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title: "Konditionierung und sexuelle Vorlieben: die Grenzen | Schatten der Psyche"
description: "Ein neutraler Reiz kann durch Kopplung mit Erregung selbst erregend werden, zeigte Rachmans Experiment 1966. Warum das den Einzelfall trotzdem nicht erklärt."
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Wie Begehren entsteht

# Wie Konditionierung eine sexuelle Vorliebe formen kann und wo das Modell endet

![Sich wiederholende Kreise auf dem Wasser, unterbrochen von einer unbeweglichen Steinsäule.](https://schatten-der-psyche.de/_ipx/f_webp&q_82&s_1440x810/images/c-05-konditionierung.jpg)

Ja, aber nur teilweise: Klassische Konditionierung kann eine sexuelle Reaktion an einen zuvor neutralen Reiz koppeln. Ein Experiment von Stanley Rachman zeigte das 1966 an drei Versuchspersonen<sup>1</sup>. Das Modell erklärt, dass eine solche Kopplung entstehen kann, nicht aber, warum ausgerechnet dieser eine Reiz wirkt und nicht die vielen anderen, die im selben Moment ebenfalls anwesend waren.

Wenn Sie sich fragen, ob Sie sich eine Vorliebe „antrainiert“ haben (durch einen Zufall, eine Situation, eine Wiederholung), ist Konditionierung das Wort, auf das Sie stoßen. Es ist auch das älteste Modell für die Entstehung sexueller Vorlieben, und es ist tatsächlich das am besten geprüfte. Was es trägt und was nicht, lässt sich inzwischen recht genau sagen.

Vorab die Einordnung, die bei diesem Thema immer dazugehört: Eine sexuelle Vorliebe ist keine Diagnose. Die klinische Kategorie heißt fetischistische Störung und verlangt zusätzlich erheblichen Leidensdruck oder eine Beeinträchtigung<sup>2</sup>. Dieser Artikel handelt von einem Mechanismus, nicht von einem Krankheitsbild.

## Was meint sexuelle Konditionierung genau?

Den Begriff „Fétichisme“ prägte 1887 der französische Psychologe Alfred Binet für die Sexualwissenschaft. Seine Erklärung war denkbar einfach: Ein an sich neutraler Gegenstand fällt zeitlich mit sexueller Erregung zusammen und bleibt danach mit ihr verknüpft, eine zufällige Paarung, keine Wahl<sup>3</sup>. Binet unterschied dabei bereits einen „petit fétichisme“, den er für eine normale Vorliebe für Details hielt, von einem „grand fétichisme“, bei dem ein einzelnes Detail alle anderen Aspekte verdrängt.

Das ist eine Theorie, keine Beobachtung. Getestet wurde sie fast achtzig Jahre später.

## Was hat Rachmans Experiment 1966 tatsächlich gezeigt?

Stanley Rachman zeigte drei männlichen Versuchspersonen wiederholt das Bild eines Stiefelpaars, unmittelbar bevor er ihnen erregende Aktaufnahmen zeigte. Nach 30, 65 beziehungsweise 24 Durchgängen reagierten alle drei bereits auf das Stiefelbild allein mit einer messbaren sexuellen Reaktion, ein klassisches Konditionierungsschema, aus der Lernpsychologie auf sexuelle Erregung übertragen<sup>1</sup>. Rachman zeigte in derselben Versuchsreihe auch, dass sich die Reaktion wieder löschen ließ, wenn der Stiefel danach wiederholt allein gezeigt wurde, und dass sie nach einer Pause teilweise von selbst zurückkehrte, beides Kennzeichen, die man von klassischer Konditionierung erwartet und die dafür sprechen, dass hier tatsächlich derselbe Lernmechanismus am Werk war wie in anderen Bereichen des Verhaltens.

Eine Replikation von 1968 wiederholte den Versuch und kontrollierte zusätzlich dafür, dass die Reaktion nicht einfach durch wiederholte Reizdarbietung allein entsteht (Pseudokonditionierung), sondern tatsächlich an die Kopplung mit dem erregenden Reiz gebunden ist<sup>4</sup>.

Das ist ein Machbarkeitsnachweis: Er zeigt, dass sich eine solche Kopplung im Labor herstellen lässt. Er zeigt nicht, dass sexuelle Vorlieben im Leben so entstehen, und schon gar nicht, dass sie ausschließlich so entstehen.

## Welche Rolle spielt wiederholte Fantasie?

Eine Ergänzung zum reinen Reiz-Reaktions-Modell kam aus der klinischen Beobachtung: Das ursprüngliche Erlebnis muss gar nicht besonders erregend gewesen sein. Die Erregung kann sich erst über viele Wiederholungen der Erinnerung daran aufbauen, etwa im Zuge wiederholter Masturbation zu derselben Fantasie<sup>5</sup>. Das verschiebt die Erklärung von einem einzelnen Schlüsselmoment hin zu einem Prozess, der sich über Zeit selbst verstärkt, und es macht die Suche nach „dem einen Erlebnis“, das eine Vorliebe angeblich auslöst, von vornherein aussichtslos: Es muss keines gegeben haben.

## Ist das dasselbe wie Prägung?

Nein, und die Verwechslung ist verbreitet, weil beide Wörter im Alltag ähnlich benutzt werden. Prägung im engeren, ethologischen Sinn bezeichnet eine Festlegung innerhalb eines biologisch vorgegebenen, meist sehr frühen Zeitfensters, wie sie klassisch bei Tieren beschrieben ist. Konditionierung dagegen ist ein allgemeiner Lernmechanismus, der lebenslang möglich bleibt und keine feste Frist kennt. Für eine Prägung sexueller Vorlieben beim Menschen im ethologischen Sinn ließ sich in diesem Projekt keine peer-reviewte Primärstudie finden. Die Behauptung kursiert, weil sie wissenschaftlich klingt, nicht weil sie belegt ist. Was stattdessen an Grenzen des Konditionierungsmodells insgesamt offen ist, zeigt der Vergleich der [vier Erklärungsmodelle](https://schatten-der-psyche.de/wie-begehren-entsteht) ausführlicher.

## Wie belastbar ist die Forschung beim Menschen insgesamt?

Dünner, als die Klarheit des Rachman-Experiments vermuten lässt. Ein Überblicksartikel von 2004 hält ausdrücklich fest, dass die Verhaltenstherapie-Literatur reich an Fallberichten ist, während die kontrollierte empirische Forschung am Menschen begrenzt und methodisch anfällig bleibt<sup>6</sup>. Robuster sind die Befunde aus der Tierforschung, mit dem bekannten Problem, dass sich tierisches Lernverhalten nicht ohne Weiteres auf menschliches Erleben übertragen lässt.

Eine experimentelle Studie von 2004 hat Konditionierungseffekte direkt an Frauen und Männern untersucht und fand sie bei beiden Geschlechtern nachweisbar, aber deutlich weniger robust als in den Tierversuchen<sup>7</sup>.

## Wo hört das Modell als Erklärung auf?

An genau der Stelle, an der die Frage vom Allgemeinen zum Einzelfall wechselt. Konditionierung erklärt, **dass** eine Kopplung zwischen einem Reiz und sexueller Erregung entstehen kann. Sie erklärt nicht, warum bei einem bestimmten Menschen ausgerechnet dieser eine Reiz gekoppelt wurde und nicht die unzähligen anderen Reize, die im selben Moment ebenfalls anwesend waren: ein Geruch, ein Geräusch, ein anderes Kleidungsstück. Als vollständige Erklärung trägt das Modell deshalb nicht; moderne Darstellungen führen Konditionierung als einen von mehreren möglichen Faktoren in einem größeren Zusammenspiel, nicht als alleinige Ursache.

<details>

<summary>Vertiefung: Methodik, Reichweite und die Verwechslung mit Prägung</summary>



**Was das Rachman-Experiment methodisch nicht leisten kann.** Drei Versuchspersonen, alle männlich, ein einziger Reiztyp, gemessen wurde eine periphere körperliche Reaktion, keine subjektive Bewertung<sup><a href="#quellen">1</a></sup>. Eine Stichprobe dieser Größe erlaubt keine Aussage darüber, wie häufig ein solcher Mechanismus außerhalb des Labors tatsächlich zum Tragen kommt. Ob eine gemessene körperliche Reaktion überhaupt dasselbe ist wie das, was jemand subjektiv als Erregung oder Verlangen erlebt, ist eine eigene Frage: dazu mehr im Artikel über <a href="https://schatten-der-psyche.de/wie-begehren-entsteht/erregung-und-verlangen">Erregung und Verlangen</a>.

**Warum die Fallberichte der klinischen Literatur nicht dasselbe Gewicht haben wie ein Experiment.** Ein Fallbericht beschreibt, dass jemand eine bestimmte Lerngeschichte erinnert und schildert. Er zeigt nicht, dass diese Geschichte die tatsächliche Ursache ist. Erinnerungen an die eigene Vergangenheit werden im Nachhinein geordnet, und eine plausible Geschichte ist nicht automatisch eine zutreffende. Das ist der Grund, warum Akins 2004 kontrollierte Experimente höher gewichtet als die zahlenmäßig viel umfangreichere Fallliteratur<sup><a href="#quellen">6</a></sup>.

**Was dieser Artikel nicht behauptet.** Er behauptet nicht, dass Konditionierung unwichtig sei. Das Gegenteil ist der Fall, es ist das am besten experimentell abgesicherte der vier Erklärungsmodelle, die der Überblick nebeneinanderstellt. Er behauptet nur, dass sie allein nicht ausreicht, um zu erklären, warum ein bestimmter Mensch eine bestimmte Vorliebe entwickelt. Die drei anderen Modelle setzen an derselben Lücke an, aus verschiedenen Richtungen: Übergangsobjekt, Bindung, Kulturgeschichte des Begriffs.

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1. Rachman, S. (1966). Sexual Fetishism: An Experimental Analogue. *The Psychological Record* 16, S. 293–296. Drei Versuchspersonen; Kriterium fünf aufeinanderfolgender Reaktionen erreicht nach 30, 65 und 24 Durchgängen; Extinktion und teilweise Spontanerholung im selben Versuch dokumentiert.
2. American Psychiatric Association (2013). *Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders*, 5. Aufl. American Psychiatric Publishing, Arlington. Kapitel „Paraphilic Disorders“: Kriterium B (klinisch bedeutsamer Leidensdruck oder Beeinträchtigung) trennt eine Vorliebe von einer Störung.
3. Binet, A. (1887). Le fétichisme dans l'amour. *Revue Philosophique* 24, S. 143–167 und 252–274. Einführung des Begriffs für die Sexualwissenschaft; Erklärung über zufällige Verknüpfung; Unterscheidung „petit“/„grand fétichisme“. Bibliografisch verifiziert; Thesen über Sekundärliteratur bestätigt, Originaltext nicht vollständig eingesehen.
4. Rachman, S., &amp; Hodgson, R. J. (1968). Experimentally-Induced „Sexual Fetishism“: Replication and Development. *The Psychological Record* 18, S. 25–27. Replikation mit Kontrolle für Pseudokonditionierung.
5. McGuire, R. J., Carlisle, J. M., &amp; Young, B. G. Sexual Deviations as Conditioned Behaviour. *Behaviour Research and Therapy* 2(2–4), S. 185–190. Rolle wiederholter Masturbationsfantasie beim Aufbau der Erregung. **Vorbehalt zur Jahreszahl:** teils 1964, teils 1965 zitiert; die DOI-Zuordnung spricht für 1964, die verbreitete Zitierpraxis für 1965. Das Original wurde nicht eingesehen, deshalb steht hier bewusst keine Jahreszahl im Fließtext.
6. Akins, C. K. (2004). The Role of Pavlovian Conditioning in Sexual Behavior: A Comparative Analysis of Human and Nonhuman Animals. *International Journal of Comparative Psychology* 17(2), S. 241–262. Überblick; menschliche empirische Forschung limitiert und methodisch anfällig, robustere Befunde aus der Tierforschung.
7. Hoffmann, H., Janssen, E., &amp; Turner, S. L. (2004). Classical Conditioning of Sexual Arousal in Women and Men: Effects of Varying Awareness and Biological Relevance of the Conditioned Stimulus. *Archives of Sexual Behavior* 33(1), S. 43–53. Konditionierungseffekte bei Frauen und Männern nachweisbar, weniger robust als bei Tieren.

</details>

Wie sich eine bestehende Vorliebe von einer diagnostizierbaren Störung unterscheidet, klärt [Fetisch, Vorliebe, Störung](https://schatten-der-psyche.de/wie-begehren-entsteht/fetisch-vorliebe-stoerung). Wer wissen möchte, welche der drei im Buch beschriebenen Linien des Verlangens bei ihr oder ihm die tragende ist, findet im [Selbstauskunftsbogen](https://schatten-der-psyche.de/selbsttest) einen zwölfminütigen Einstieg, ohne Diagnose und ohne gespeicherte Antworten.

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