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Normalität und Scham

Asexualität: Was sie ist – und was sie nicht ist

Asexualität bezeichnet das Fehlen sexueller Anziehung zu anderen Menschen — nicht das Fehlen von Verlangen, sexueller Aktivität oder Bindungsfähigkeit. Die Forschung führt sie als eigenständige sexuelle Orientierung, nicht als Störung: Das DSM-5 nimmt Asexualität ausdrücklich von den Diagnosen sexueller Appetenzstörungen aus, solange kein Leidensdruck besteht. Sie betrifft schätzungsweise ein Prozent der Bevölkerung.

„Ich habe kein Verlangen" und „ich empfinde keine Anziehung" klingen ähnlich und meinen in der Forschung etwas Verschiedenes. Diese Unterscheidung ist der Ausgangspunkt für so gut wie alles, was zu Asexualität bekannt ist.

Was unterscheidet Asexualität von fehlendem Verlangen?

Asexualität ist über das Fehlen sexueller Anziehung zu anderen Menschen definiert — nicht über das Fehlen von Verlangen (Libido) oder von sexuellem Verhalten. Eine Studie an 1.099 Menschen aus dem Ace-Spektrum fand: Alle untersuchten Gruppen hatten bereits sexuelle Verhaltensweisen gezeigt, die sie selbst als „Sex" definierten1. Asexualität bedeutet also nicht Enthaltung. Eine Erhebung an 1.072 italienischen Freiwilligen bestätigt das aus einer anderen Richtung: Bei Masturbation und Pornokonsum zeigten sich keine Unterschiede zwischen asexuellen, demisexuellen und gray-asexuellen Personen — Solo-Sexualität ist im Ace-Spektrum verbreitet2. Verlangen und Anziehung sind demnach zwei trennbare Systeme, nicht zwei Namen für dasselbe.

Wie groß ist das asexuelle Spektrum?

Größer als eine einzelne Kategorie. Neben „asexuell" (keine sexuelle Anziehung) unterscheidet die Forschung gray-asexuell (selten sexuelle Anziehung), demisexuell (Anziehung nur nach emotionaler Bindung) und questioning (im Erkundungsprozess)1. Eine Erhebung an 14.694 Teilnehmenden der Ace Community Survey ordnet diese Gruppen ein: 67,3 Prozent identifizierten sich als asexuell, 8,8 Prozent als demisexuell, 10,5 Prozent als gray-asexuell, 11,2 Prozent als questioning3. Dieselbe Erhebung zeigt eine enge Kopplung zwischen sexueller und romantischer Identität innerhalb des Spektrums: Asexuelle Personen sind darin am ehesten auch aromantisch, demisexuelle am ehesten demiromantisch3 — aber, und das ist der Punkt, keineswegs alle.

Ist Asexualität eine Diagnose oder eine Orientierung?

Eine Orientierung. Ein Übersichtsartikel von 2017 argumentiert, Asexualität erfülle die Kriterien einer sexuellen Orientierung — frühes Auftreten, über die Zeit stabiler Verlauf, nicht durch Therapie veränderbar — und sei weder Paraphilie noch sexuelle Dysfunktion4. Das DSM-5 zieht daraus eine praktische Konsequenz: Es schließt Personen, die sich selbst als asexuell identifizieren, ausdrücklich von den Diagnosen weiblicher Interesse-/Erregungsstörung und männlicher Störung mit verminderter sexueller Appetenz aus5. Ein systematischer Review von 2021 findet zudem große Heterogenität innerhalb der asexuellen Bevölkerung, aber keinen Beleg dafür, dass Asexualität selbst mit gestörter sexueller Funktion einhergeht6 — die Unterscheidung zwischen Asexualität als Orientierung und einer Appetenzstörung als klinischem Symptom ist damit auch empirisch getragen, nicht nur definitorisch behauptet — dieselbe Logik, mit der die Diagnosesysteme auch sonst zwischen einer Vorliebe und einer Störung unterscheiden: nicht am Inhalt, sondern an Leidensdruck und Beeinträchtigung.

Wie verbreitet ist Asexualität?

Anthony Bogaert schätzte 2004 anhand einer britischen Wahrscheinlichkeitsstichprobe mit über 18.000 Befragten einen Anteil von rund einem Prozent, der keine sexuelle Anziehung berichtet7. Dieselbe Untersuchung fand bei asexuellen Befragten schlechtere Gesundheitsindikatoren und einen niedrigeren Sozialstatus. Ob das an der Asexualität selbst liegt oder — ähnlich dem Muster, wonach Unterdrückung häufiger schadet als die Vorliebe selbst — an Stigmatisierung und mangelnder Anerkennung, lässt diese eine Studie offen.

Was bedeutet das für Nähe und Beziehungen?

Unterschiedliches, je nach romantischer Orientierung. Eine Untersuchung an 321 asexuellen Personen in polyamoren Beziehungen fand, dass aromantische und romantische asexuelle Personen deutlich unterschiedliche Beziehungsmuster leben8 — Asexualität sagt für sich genommen wenig darüber aus, ob und wie jemand Partnerschaften führt. Wie asexuelle Menschen im Einzelnen emotionale Nähe ohne sexuelle Erwartung aushandeln, ist ein eigenes Forschungsfeld; eine dazu häufig zitierte Arbeit ließ sich für diese Seite bibliografisch nicht ausreichend absichern und wird deshalb hier nicht wiedergegeben — siehe die Anmerkung im Quellenverzeichnis.

Woher kommt die Ace-Community, und was leisten ihre eigenen Umfragen?

Die 2001 gegründete Plattform AVEN ist die größte Anlaufstelle für asexuelle Selbstorganisation, die jährliche Ace Community Survey die größte community-eigene Erhebung9, 10. Beide sind wichtige Belege dafür, dass es eine große, selbstorganisierte Gruppe mit einer eigenen Begriffssprache gibt — sie sind aber keine wissenschaftlichen Prävalenzstudien. Ohne Peer Review und ohne Zufallsstichprobe lassen sich aus ihnen Anteile innerhalb der Community ablesen, keine verlässlichen Aussagen über die Häufigkeit in der Gesamtbevölkerung.

Vertiefung — Das Spektrum im Detail und was community-basierte Zahlen tragen

Was community-eigene Erhebungen zeigen und was nicht. Die Ace Community Survey erreicht Menschen, die sich bereits als Teil der Ace-Community verstehen und aktiv an einer solchen Befragung teilnehmen. Das ist wertvoll für die Selbstbeschreibung der Community — welche Begriffe sie verwendet, wie sich Untergruppen zueinander verhalten —, aber es ist eine andere Erhebungslogik als eine Zufallsstichprobe an der Gesamtbevölkerung wie bei Bogaert (2004). Beide Quellenarten beantworten unterschiedliche Fragen und dürfen nicht gegeneinander ausgetauscht werden.

Drei verbreitete Fehlannahmen, die die Forschung nicht stützt. Erstens: „Asexuelle Menschen haben nie Sex" — falsch, siehe oben zu sexuellem Verhalten im Ace-Spektrum. Zweitens: „Asexualität ist immer lebenslang festgelegt" — nicht alle Betroffenen berichten einen gleichbleibenden Verlauf, manche beschreiben ihn als fließend. Drittens: „Asexuelle Menschen sind automatisch auch aromantisch" — die Erhebung an 14.694 Personen zeigt eine große Vielfalt romantischer Orientierungen gerade innerhalb des asexuellen Teils des Spektrums3.

Was diese Seite bewusst nicht behauptet. Eine häufig zitierte Arbeit zu Intimität und Beziehungsverhandlung bei asexuellen Personen wurde für dieses Projekt geprüft und konnte bibliografisch nicht ausreichend abgesichert werden — die zugrunde liegende Quellenangabe war nicht vollständig verifizierbar und hat keinen Eintrag im hier verwendeten Quellenverzeichnis. Eine daraus abgeleitete Aussage steht deshalb hier nicht, obwohl sie in anderen Darstellungen zu diesem Thema kursiert. Ebenfalls nicht behandelt: der Zusammenhang zwischen bestimmten Medikamenten (etwa Antidepressiva) und vorübergehend verändertem sexuellem Verlangen — das ist eine wichtige Abgrenzungsfrage in der klinischen Praxis, aber eine ärztliche und keine, die sich hier ohne geprüfte Primärstudien seriös beantworten lässt.


Wer die eigene sexuelle Landkarte — Verlangen, Anziehung, was davon zu wem gehört — genauer sortieren möchte, findet im Selbstauskunftsbogen einen anonymen Ausgangspunkt. Die ausführlichere Einordnung, wie die drei Linien des Verlangens zusammenhängen, steht im Buch.

  1. Hille, J. J., Simmons, M. K., & Sanders, S. A. (2020). „Sex" and the Ace Spectrum: Definitions of Sex, Behavioral Histories, and Future Interest for Individuals Who Identify as Asexual, Graysexual, or Demisexual. The Journal of Sex Research 57(7), S. 813–823. — N = 1.099.
  2. Nimbi, F. M., Appia, C., Tanzilli, A., Giovanardi, G., & Lingiardi, V. (2024). Deepening Sexual Desire and Erotic Fantasies Research in the ACE Spectrum. Archives of Sexual Behavior. — N = 1.072 italienische Freiwillige.
  3. Copulsky, D., & Hammack, P. L. (2023). Asexuality, Graysexuality, and Demisexuality: Distinctions in Desire, Behavior, and Identity. The Journal of Sex Research 60(2), S. 221–230. — N = 14.694, Ace Community Survey.
  4. Brotto, L. A., & Yule, M. A. (2017). Asexuality: Sexual Orientation, Paraphilia, Sexual Dysfunction, or None of the Above? Archives of Sexual Behavior 46, S. 619–627.
  5. American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Aufl. American Psychiatric Publishing, Arlington. — Kapitel „Sexual Dysfunctions", Ausschlusskriterium für selbstidentifizierte asexuelle Personen. Sachliche Kurzfassung, keine wörtliche Übernahme.
  6. de Oliveira, L., Carvalho, J., Sarıkaya, S., Urkmez, A., Salonia, A., & Russo, G. I. (2021). Patterns of Sexual Behavior and Psychological Processes in Asexual Persons: A Systematic Review. International Journal of Impotence Research 33, S. 641–651.
  7. Bogaert, A. F. (2004). Asexuality: Prevalence and Associated Factors in a National Probability Sample. The Journal of Sex Research 41(3), S. 279–287. — N > 18.000, britische Wahrscheinlichkeitsstichprobe. Vorbehalt: Ob schlechtere Gesundheitsindikatoren bei asexuellen Befragten auf die Asexualität selbst oder auf Stigmatisierung zurückgehen, ist mit dieser Studie nicht zu klären.
  8. Carvalho, J., & Rodrigues, D. L. (2022). Sexuality, Sexual Behavior, and Relationships of Asexual Individuals: Differences Between Aromantic and Romantic Orientation. Archives of Sexual Behavior 51, S. 2159–2168. — N = 321.
  9. Asexual Visibility and Education Network (2001–). AVEN, asexuality.org. — Vorbehalt: Community-Plattform ohne Peer Review. Nur als Beleg für Existenz und Selbstbeschreibung der Community zitiert, nicht als Prävalenzstudie.
  10. Ace Community Survey Team (2020). Ace Community Survey, acecommunitysurvey.org. — Vorbehalt: jährliche Community-Umfrage ohne Peer Review und ohne Zufallsstichprobe. Nur als Beleg für Anteile und Selbstbeschreibung innerhalb der Community zitiert, nicht als Prävalenzstudie für die Gesamtbevölkerung. Autorenangabe nicht abschließend verifiziert.

Bewusst nicht verwendet: eine häufiger zitierte qualitative Arbeit zur Intimitätsverhandlung asexueller Personen. Die dazu vorliegende Notiz konnte keine verifizierbare Fundstelle (Jahrgang, Heft, DOI) beibringen; der Titel hat keinen Eintrag in der hier verwendeten Bibliografie. Statt die Aussage ungeprüft zu übernehmen, steht sie hier als offene Lücke.