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Kulturgeschichte der Sexualität

Robert van Gulik — wie das Wissen über Chinas Sexualkultur in den Westen kam

Robert Hans van Gulik (1910–1967), niederländischer Diplomat und Sinologe, veröffentlichte 1961 mit „Sexual Life in Ancient China" das erste westliche Standardwerk zur chinesischen Sexualitätsgeschichte. Bis in die 1980er Jahre blieb es die maßgebliche Darstellung im Westen — und prägte damit auch, wie Michel Foucault China als Beispiel einer „ars erotica" beschrieb.

Fast jede westliche Vorstellung von taoistischer Sexualität, von „Essenz-Erhaltung" bis zum Su Nü Jing, geht letztlich auf ein einziges Buch zurück. Wer verstehen will, warum dieses Wissen im Westen so und nicht anders ankam, muss seinen Autor kennen.

Wer war Robert van Gulik?

Van Gulik war kein akademischer Sexualhistoriker im engeren Sinne, sondern niederländischer Diplomat mit sinologischer Ausbildung. 1961 veröffentlichte er bei Brill in Leiden „Sexual Life in Ancient China: A Preliminary Survey of Chinese Sex and Society from ca. 1500 B.C. till 1644 A.D." — ein Werk von fast 400 Seiten, das die chinesische Sexualitätsgeschichte von der Shang-Zeit bis zum Ende der Ming-Dynastie in zehn Kapiteln und zwei Anhängen behandelt1. Bibliografisch ist das Werk gut dokumentiert: mehrere Nachdrucke (1974, 2003, 2021), Bibliothekskataloge weltweit, eine feste Katalognummer bei der US-Kongressbibliothek.

Was steht in dem Buch — und was lässt sich darüber sagen, ohne es geprüft zu haben?

Hier ist Zurückhaltung angebracht, und die Zurückhaltung selbst ist Teil der Geschichte, die diese Seite erzählt. Van Guliks Buch behandelt nachweislich die taoistischen Sexualpraktiken (fangzhong shu), den Samenerhalt und die Su-Nü-Jing-Überlieferung als zentrale Quellen des alten chinesischen Sexualwissens — das ergibt sich aus dem Inhaltsverzeichnis und aus Sekundärbeschreibungen des Werks. Was sich nicht sagen lässt, ohne den Volltext selbst eingesehen zu haben: welche konkreten Formulierungen, Wertungen oder Fehler van Gulik dabei verwendet. Diese Seite zitiert ihn deshalb nicht wörtlich — eine Lücke, die ehrlicher ist als ein plausibel klingendes Zitat, das niemand geprüft hat.

Ein Anhang des Buches sticht heraus: „Indian and Chinese Sexual Mysticism" untersucht auf rund zwanzig Seiten die Verbindungen zwischen chinesischer und indischer Sexualmystik und ihre Bedeutung für den Ursprung des Tantrismus1 — van Gulik dachte die Kulturgeschichte der Sexualität also bereits 1961 über eine einzelne Kultur hinaus, in genau die Richtung, in die diese Kulturgeschichte der Sexualität heute noch verweist.

Warum war dieses eine Buch so einflussreich?

Weil es bis in die 1980er Jahre praktisch konkurrenzlos war. Van Guliks Werk war die maßgebliche westliche Darstellung chinesischer Sexualitätsgeschichte und prägte das Bild Chinas als Gesellschaft mit einer „ars erotica" — ein Begriff, den später vor allem Michel Foucault bekannt machte2. Eine peer-reviewte Untersuchung von 2011 argumentiert, dass Foucaults Chinabild stark durch van Guliks Darstellung geprägt wurde3 — mehr dazu auf der Seite zu Foucaults ars-erotica-Begriff. Diese Verbindung ist eine Aussage über die Rezeptionsgeschichte, keine Aussage darüber, dass Foucault van Gulik namentlich zitiert hätte.

Erst 1992, gut dreißig Jahre nach van Gulik, erschien mit Douglas Wiles „Art of the Bedchamber" die erste umfassende englische Übersetzung der chinesischen Sexual-Yoga-Klassiker selbst4 — eine Ergänzung, die van Guliks historischen Überblick um Primärtexte im Volltext erweiterte, statt ihn zu ersetzen.

Was ist an diesem Wissenstransfer selbst bemerkenswert?

Dass ein einziges Buch, geschrieben von einem einzelnen Diplomaten ohne akademisches Sexualhistoriker-Mandat, über zwanzig Jahre lang praktisch das gesamte westliche Wissen über ein Thema trug — inklusive der Vorstellungen, die ein Philosoph wie Foucault später zu einer Kulturtheorie verallgemeinerte. Das ist kein Vorwurf an van Gulik, dessen Pionierrolle unbestritten ist. Es ist ein Hinweis darauf, wie schmal die Quellenbasis war, auf der ein bis heute wirkmächtiges Chinabild entstand — und ein Grund, an genau dieser Stelle besonders genau zu prüfen, was belegt ist und was nur weitergereicht wurde.

Vertiefung — was van Gulik selbst schrieb und was über ihn geschrieben wurde

Warum diese Seite van Gulik nicht wörtlich zitiert. Der Grundsatz dieses Projekts lautet: keine Behauptung ohne nachprüfbare Quelle. Für van Guliks eigene Formulierungen zu Qi, Jing, Samenerhalt oder dem Su Nü Jing liegt in diesem Projekt keine Volltext-Einsicht vor — weder ein Zitat noch eine Seitenangabe lassen sich daraus ableiten. Zwei Wege stünden offen: den Volltext zu beschaffen, oder auf allgemeine, bibliografisch abgesicherte Aussagen über van Guliks Pionierrolle zu beschränken. Diese Seite geht den zweiten Weg. Das ist ein bewusster Verzicht, kein Zufall.

Was van Guliks Werk historisch einordnet, ohne es selbst zu bewerten. Eine Verlagsdarstellung der Neuauflage von 2021 bezeichnet das Werk ausdrücklich als „Pionierüberblick"5 — eine Formulierung, die die historische Bedeutung markiert, ohne eine inhaltliche Wertung über die Richtigkeit einzelner Aussagen zu treffen. Diese Unterscheidung ist hier wichtig: Pionierarbeit und Fehlerfreiheit sind zwei verschiedene Dinge, und ein Werk kann das eine sein, ohne dass das andere automatisch folgt.

Was diese Seite offenlässt. Ob und an welchen Stellen van Guliks Darstellung heute als überholt gilt, ließe sich nur mit einer eigenen fachhistorischen Aufarbeitung seines Werks im Vergleich zur neueren Forschung beantworten — dafür reicht die vorliegende Quellenbasis nicht. Was die „Kunst der Schlafgemächer" selbst lehrte, unabhängig von ihrer westlichen Rezeption, behandelt die Seite zu fangzhong shu; die konkrete Lehre vom Samenerhalt hat ebenfalls eine eigene Seite.


Wie diese Episode der Wissensgeschichte in die größere Erzählung des Buches eingebettet ist, zeigt das Inhaltsverzeichnis auf der Startseite; Hintergrund zur Quellenarbeit des Buches insgesamt gibt die Seite über das Buch.

  1. Van Gulik, R. H. (1961). Sexual Life in Ancient China: A Preliminary Survey of Chinese Sex and Society from ca. 1500 B.C. till 1644 A.D. Brill, Leiden. Appendix I: „Indian and Chinese Sexual Mysticism", S. 339–359. Bibliografisch verifiziert (LCCN 62019807, OCLC 14592699); Aufbau und Umfang von Appendix I über Bibliothekskataloge bestätigt. Vorbehalt: Der Volltext wurde nicht eingesehen — keine wörtlichen Zitate oder Seitenangaben zu einzelnen inhaltlichen Aussagen des Werks.
  2. Rocha, L. A. (2011). Scientia sexualis versus ars erotica: Foucault, van Gulik, Needham. Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 42(3), S. 328–343. — van Guliks Darstellung Chinas als Prägung von Foucaults „ars erotica"-Bild.
  3. Rocha, L. A. (2011), a. a. O. — dieselbe Quelle für die Aussage über die Rezeptionslinie van Gulik → Foucault.
  4. Wile, D. (1992). Art of the Bedchamber: The Chinese Sexual Yoga Classics. State University of New York Press, Albany. — erste umfassende englische Übersetzung der chinesischen Sexual-Yoga-Klassiker, dreißig Jahre nach van Gulik.
  5. Brill (2021). Verlagsdarstellung der Neuauflage von „Sexual Life in Ancient China". Hinweis: Verlagstext, keine unabhängige wissenschaftliche Bewertung; hier ausschließlich als Beleg für die anhaltende verlegerische Einordnung als Pionierwerk herangezogen. Bewusst ohne Eintrag in der Bibliografie und ohne `citeKey` — eine Verlagsdarstellung ist keine zitierfähige Fachquelle und wird deshalb nur an dieser Stelle geführt.