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Erzählen und Begehren

Anerkennung als Bedürfnis: warum es wehtut, nicht gehört zu werden

Charles Taylor nennt Anerkennung ein lebensnotwendiges Bedürfnis, Axel Honneth die Bedingung, sich selbst zu achten und zu schätzen. Missachtung birgt nach Honneth die Gefahr einer Verletzung, die die Identität als Ganzes zum Einsturz bringen kann. Getrennt davon misst die Psychologie, ob sich jemand gehört fühlt. Wer sich weniger gehört fühlt, will ein zweites Gespräch mit dem Gegenüber eher meiden.

Es gibt Sätze, die man nicht laut sagt, weil sie zu groß klingen für den Anlass. „Sie hat mir nicht zugehört“ ist so einer. Der Anlass ist klein, das Gefühl danach ist es nicht, und beides passt schlecht zusammen.

An dieser Stelle hilft es, zwei Antworten auseinanderzuhalten. Die eine kommt aus der politischen Philosophie und ist eine Begründung. Die andere kommt aus der Sozialpsychologie und ist eine Messung. Sie sagen nicht dasselbe, und keine von beiden ersetzt die andere.

Ist Anerkennung ein menschliches Grundbedürfnis?

Die Philosophie begründet das Bedürfnis nach Anerkennung als grundlegend. Nachgewiesen ist es damit noch nicht. Charles Taylor hält angemessene Anerkennung für lebensnotwendig und ausdrücklich für mehr als eine Höflichkeit, die man anderen schuldet1. Ausführlicher gibt der Überblick Erzählen und Begehren die Stelle wieder.

Taylors Begründung ist eine These über Identität, also darüber, wie ein Mensch versteht, wer er ist. Dieses Verständnis wird nach Taylor zum Teil durch Anerkennung geformt, durch ihr Fehlen und oft durch das verzerrte Bild, das andere von einem haben. Wenn das Umfeld einem Menschen ein enges, herabsetzendes oder verächtliches Bild seiner selbst zurückspiegelt, kann er realen Schaden nehmen1.

Geschrieben hat Taylor das in einem Essay über Multikulturalismus, also über die Forderung von Gruppen, anerkannt zu werden. Die These gilt bei ihm für Einzelne wie für Gruppen1. Ein Befund über einzelne Gespräche ist sie nicht.

Warum wiegt Nichtgehörtwerden mehr als eine Unhöflichkeit?

Nach Axel Honneth, weil das Selbstbild eines Menschen an der fortlaufenden Bestätigung durch andere hängt. Honneth spricht von einem inneren Zusammenhang zwischen Individualisierung und Anerkennung. Daraus folgt eine besondere Verletzbarkeit. Die Erfahrung, missachtet zu werden, trägt für ihn die Gefahr einer Verletzung, die die Identität einer Person als Ganzes zum Einsturz bringen kann2.

Das ist eine normative Theorie, kein Forschungsbefund. Sie behauptet nicht, gemessen zu haben, wie oft das passiert oder wie stark. Sie sagt, was auf dem Spiel steht. Ausgearbeitet hat Honneth diese Anerkennungstheorie 1992 in Kampf um Anerkennung2. Ihre deutschen Grundbegriffe (Mißachtung, Selbstvertrauen, Selbstachtung, Selbstschätzung) nennt der Übersetzer der englischen Ausgabe3.

Welche Formen der Missachtung unterscheidet Honneth?

Drei. Honneth ordnet drei Sphären der Anerkennung je eine Form ihrer Verweigerung zu2:

Sphäre Form der Missachtung Verletzt Beschädigt
Liebe Misshandlung und Vergewaltigung die körperliche Integrität das Grundvertrauen in sich selbst
Recht Rechtsentzug und Ausschluss die soziale Integrität die Selbstachtung
Solidarität Entwürdigung und Beleidigung die Würde die Selbstschätzung

Die Selbstschätzung ist dabei die Überzeugung, dass die eigene Art zu leben etwas wert ist.

Wer erzählt hat und nicht gehört wurde, lässt sich am ehesten der dritten Form zuordnen. Das ist eine Anwendung dieser Seite, keine Aussage Honneths. Verletzt sind in diesem Fall weder Rechte noch der Körper. Übergangen wird der Wert dessen, was jemand beigetragen hat.

Was heißt es, dass Identität dialogisch ist?

Dass niemand sie allein herstellt. Charles Taylor begründet die Forderung nach Anerkennung mit einer dialogischen Theorie der Identität. Menschen werden erst über den Erwerb menschlicher Ausdruckssprachen zu vollen, sich selbst verstehenden Handelnden. Die Entstehung des menschlichen Geistes ist in diesem Sinn nicht monologisch. Und die eigene Identität steht, in seinen Worten, immer im Gespräch mit dem, was „unsere signifikanten Anderen in uns sehen wollen“, manchmal auch im Kampf dagegen. Selbst wenn diese Menschen aus dem Leben verschwinden, geht das Gespräch mit ihnen innerlich weiter1 (eigene Übersetzung).

Die Stelle trägt weniger weit, als sie klingt. Taylor spricht von signifikanten Anderen, also von dauerhaften, prägenden Beziehungen, meist aus der eigenen Nähe. Eine einmalige Gesprächssituation mit einer fremden Person ist damit nicht gemeint. Dass sich das Argument darauf übertragen lässt, ist eine naheliegende Anwendung, keine Aussage Taylors.

Was passiert, wenn man sich nicht gehört fühlt?

Gemessen ist vor allem eine Folge für das nächste Gespräch. Wer sich in einer Unterhaltung weniger gehört fühlt, will mit demselben Gegenüber eher kein zweites Gespräch führen. Das zeigt eine Arbeit von Carla Anne Roos, Tom Postmes und Namkje Koudenburg aus dem Jahr 2023. Sie geht davon aus, dass das Gefühl, gehört zu werden, als Grundpfeiler naher Beziehungen und als wichtig für eine gesunde Entwicklung des Selbst gilt. Psychologisch sei es trotzdem kaum untersucht4.

Gehört fühlt sich nach ihrer Bestimmung, wer die eigene Mitteilung mit Aufmerksamkeit, Einfühlung und Respekt aufgenommen erlebt, im Geist gegenseitigen Verstehens. Ihre Skala setzt sich aus fünf Bestandteilen zusammen:

  • Stimme, also die Möglichkeit, das Eigene zu sagen
  • Aufmerksamkeit
  • Empathie
  • Respekt
  • geteilter Grund, das gemeinsame Verständnis

Geprüft wurde sie an zwei Stichproben, 194 Personen aus den Niederlanden und 1.000 aus den USA, die zweite Studie vorab registriert. Unter 15 verglichenen Merkmalen sagte die Skala am stärksten vorher, ob jemand ein zweites Gespräch mit dem Gegenüber vermeiden wollte4. Gemessen wird dabei das Erleben eines einzelnen Gesprächs. Über Kränkungen, die Jahre zurückliegen, sagt die Skala nichts.

Der ältere und allgemeinere Zugang ist das Sociometer-Modell. Mark Leary und Kolleg:innen legen es in fünf Experimentalstudien vor. Der momentane Selbstwert (der Zustand, nicht das stabile Selbstbild) wirkt darin als innerer Anzeiger dafür, wie stark eine Person von anderen eingeschlossen oder ausgeschlossen wird. Das Motiv, den Selbstwert zu erhalten, schützt in dieser Deutung die Person vor Zurückweisung und Ausschluss5.

Damit dreht das Modell die Frage um. Der Selbstwert ist darin kein eigenständiges Bedürfnis, er ist ein Messfühler für die Zugehörigkeit. Wer sich nach einem übergangenen Gespräch schlechter fühlt, zeigt in dieser Lesart keinen Charakterfehler. Dann tut ein Anzeigegerät, wofür es da ist.

Bestätigt die Psychologie, was Honneth und Taylor sagen?

Nein, und sie versucht es auch nicht. Die beiden hier referierten psychologischen Arbeiten berufen sich an keiner Stelle auf Honneth oder Taylor und prüfen deren Thesen nicht4, 5. Dabei hatte Honneth den Anschluss selbst im Blick. Seine Theorie der drei Sphären sollte sich an die Befunde der empirischen Fächer anschließen lassen2. Die Arbeiten zum Gehörtwerden und zum Selbstwert kommen von der anderen Seite und treffen sich mit ihm nicht.

Ein Satz wie „die Forschung bestätigt, dass Anerkennung ein Grundbedürfnis ist“ klingt deshalb stärker als seine Teile und ist trotzdem falsch. Die Philosophie begründet einen Anspruch und misst nichts. Die Psychologie misst Gesprächserleben und Ausschlusssignale in unmittelbaren Situationen und begründet keinen Anspruch.

Was sich sagen lässt, ist bescheidener und hält. Es gibt eine ausgearbeitete normative Begründung dafür, warum Nichtanerkennung mehr ist als eine Kränkung. Und es gibt, davon unabhängig, Messungen, nach denen sich Ausschluss und fehlendes Gehör bemerkbar machen, im Selbstwert und im Wunsch, einem Gespräch auszuweichen. Zwei Antworten nebeneinander sind hier mehr wert als eine, die beides verschmilzt.

Wenn das Übergangenwerden die eigene Lage schwer macht, hilft ein Gespräch mit einer Fachperson mehr als eine Unterscheidung zweier Fächer.

Vertiefung: drei Sphären, fünf Experimente und die Linie dazwischen

Wie Honneths Anerkennungstheorie aufgebaut ist. In Honneths Theorie gehört zu jeder Anerkennungssphäre, also zu Liebe, Recht und Solidarität, eine Form des praktischen Selbstverhältnisses, nämlich das Grundvertrauen in sich selbst, die Selbstachtung und die Selbstschätzung. Die drei Formen der Missachtung sind deren Negative und keine eigene Liste. Sie stehen im selben Werk in einer Übersicht nebeneinander2. Entwickelt ist das Ganze über Lektüren von Hegel und Mead. So beschreibt es die Einleitung des Übersetzers3, die zugleich die deutschen Fachbegriffe nennt.

Woher die Verletzbarkeit kommt, von der die Theorie ausgeht. Honneth leitet sie aus einer Abhängigkeit her. Individualisierung und Anerkennung hängen bei ihm innerlich zusammen, und das normative Selbstbild eines Menschen hängt an fortlaufender Bestätigung durch andere. Wer in diesem Verhältnis steht, ist dadurch angreifbar. Missachtung ist in dieser Theorie deshalb eine breite Kategorie, die von Erniedrigung und Beleidigung bis zu körperlicher Misshandlung reicht2. Mit einem Verstoß gegen Umgangsformen hat sie wenig zu tun.

Eine Folgerung, die so nicht bei Honneth steht, aber aus seiner Dreiteilung naheliegt: Anerkennung in diesem Sinn ist nicht dasselbe wie Lob oder Zustimmung. Man kann jemandem widersprechen und ihn dabei als Person mit eigenem Anspruch behandeln. Man kann ihm aber auch zustimmen, ohne es zu tun.

Warum diese Seite Honneth nicht wörtlich zitiert. Für die Prüfung lag nur eine Kopie der englischen Übersetzung vor, deren Herkunft nicht geklärt werden konnte. Eine unabhängige Sekundärquelle zitiert einen der Kernsätze mit derselben Seitenangabe. Das plausibilisiert den Inhalt, verifiziert ihn aber nicht über einen einwandfreien Weg. Eine Zusammenfassung ist damit vertretbar, ein Zitat nicht. Der deutsche Originalwortlaut (Kampf um Anerkennung, Suhrkamp 1992) lag ebenfalls nicht vor. Die deutschen Fachbegriffe auf dieser Seite sind deshalb die, die der englische Übersetzer in seiner Einleitung angibt3.

Welche Taylor-Ausgabe gemeint ist. Geprüft wurde die Erstausgabe von 1992, in der Taylors Essay auf den Seiten 25–73 steht. Die These zu Identität und Anerkennung liegt dort auf S. 25–26, die dialogische Passage auf S. 32–33. Die erweiterte Ausgabe von 1994 hat eine abweichende Paginierung. Wer die Stelle nachschlägt und eine andere Seitenzahl findet, hat die andere Ausgabe in der Hand1.

Was das Sociometer-Modell genau behauptet, und was nicht. Es ist eine Aussage über eine Funktion, den Selbstwert als Anzeiger des eigenen Einschlussstatus. Gemessen wurde in fünf Experimenten an unmittelbaren sozialen Situationen wie Zugehörigkeit, Ablehnung und Ausschluss5. Über eine Lebensgeschichte, über zurückliegende Gespräche oder über eine Erzählung, die nie zurückkommt, sagt es nichts. Wer es auf solche Fälle überträgt, benutzt eine Mechanik als Analogie. Das kann erhellend sein, ist aber kein Befund über den übertragenen Fall.

Warum eine Korrelation Honneth nicht widerlegen kann. Eine normative Aussage (Anerkennung steht jemandem zu) lässt sich durch eine Messung weder bestätigen noch widerlegen. Was Messungen zeigen können, ist, dass Nichtanerkennung Folgen hat, die sich beobachten lassen. Ob sie Unrecht ist, bleibt eine andere Frage, und sie wird in einem anderen Fach gestellt.

Was zu dieser Frage offen ist. Für die engere Lage, in der eine erzählte Lebensgeschichte übergeben wurde und nicht zurückkommt, wurde keine eigene Untersuchung gefunden, weder eine philosophische Behandlung dieses Sonderfalls noch eine empirische. Er bleibt damit ein Fall für die Anwendung zweier allgemeinerer Antworten.


Wenn Sie sich fragen, was von Ihrer eigenen Geschichte bisher überhaupt einmal ausgesprochen wurde: Der Selbstauskunftsbogen stellt Fragen, bewertet nichts und behält nichts.

  1. Taylor, C. (1992). The Politics of Recognition. In: A. Gutmann (Hg.), Multiculturalism and „The Politics of Recognition“. Princeton University Press, S. 25–73; die These zu Identität und Anerkennung auf S. 25–26, die dialogische Passage auf S. 32–33. Normativ-philosophischer Essay, kein empirischer Befund. Die Stelle von S. 25–26 gibt der Überblick Erzählen und Begehren ausführlicher in indirekter Rede wieder. Die deutsche Wiedergabe ist eine eigene Übersetzung; die erweiterte Ausgabe von 1994 hat eine abweichende Paginierung.
  2. Honneth, A. (1995). The Struggle for Recognition: The Moral Grammar of Social Conflicts, übers. von J. Anderson. Polity Press / MIT Press; Kapitel „Love, Rights, and Solidarity“, S. 92–130, darin der Programmsatz zu den Einzelwissenschaften S. 95 und die Übersicht der Anerkennungsverhältnisse S. 129–130; Kapitel „Personal Identity and Disrespect“ ab S. 131. Normativ-philosophische Theorie, kein empirischer Befund. Zwei Vorbehalte: Geprüft wurde ausschließlich die englische Übersetzung; das deutsche Original (Kampf um Anerkennung, Suhrkamp 1992) lag nicht vor. Und die für die Prüfung verfügbare Kopie stammt aus einem Upload ungeklärter Herkunft. Deshalb steht hier keine wörtliche Übernahme, nur eine Zusammenfassung.
  3. Anderson, J. (1995). Translator's Introduction zu Axel Honneth, The Struggle for Recognition. Eigene Homepage des Übersetzers, Universität Utrecht; Abschnitte „Love and Self-Confidence“ / „Rights and Self-Respect“ / „Solidarity and Self-Esteem“. Quelle der deutschen Fachbegriffe (Mißachtung, Selbstvertrauen, Selbstachtung, Selbstschätzung). Die HTML-Fassung trägt keine Seitenzahlen; es sind die Begriffe des Übersetzers, nicht am deutschen Originaltext geprüft.
  4. Roos, C. A., Postmes, T., & Koudenburg, N. (2023). Feeling heard: Operationalizing a key concept for social relations. PLOS ONE 18(11), e0292865; Ausgangsbefund in Abstract und Einleitung, Bestimmung des Begriffs im Abschnitt „A definition of feeling heard and an operational model“, Vorhersagekraft im Ergebnisteil. N = 194 (Niederlande) und N = 1.000 (USA, präregistriert). Psychologie, nicht Philosophie: Die Arbeit beruft sich an keiner Stelle auf Honneth oder Taylor. Gemessen wird das Erleben eines konkreten Gesprächs. Die deutsche Wiedergabe ist eine eigene Übersetzung.
  5. Leary, M. R., Tambor, E. S., Terdal, S. K., & Downs, D. L. (1995). Self-Esteem as an Interpersonal Monitor: The Sociometer Hypothesis. Journal of Personality and Social Psychology 68(3), S. 518–530; Theorieteil S. 518–520, fünf Studien ab S. 520. Misst Ein- und Ausschlusssignale in unmittelbaren sozialen Situationen. Vorbehalt: Gelesen wurde eine Kopie mit vollständigem Verlagssatz aus einer Kursmaterial-Ablage, kein institutionelles Repositorium; die bibliografischen Angaben sind unabhängig bestätigt.