Die Standuhr, die nachgeht
Wo das Begehren anfängt
Die Standuhr in Mara Behrens' Praxis geht zwei Minuten nach.
Sie hat sie nie richten lassen.
Der Raum liegt im ersten Stock eines Altbaus, drei Fenster nach Norden, zwei Sessel, kein Schreibtisch dazwischen. Auf dem niedrigen Tisch steht eine Schachtel Papiertaschentücher, auf die Mara nie zeigt. Wer sie braucht, findet sie. Das Hinschieben macht aus dem Weinen ein Ereignis, und Ereignisse sind das Gegenteil von dem, was hier gebraucht wird.
Es ist die dritte Sitzung an diesem Vormittag. Die erste war ein Mann, der seit einem Jahr nicht mehr kann und es seiner Frau nicht sagt. Die zweite eine Studentin, die alles kann und nichts dabei spürt. Zwischen beiden hat Mara das Fenster geöffnet, zwei Minuten gelüftet, es wieder bis auf den Spalt geschlossen. Sie tut das seit elf Jahren. Es ist kein Aberglaube, sie glaubt an nichts dergleichen. Es ist ein Schnitt. Was im Raum war, geht hinaus, bevor der Nächste kommt.
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Für erwachsene Leserinnen und Leser. Enthält Darstellungen einvernehmlicher Sexualität.