefer hat 1991 in einem viel zitierten Übersichtsartikel darauf hingewiesen, dass das Modell aus einer eng gefassten Laborstichprobe stammt, psychologische und Beziehungsfaktoren ausklammert und die subjektive und die genitale Ebene der Erregung stillschweigend gleichsetzt4 — ein Punkt, der auch für die Erregungsdiskordanz wichtig wird, die dieser Cluster gesondert behandelt.
Was besagt Bassons zirkuläres Modell?
Rosemary Basson schlug 2000 und 2001 ein alternatives Modell vor: kein linearer Ablauf, sondern ein rückgekoppelter Kreislauf aus emotionaler Nähe, sexueller Stimulation, Erregung und Verlangen2. Der entscheidende Unterschied: Verlangen muss diesem Modell zufolge nicht am Anfang stehen. Viele Menschen — Basson beschrieb das zunächst für Frauen in längeren Beziehungen — beginnen aus einem neutralen Zustand heraus, öffnen sich für Stimulation, und erst im Verlauf davon entsteht das, was sie als Verlangen erleben5. In einer späteren Arbeit erweiterte Basson das Modell ausdrücklich auf beide Geschlechter, ohne dass diese Erweiterung an Männern in gleichem Umfang geprüft worden wäre5.
Sie unterschied dafür zwei Formen: spontanes Verlangen, das ohne erkennbaren äußeren Anlass auftritt, und responsives Verlangen, das erst als Reaktion auf bereits begonnene Stimulation entsteht. Beide gelten in ihrem Modell als normal.
Ist responsives Verlangen ein Problem?
Nein — und genau das ist der klinische Kernpunkt des Modells. Basson beschrieb 2001 ausdrücklich, dass ein großer Teil weiblichen sexuellen Verlangens responsiv statt spontan ist6. Wer also kein spontanes „Lust auf Sex, bevor überhaupt etwas passiert" erlebt, hat damit nach diesem Modell kein Defizit, sondern ein häufiges Muster. Die klinische Anwendung folgte: Eine randomisiert-kontrollierte Studie von Lori Brotto und Rosemary Basson zeigte 2014, dass achtsamkeitsbasierte Gruppentherapie das sexuelle Verlangen bei Frauen signifikant verbessern kann7 — ein Beleg für die klinische Anwendbarkeit des Grundgedankens, nicht für das zirkuläre Modell in seiner theoretischen Form insgesamt.
Was hat das mit der Entstehung eines Fetischs zu tun?
Die vier Modelle, die im Pfeiler-Artikel dieses Clusters vorgestellt werden, sprechen überwiegend von Erregung — davon, dass ein Reiz eine körperliche und mentale Reaktion auslöst, etwa über Konditionierung. Ob aus einer solchen Erregung auch tatsächlich Verlangen wird, ist eine andere Frage, mit eigener Befundlage. Die beiden Ebenen zu vermischen — „erregt sein" und „wollen" gleichzusetzen — ist einer der häufigsten Denkfehler in populären Darstellungen von Fetisch und Vorliebe überhaupt.
Vertiefung — Messung, Kritik und was offenbleibt
Wie belastbar ist Bassons Modell empirisch? Weniger, als seine Verbreitung in der klinischen Praxis vermuten lässt. Richard Balon hat 2022 in einem Kommentar festgehalten, dass das Modell nie direkt empirisch getestet wurde — es wurde, sinngemäß wiedergegeben, als Expertenmodell konstruiert, nicht aus systematisch erhobenen Daten abgeleitet8. Das schließt Nützlichkeit nicht aus: Ein Modell kann klinisch hilfreich sein, ohne dass jeder seiner Bestandteile geprüft wäre. Es bedeutet aber, dass „das zirkuläre Modell ist bewiesen" eine zu starke Aussage wäre.
Was das Dual-Control-Modell ergänzt. John Bancroft und Erick Janssen beschrieben 2000 sexuelle Erregung als Ergebnis eines Gleichgewichts zwischen einem erregenden (excitatorischen) und einem hemmenden (inhibitorischen) System, deren Ausprägung zwischen Menschen deutlich streut1. Erhoben wird das über Fragebögen (die Sexual Inhibition/Sexual Excitation Scales), die individuelle Veranlagungen messen, keine punktuelle Erregung9. Ein Mensch mit stark ausgeprägtem Hemmungssystem kann körperlich durchaus ansprechbar sein und trotzdem selten spontanes Verlangen erleben — beide Modelle beschreiben damit unterschiedliche Facetten derselben Beobachtung: dass Erregbarkeit und Verlangen zwei separat variierende Größen sind.
Was dieses Modell ausdrücklich nicht leistet. Ein Übersichtsartikel von 2009 hält fest, dass das Dual-Control-Modell keine Krankheitskategorien liefert, kein Einzelverhalten in einer bestimmten Situation vorhersagt und ursprünglich vor allem an Männern entwickelt und validiert wurde10. Es beschreibt allgemeine Erregungs- und Hemmungsneigungen — nicht, wofür sich jemand sexuell interessiert, und nicht, welche Vorliebe jemand entwickelt.
Was dieser Artikel offenlässt. Ob und wie stark der Körper unabhängig vom bewussten Verlangen reagieren kann — bis hin zu einer messbaren Reaktion ohne jedes subjektive Erleben von Erregung —, behandelt die Speiche über Erregungsdiskordanz gesondert.
Wie leicht der eigene Körper anspringt und wie leicht das eigene Verlangen sich einstellt, sind zwei von mehreren Bausteinen, aus denen sich laut dem Buch die drei Linien des Verlangens zusammensetzen. Der Selbstauskunftsbogen braucht für die eigene Positionsbestimmung zwölf Minuten und speichert keine Antworten.
- Bancroft, J., & Janssen, E. (2000). The Dual Control Model of Male Sexual Response: A Theoretical Approach to Centrally Mediated Erectile Dysfunction. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 24(5), S. 571–579. — Erregung als Gleichgewicht eines excitatorischen und eines inhibitorischen Systems, entwickelt am Kinsey Institute.
- Basson, R. (2000). The Female Sexual Response: A Different Model. Journal of Sex & Marital Therapy 26(1), S. 51–65. — zirkuläres, intimitätsbasiertes Modell; 657 Zitierungen.
- Masters, W. H., & Johnson, V. E. (1966). Human Sexual Response. Little, Brown and Company, Boston. — vierphasiger Zyklus (Erregung, Plateau, Orgasmus, Rückbildung) aus direkter Laborbeobachtung; keine eigene Verlangensphase.
- Tiefer, L. (1991). Historical, Scientific, Clinical and Feminist Criticisms of "The Human Sexual Response Cycle" Model. Annual Review of Sex Research 2, S. 1–23.
- Basson, R. (2001). Human Sex-Response Cycles. Journal of Sex & Marital Therapy 27(1), S. 33–43. — Erweiterung auf Männer und Frauen; integriert responsives und spontanes Verlangen. Die Übertragbarkeit auf Männer wurde nicht im selben Umfang geprüft wie die ursprüngliche Arbeit an Frauen.
- Basson, R. (2001b). Using a Different Model for Female Sexual Response to Address Women's Problematic Low Sexual Desire. Journal of Sex & Marital Therapy 27(5), S. 395–403. — klinische Anwendung; responsives Verlangen als Normalvariante bei geringem spontanem Verlangen.
- Brotto, L. A., & Basson, R. (2014). Group Mindfulness-Based Therapy Significantly Improves Sexual Desire in Women. Behaviour Research and Therapy 57, S. 43–54. — randomisiert-kontrollierte Studie.
- Balon, R. (2022). Is Basson's Model of Sexual Response Relevant? A Commentary. Journal of Sex & Marital Therapy 48(1), S. 1–4. — hält fest, dass das Modell nie direkt empirisch getestet wurde und als Expertenmodell konstruiert ist.
- Janssen, E., Vorst, H., Finn, P., & Bancroft, J. (2002). The Sexual Inhibition (SIS) and Sexual Excitation (SES) Scales: I. Measuring Sexual Inhibition and Excitation Proneness in Men. Journal of Sex Research 39(2), S. 114–126. — Fragebogenverfahren; misst Veranlagungen, keine punktuelle Erregung; ursprünglich an Männern validiert.
- Bancroft, J., Graham, C. A., Janssen, E., & Sanders, S. A. (2009). The Dual Control Model: Current Status and Future Directions. Journal of Sex Research 46(2–3), S. 121–142. — Review; Geschlechtsunterschiede, klinische Anwendung, Grenzen des Modells.