Foucaults ars erotica — hält die Zuschreibung an die arabische Welt historisch stand?
Nur teilweise. Michel Foucault zählte 1976 „China, Japan, Indien, Rom und die arabo-moslemischen Gesellschaften" zur „ars erotica" — ohne dafür eigene Quellen zu nennen. Die arabische Liebesliteratur belegt tatsächlich einen anderen Umgang mit Sexualität als der westliche Beichtdiskurs. Dass Foucaults Kategorie diesen Befund trägt, ist damit aber nicht automatisch gezeigt — postkoloniale Kritik hält seine Zuschreibung für unhistorisch.
Ein Satz aus einem einzigen Absatz eines einzigen Buches wird bis heute zitiert, als wäre er das Ergebnis jahrelanger Quellenarbeit. Er war es nicht — und genau das lohnt sich nachzuvollziehen.
Was genau hat Foucault behauptet?
In „Der Wille zum Wissen" unterscheidet Michel Foucault zwei Arten, wie Kulturen Wahrheit über Sexualität hervorbringen: die „ars erotica", in der die Wahrheit aus der Lust selbst gezogen wird, und die „scientia sexualis" des Westens, die auf Geständnis, Selbstprüfung und Deutung beruht. Zu den Kulturen mit einer „ars erotica" zählt er in einem einzigen Satz „China, Japan, Indien, Rom und die arabo-moslemischen Gesellschaften"1.
Entscheidend ist, was in diesem Satz fehlt: ein eigener Beleg. Foucault nennt die arabische Welt im Vorbeigehen, ohne einen eigenen Quellenapparat dazu vorzulegen — anders als bei seiner Behandlung der westlichen Geständniskultur, die er über weite Strecken des Buches historisch herleitet. Eine peer-reviewte Untersuchung von 2011 zeigt zudem, dass Foucault seine eigene Unterscheidung wenige Seiten später bereits wieder relativiert2 — die scharfe Zweiteilung, die im Netz oft als sein festes System zitiert wird, war ihm selbst nicht so wichtig, wie ihre Popularität suggeriert.
Wie ist Foucault überhaupt zu diesem Chinabild gekommen?
Über einen Umweg, den die Forschung inzwischen nachgezeichnet hat. Foucaults Vorstellung von China als „ars-erotica"-Gesellschaft wurde maßgeblich durch die Darstellung eines westlichen Sinologen geprägt2 — wie genau, zeigt die Seite zu Robert van Guliks Rolle. Für die arabische Welt existiert kein vergleichbarer Umweg, den man nachzeichnen könnte: Foucaults Aussage dazu bleibt eine unbelegte Setzung, ohne erkennbare eigene Quelle im Hintergrund.
Hat später jemand Foucaults Zuschreibung an die arabische Welt konkretisiert?
Ja, aber mit einer wichtigen Einschränkung. Der Philosoph Richard Shusterman widmet der islamischen Kultur in seinem Buch „Ars Erotica" (2021) ein eigenes Kapitel — „Fragrance, Veils, and Violence: Ars Erotica in Islamic Culture" — und untersucht, wie islamische Erotik Poesie, Duft, Tanz und Gewalt miteinander verbindet3. Das ist die bislang gründlichste Ausarbeitung von Foucaults knapper Zuschreibung. Shusterman ist jedoch Philosoph, kein Historiker der arabischen Welt: Seine Darstellung ist eine philosophische Rekonstruktion, keine eigenständige historische Primärforschung an arabischen Quellen.
Was zeigt die arabische Literatur selbst über den Umgang mit Sexualität?
Hier wird der Boden fester, weil hier tatsächliche Primärwerke vorliegen. Die klassische arabische Tradition kennt eine reiche, offen sinnliche Liebesliteratur. Ibn Hazms „Der Ring der Taube" (um 1022) ist eine der zentralen theoretischen Abhandlungen über Liebe in dieser Tradition und behandelt in dreißig Kapiteln sowohl heterosexuelle als auch homoerotische Zuneigung4. Al-Nafzawis „Der duftende Garten" (15. Jahrhundert) beschreibt sexuelle Praktiken und Körperlichkeit unverhohlen als Teil eines Lebenswissens, nicht als Sündenkatalog5. Und Abu Nuwas (756–814) gilt als der bedeutendste homoerotische Dichter der klassischen arabischen Tradition6; die homoerotische Dichtung, für die er steht, florierte fast ein Jahrtausend lang, bevor sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts fast vollständig aus dem literarischen Kanon verschwand7.
Diese drei Werke belegen etwas Reales: einen historischen Umgang mit Sexualität, der nicht auf Geständnis und klinische Deutung ausgerichtet war. Sie belegen damit aber noch nicht, dass Foucaults Gegenbegriff „ars erotica" — mit seiner spezifischen Vorstellung von Lust als Wahrheitsquelle, wie er sie an chinesischen und indischen Beispielen entwickelt — die treffende Kategorie für diese Literatur ist. Das ist ein Unterschied, der in populären Darstellungen fast immer verschwimmt.
Was wendet die postkoloniale Kritik gegen die ganze Vergleichslogik ein?
Der wichtigste Einwand richtet sich nicht gegen einzelne Fakten, sondern gegen die Kategorien selbst. Edward Saids „Orientalismus" beschreibt, wie der Westen „den Orient" — einschließlich seiner Sexualität — als exotisches Anderes konstruiert hat, das seinen Sinn erst im Kontrast zum Eigenen gewinnt8. Joseph Massad radikalisiert diesen Einwand für die Kategorie „Homosexualität": Er zeigt, wie westliche Sexualitätskategorien im Kolonialkontext auf die arabische Welt übertragen wurden und lokale Konzepte überformten — und wie ein von ihm so genannter „Gay International" retrospektiv eine „Unterdrückung" konstruiert, die er dann anprangert9.
Khaled El-Rouayheb liefert dazu die historische Gegenprobe: Vor 1800 kannte die arabisch- islamische Welt die Kategorie „Homosexualität" schlicht nicht. Wichtig waren andere Unterscheidungen — zwischen aktiver und passiver Rolle, zwischen leidenschaftlicher Zuneigung und körperlicher Lust, zwischen penetrierendem und nicht-penetrierendem Akt10. Genau dieselbe Vorsicht, die Massad und El-Rouayheb gegenüber der Kategorie „Homosexualität" einfordern, lässt sich auf Foucaults Kategorie „ars erotica" selbst anwenden: Auch sie ist eine westliche Erfindung, die einer fremden Kultur übergestülpt wird, um eine Kontrastfolie für den Westen zu liefern.
Vertiefung — Textbestand, Zensurgeschichte und die Grenzen des Vergleichs
Die Zensurgeschichte als eigenständiger Befund. Dass die klassische arabische Erotik- und Liebesliteratur überhaupt einer nachträglichen Zensur zum Opfer fiel, ist selbst aufschlussreich. Eine literaturgeschichtliche Untersuchung von 2014 verfolgt die homoerotische arabische Dichtung vom sechsten Jahrhundert bis zum neunzehnten und zeigt, dass sie über fast ein Jahrtausend florierte, bevor sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts fast vollständig aus dem literarischen Kanon verschwand7 — ein Rückgang, der zeitlich mit der zunehmenden Kolonialpräsenz und dem Import westlicher Sittlichkeitsvorstellungen zusammenfällt, wie Massad und El-Rouayheb ihn beschreiben. Der Verlust dieser Literatur ist damit selbst ein Datenpunkt für die postkoloniale These, nicht nur ein bedauerlicher Nebenumstand.
Fitna: ein Gegenbeispiel zur einfachen Erotik-Feier. Wer aus der reichen Liebesliteratur den Schluss zieht, die arabisch-islamische Kultur habe weibliche Sexualität durchgehend positiv gerahmt, übersieht die andere Seite. Fatima Mernissi beschreibt mit dem Begriff „fitna" ein zentrales Konzept, in dem weibliche Sexualität als chaosstiftende, ambivalente Macht gilt, die kontrolliert werden muss, um die soziale Ordnung zu schützen11. Das legt nahe, dass es „die" arabisch-islamische Haltung zur Sexualität nicht gab — sondern mehrere, gleichzeitig bestehende und einander widersprechende Diskurse, was jede pauschale Einordnung als „ars erotica" zusätzlich erschwert.
Was in diesem Projekt ausdrücklich offenbleibt. Für keine der drei zentralen Primärquellen — Ibn Hazm, al-Nafzawi, Abu Nuwas — liegt in diesem Projekt eine Volltextprüfung mit konkreten Seitenangaben für wörtliche Zitate vor; die Aussagen stützen sich auf bibliografisch verifizierte Werke und ihre wissenschaftliche Sekundärliteratur. Ebenso offen bleibt, ob und wie sich Mernissis Fitna-Konzept exakt mit Foucaults ars-erotica-Kategorie in Beziehung setzen lässt — beide Autoren beziehen sich nicht aufeinander, und eine Verbindung zwischen ihnen wäre eine Deutung dieses Projekts, keine in der Literatur vorgefundene These.
Wie sich diese Frage zur größeren Kulturgeschichte des Buches verhält, zeigt der Pfeiler dieser Kulturgeschichte und das Inhaltsverzeichnis auf der Startseite; Hintergrund zur Quellenarbeit des Projekts insgesamt gibt die Seite über das Buch.
- Foucault, M. (1977). Sexualität und Wahrheit, Band 1: Der Wille zum Wissen. Suhrkamp, Frankfurt am Main (übers. U. Raulff & W. Seitter; frz. Original 1976). Kap. „Scientia sexualis"; engl. Standardübersetzung S. 57. Vorbehalt: Foucault belegt diese Zuschreibung selbst nicht — eine Nennung im Vorbeigehen ohne eigenen Quellenapparat zur arabischen Welt.
- Rocha, L. A. (2011). Scientia sexualis versus ars erotica: Foucault, van Gulik, Needham. Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 42(3), S. 328–343. — van Guliks Prägung von Foucaults Chinabild; Foucaults eigene Relativierung der Unterscheidung fünfzehn Seiten später.
- Shusterman, R. (2021). Ars Erotica: Sex and Somaesthetics in the Classical Arts of Love. Cambridge University Press, Kap. 6 „Fragrance, Veils, and Violence: Ars Erotica in Islamic Culture". Vorbehalt: philosophische Rekonstruktion, keine eigenständige historische Primärforschung; Existenz und thematische Ausrichtung des Kapitels bibliografisch bestätigt, Volltext nicht durchgesehen.
- Ibn Hazm (1953). The Ring of the Dove: A Treatise on the Art and Practice of Arab Love. Übers. A. J. Arberry. Luzac Oriental, London (Original um 1022).
- Al-Nafzawi, M. (1999). The Perfumed Garden of Sensual Delight. Übers. J. Colville. Kegan Paul International, London. Hinweis: bewusst die wissenschaftliche Colville-Übersetzung, nicht die verfälschende Burton-Fassung.
- Kennedy, P. F. (2005). Abu Nuwas: A Genius of Poetry. Oneworld Publications, Oxford. — Abu Nuwas als bedeutendster homoerotischer Dichter der klassischen arabischen Tradition. Hinweis: belegt die Stellung des Dichters, nicht die Datierung des späteren Verschwindens dieser Dichtung — dafür siehe Anmerkung 7.
- Bauer, T. (2014). Male-Male Love in Classical Arabic Poetry. In: E. L. McCallum & M. Tuhkanen (Hrsg.), The Cambridge History of Gay and Lesbian Literature. Cambridge University Press, S. 107–124. — die homoerotische arabische Dichtung vom 6. bis zum 19. Jahrhundert: fast ein Jahrtausend Blüte, dann Verschwinden aus dem Kanon Mitte des 19. Jahrhunderts.
- Said, E. W. (1978). Orientalism. Pantheon Books, New York.
- Massad, J. A. (2007). Desiring Arabs. University of Chicago Press, Chicago.
- El-Rouayheb, K. (2005). Before Homosexuality in the Arab-Islamic World, 1500–1800. University of Chicago Press, Chicago.
- Mernissi, F. (1987). Beyond the Veil: Male-Female Dynamics in Modern Muslim Society, revidierte Aufl. Indiana University Press, Bloomington. Vorbehalt: Konzept bibliografisch und über die Verlagsdarstellung gesichert; wörtliche Zitate mit Seitenangabe wurden nicht am Volltext geprüft.