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title: "Bindungsstile: Was die Forschung sagt | Schatten der Psyche"
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Bindungsstile

# Bindungsstile: Was die Forschung sagt

![Eine dynamische, in sich verschlungene abstrakte Skulptur aus farbigen Elementen.](https://schatten-der-psyche.de/_ipx/f_webp&q_82&s_1440x810/images/a-00-bindungsstile.jpg)

Bindungsstile beschreiben, wie ein Mensch in engen Beziehungen mit Nähe, Trennung und Verlässlichkeit umgeht. Die Forschung kennt sie heute nicht als vier feste Typen, sondern als Positionen auf zwei Skalen: Bindungsangst und Bindungsvermeidung. Wer die eigene Position kennt, hat damit kein Etikett, sondern eine Beschreibung, und die kann sich verschieben.

Sie kennen Ihren Bindungstyp vermutlich schon. Vielleicht haben Sie einen Test gemacht, vielleicht hat jemand den Begriff in einem Gespräch fallen lassen und er ist hängengeblieben. Und vermutlich hat das Wissen weniger verändert, als Sie gehofft hatten.

Das liegt selten daran, dass die Einteilung falsch wäre. Es liegt daran, dass sie fast überall strenger dargestellt wird, als sie gemeint war.

## Was ist ein Bindungsstil?

Ein Bindungsstil ist die Art, wie ein Mensch Nähe sucht und auf Trennung reagiert. Die Idee dahinter stammt von dem britischen Psychiater John Bowlby. Er beschrieb Bindung als ein eigenständiges, biologisch verankertes Verhaltenssystem mit dem Ziel gefühlter Sicherheit, nicht abgeleitet von Trieb oder Hunger<sup>1</sup>. Zentral ist die Vorstellung einer „sicheren Basis“: Ein Kind unternimmt von ihr aus Erkundungen und kehrt zu ihr zurück, im Vertrauen, dort willkommen zu sein<sup>2</sup>.

Aus wiederholten Erfahrungen in der frühen Kindheit, meist mit den Eltern oder einer anderen engen Bezugsperson, entstehen dabei sogenannte **internale Arbeitsmodelle**: verinnerlichte Erwartungen darüber, ob die eigenen Bedürfnisse nach Nähe verlässlich beantwortet werden<sup>1</sup>. Sie sind der eigentliche Gegenstand der Theorie: nicht ein Charakterzug, sondern eine Erwartung.

## Woher stammt die Einteilung in Stile?

Sie stammt aus einem Versuch mit einjährigen Kindern. Mary Ainsworth prüfte Bowlbys Konzept mit der „Fremden Situation“, einem standardisierten Laborverfahren aus kurzen Trennungen und Wiedervereinigungen. Die Kinder wurden nach ihrem Verhalten **bei der Rückkehr** der Bezugsperson klassifiziert. Ursprünglich unterschied sie drei Bindungsmuster: sicher (Gruppe B), vermeidend (Gruppe A) und ängstlich-ambivalent (Gruppe C)<sup>3</sup>. Die beiden unsicheren Muster heißen auch unsicher-vermeidend und unsicher-ambivalent.

Zwei Dinge gehören zu diesem Befund dazu, und sie fehlen in den meisten Darstellungen. Erstens wurde **Verhalten** gemessen, nicht Gefühl, und schon gar nicht, was ein Mensch *ist*. Die Kategorien sind Befunde eines Verfahrens, keine Wesensaussagen. Zweitens waren es **drei** Muster, nicht vier. Was heute [desorganisierte Bindung](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/desorganisierte-bindung) heißt, gehört nicht in diese Reihe: Mary Main und Judith Solomon beschrieben damit 1986, wie eine vorhandene Strategie unter Belastung zusammenbricht<sup>4</sup>.

## Wie beschreibt die Forschung Bindung bei Erwachsenen?

Nicht mehr über vier Kästen. Die moderne Bindungsforschung arbeitet mit **zwei kontinuierlichen Dimensionen**<sup>5</sup>, auf denen jeder Mensch einen eigenen Wert hat:

- **Bindungsangst**: die Sorge, nicht verlässlich geliebt und gebraucht zu werden.
- **Bindungsvermeidung**: das Bedürfnis, Nähe und Abhängigkeit kleinzuhalten.

Aus der Kombination beider Werte lassen sich vier prototypische Muster ableiten<sup>5</sup>:

| Muster | Bindungsangst | Bindungsvermeidung |
| --- | --- | --- |
| sicher | niedrig | niedrig |
| ängstlich-ambivalent | hoch | niedrig |
| vermeidend | niedrig | hoch |
| ängstlich-vermeidend | hoch | hoch |

Die Tabelle zeigt nur die Eckfälle. Jeder Mensch liegt auf beiden Skalen zugleich irgendwo auf einem Kontinuum, nicht in einer Schublade<sup>5</sup>. Ein „vermeidender“ oder „ängstlicher Bindungsstil“ ist in dieser Sprache ein hoher Wert auf einer der beiden Skalen. Wie sich die vier Prototypen im Einzelnen unterscheiden, zeigt [der Text zu den vier Bindungsstilen](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/die-vier-bindungsstile). Was mit einem hohen Wert auf der Vermeidungsskala gemeint ist und was daraus über einen einzelnen Menschen nicht folgt, behandelt der Beitrag zum [vermeidenden Bindungsstil](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/vermeidender-bindungsstil). Wie sich solche Werte messen lassen und was ein Test dabei leistet, steht bei [was Bindungstests leisten](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/was-bindungstests-leisten).

Der Unterschied zwischen „Typ“ und „Position auf zwei Skalen“ ist kein akademischer. Eine Position kann sich verschieben. Ein Typ nicht.

Ob und wodurch sie sich tatsächlich verschiebt, ist eine eigene Frage. [Ob sich ein Bindungsstil ändern lässt](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/bindungsstil-aendern), untersucht ein eigener Text anhand von Längsschnitt- und Therapiestudien.

## Warum wiederholen sich Beziehungsmuster?

Das ist die Frage, mit der die meisten Menschen auf dieses Thema stoßen, und an dieser Stelle ist Genauigkeit wichtiger als eine griffige Antwort.

Was die Bindungstheorie anbietet, ist ein **Erklärungsmodell**: Internale Arbeitsmodelle sind Erwartungen, und Erwartungen prägen, worauf man achtet und wie man Verhalten deutet. Was sie **nicht** anbietet, ist eine Kausalkette. Ein Schluss von früher Bindung auf spätere Partnerwahl oder auf konkrete sexuelle Vorlieben ist eine Interpretation, kein Befund der hier zitierten Arbeiten.

Ein Bindungsstil ist also weder eine Diagnose noch ein Grund. Er ist eine Beschreibung dessen, was Sie erwarten, wenn Sie jemandem nahekommen.

Manche Wörter, die in schwierigen Beziehungen fallen, klingen dagegen wie ein Urteil über einen Menschen. Was eine [narzisstische Persönlichkeitsstörung](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/narzissmus-erkennen) tatsächlich voraussetzt und warum sie sich an einem Partner nicht ablesen lässt, und was [Gaslighting](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/gaslighting-was-es-wirklich-bedeutet) bezeichnet und wo der Begriff aufhört, beantworten zwei weitere Beiträge.

Ob sichere Bindung auch durchsetzungsfähiger macht, ist schwächer belegt, als es klingt. Was die Forschung dort tatsächlich misst, erklärt [der Artikel zu Bindungssicherheit und Durchsetzungsfähigkeit](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/durchsetzungsfaehigkeit).

## Was hat der Bindungsstil mit Sexualität zu tun?

Beides hängt zusammen, aber nicht als Ursache und Wirkung. Unsichere Bindung beeinflusst nach der vorliegenden Forschung eher sexuelle **Motive** als die sexuelle Präferenz an sich: Vermeidend gebundene Menschen nutzen Sexualität eher, um Intimität zu begrenzen, ängstlich gebundene eher, um Verlustangst zu lindern<sup>6</sup>. Die Befundlage ist korrelativ, und wo Zusammenhänge gefunden werden, warnen die Autor:innen selbst vor Kausalschlüssen. Mehr dazu liefert [der Artikel zu Bindung und Sexualität](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/bindung-und-sexualitaet).

Für einzelne Sexualpraktiken gilt das nicht einmal in dieser abgeschwächten Form. Die Studienlage zu [Bindung und Sexualpraktiken](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/bindung-und-sexualpraktiken) erhebt Zufriedenheit, Häufigkeit und Kommunikation, nicht Vorlieben. Warum es manchen Menschen so viel schwerer fällt, sexuelle Wünsche auszusprechen, behandelt [der Text über sexuelle Wünsche äußern](https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/sexuelle-wuensche-aeussern).

<details>

<summary>Vertiefung: Bowlby, Ainsworth, mit Quellen</summary>



**Zur Datierung der „sicheren Basis“.** Die Formulierung ist eng mit Bowlby verbunden, ihre genaue Verortung ist es nicht: Der bekannteste Wortlaut stammt aus Vorlesungen, die separat als *A Secure Base* (1988) erschienen sind. Ob er in dieser Form bereits in Band 1 der Trilogie (1969) steht, ist ohne Volltextprüfung nicht entschieden. Diese Seite gibt deshalb die Kernaussage sinngemäß wieder und zitiert nicht wörtlich.

**Zur Reichweite der „Fremden Situation“.** Das Verfahren klassifiziert einjährige Kinder anhand ihres Verhaltens in einer Laborsituation. Alles, was darüber hinaus über Erwachsene gesagt wird, stützt sich nicht auf Ainsworth 1978, sondern auf die spätere Erwachsenenbindungsforschung mit eigenen Messinstrumenten<sup><a href="#quellen">5</a></sup>. Wer beides in einem Satz vermischt (und das geschieht in populären Darstellungen fast durchgehend), überträgt die Autorität eines Kinderexperiments auf Aussagen über Erwachsene, für die es nicht gemacht wurde.

**Zu den Messverfahren.** Selbstauskunftsverfahren und das Adult Attachment Interview überschneiden sich empirisch kaum. Was jedes der beiden misst und was daraus folgt, steht im Text darüber, <a href="https://schatten-der-psyche.de/bindungsstile/was-bindungstests-leisten">was Bindungstests leisten</a>.

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1. Bowlby, J. (1969). *Attachment and Loss*, Vol. 1: Attachment. Bindungssystem und internale Arbeitsmodelle. Kernkonzept über Sekundärliteratur verifiziert; exakte Seitenangabe im Original nicht eingesehen.
2. Bowlby, J.: Konzept der „sicheren Basis“. **Zuordnung ungeklärt:** Der geläufige Wortlaut stammt aus *A Secure Base* (1988); ob er in dieser Form bereits in *Attachment and Loss* Vol. 1 (1969) steht, ist nicht volltextlich geprüft. Deshalb hier nur sinngemäß wiedergegeben.
3. Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., &amp; Wall, S. (1978). *Patterns of Attachment.* Drei Muster (Gruppen A, B, C), klassifiziert nach dem Verhalten in den Wiedervereinigungsepisoden.
4. Main, M., &amp; Solomon, J. (1986). Discovery of an Insecure-Disorganized/Disoriented Attachment Pattern. In: T. B. Brazelton &amp; M. W. Yogman (Hrsg.), *Affective Development in Infancy*, S. 95–124. Norwood, NJ: Ablex. Beschreibung der desorganisierten Bindung als Zusammenbruch einer Strategie, nicht Teil von Ainsworth 1978. **Vorbehalt:** kein Volltext eingesehen; bibliografisch gegen mehrere unabhängige Nachweise gesichert, Kernaussage über eine Sekundärquelle belegt.
5. Mikulincer, M., &amp; Shaver, P. R. (2016). *Attachment in Adulthood* (2. Aufl.). Zwei kontinuierliche Dimensionen der Erwachsenenbindung.
6. Mikulincer, M., &amp; Shaver, P. R. (2007). A Behavioral Systems Perspective on the Psychodynamics of Attachment and Sexuality. In: Diamond, Blatt &amp; Lichtenberg (Hrsg.), *Attachment and Sexuality*, S. 51–78. Analytic Press.

</details>

Wenn Sie wissen möchten, welche der drei Linien des Verlangens bei Ihnen die tragende ist, dauert der [Selbstauskunftsbogen](https://schatten-der-psyche.de/selbsttest) etwa zwölf Minuten. Er speichert keine Antworten. Woher die drei Linien stammen und wie sie zusammenhängen, steht [im Buch](https://schatten-der-psyche.de/ueber-das-buch).

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